Bild: Tina
"Das Wahre ist so der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist", schreibt Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel in seiner "Phänomenologie des Geistes". Was sagt uns dieser Satz? Das Wahre hätte, nach Hesiods „gliederlösendem Eros“, so ausgesprochen am Anfang der kosmogonischen Weltwerdung in seiner „Theogonia“, die Wirkung des Eros, welcher nicht nur des Leibes Glieder löst, sondern zum Tanzen, Singen und Lachen (und vielleicht auch mehr) bringt. Man braucht nicht tiefer in philosophische Gedanken abdriften - auch wenn die eine oder andere getrunkene Flasche Wein (und das wurde im durchaus kräftezehrenden Selbststudium des Öfteren ausprobiert) dazu anregt -, um den Bogen zur neuen Single "Vino Forever" von Tina zu spannen.
Denn Tina gebärdet sich - noch expliziter als bei den beiden Vorgängern "Lavaboy" und "Rosmarin" - auf "Vino Forever" als Femme fatale, singt leichtfertig über hemmungslose Lust und zelebriert das Verlangen nach Nähe, ohne dabei rot zu werden: Rot ist hier die Farbe des Weins allein, der ihr lasziv von den Lippen tropft. Es ist ja keine Überraschung: Nicht nur mir, vielen (freiwilligen) Probanden dürfte aufgefallen sein, dass zwei, drei Gläschen Wein Lockerheit entfachen - man ist mehr bereit, seinen zwischenmenschlichen Gefühlen nachzugeben, Hemmungen abzubauen und kommunikativer ans Gegenüber heranzutreten. Und dies ist übrigens keine Einbildung, sondern wissenschaftlich bewiesen: Das Ethanol im Wein stimuliert den Hypothalamus, und dies ist der Bereich im Gehirn, der unter anderem unser Sexhormon steuert. So kommt es nicht von ungefähr, dass bereits bei den alten Römern (bekanntermaßen keine Kostverächter auf Seiten des Weins und der Liebe) bezeichnenderweise der dem griechischen Dionysos entsprechende Bacchus der Gott der Fruchtbarkeit, der Ekstase und des Weines war.
Dabei brilliert "Vino Forever" ähnlich wie "Oxytocin" von Billie Eilish - übrigens ein Hormon, dass bei Orgasmen eine wichtige Rolle spielt - mit seinem bullig-anrüchigen Charakter, der zwischen EDM, Dance, Dubstep und und Industrial Pop changiert, freilich nicht ohne die bereits von Tina bekannte Zuckersüße. "Vino Forever" ist hypnotisch, verführt mit einem orgiastischen Overdrive, mit verruchten Synths, lo-fi Beats, einem Stroboskop-geschwängerten, Trockeneisnebel-verhangenen Club Groove und einem generell an- und aufregenden Gestus. Übrigens: Während man bei "Oxytocin" Billies Hund Shark im Hintergrund hören kann, lässt auch Tina ein kurzes, ruchloses Aufbellen hören - schmutzig ist, wer schmutziges denkt (also: alle).
Kurzum: "Vino Forever" hat eine ähnlich anregende Wirkung, wie die libidinös-spritzigen Flaschen Pétillant Naturel, die ich mir in regelmäßigen Abständen in meinem Stammlokal BRUDER kredenzen lasse - Song wie Sprudel verleihen einzelnen Körperregionen (Ähm. Herz?) definitiv Flügel. Cheerio, Miss Sophie.