Bild: Lukas Beck
Der Kult-und Erfolgsautor Thomas Brezina ("Die Knickerbocker-Bande", “Tom Turbo”) hat lange Zeit nicht über seine Homosexualität gesprochen. Das ist nun anders, mittlerweile will der 61-Jährige (etwa auch in seinem Bühnenprogramm “Liebe, Lachen, anders machen” anderen Mut machen – und wehrt sich gegen den Begriff „Outing“. In seinem neuen, soeben erschienen Buch “Liebe ist niemals normal” erzählt er auch über eigene Erfahrungen.
Thomas Brezina inspiriert mit seinen über 600 (!) Büchern, Podcasts, Social Media-Beiträgen und Vorträgen seit jeher alle Altersgruppen – aber über sein Privatleben hat er lange Zeit ein Geheimnis gemacht. Es gab Gerüchte, schon früh in seiner Karriere, dass Brezina homosexuell sei. Doch es war erst 2017, mit 54 Jahren, als er das erste Mal über seine Beziehung – nein: Ehe! – mit einem Mann sprach, und das auch noch vor dem Mikrofon des größten Radiosenders des Landers, in der größten Interview-Sendung des Landes.
Thomas Brezina, das sagt er in seinem Bühnenprogramm „Lieben, Lachen, anders machen: Eine Anleitung für ein Leben voller Freude“, war nicht immer glücklich. Heute ist er es. Sein Ehemann Ivo hat großen Anteil daran: Ihren Hochzeitstag bezeichnet Brezina als schönsten Moment seines Lebens. Kein Wunder, dass sich Thomas Brezina kürzlich erschüttert zeigte: Anfang Mai postete er ein Video mit seinem Ehemann Ivo. Damit wollte er jüngeren Menschen Mut zusprechen, geduldig zu sein, wenn es um die Liebe geht. Allerdings fluteten hierauf abwertende Hass-Kommentare seinen Instagram-Kanal: “Ich kann nicht fassen, dass 2025 so etwas noch passiert. Hass, Beleidigungen, Homophobie wie aus einer vergangenen Zeit”, sagt Brezina dazu. Aber auch: “Jetzt erst recht!”
Und das just zu dem Zeitpunkt, an dem Brezinas erster queerer Roman erschienen ist: “Liebe ist niemals normal”. Die Geschichte ist typisch Brezina: Die Hauptfigur Julian ist ein netter, aber schüchterner Loser mit Hühnerbrust, der aber eigentlich ziemlich leiwand ist. Julian kommt aus einer “Kloschüsseldynastie” aus der österreichischen Provinz und studiert inzwischen BWL in Wien. Sein “Outing” - auch wenn Brezina diesen Begriff eigentlich gar nicht mag, siehe dazu unser Interview - verlief alles andere als problemlos, sogar der Vater hat sich von ihm entfremdet. Die Mutter hat sich endlich “damit” abgefunden, setzt Julian aber gehörig unter Druck: Sie will endlich seinen “Boyfriend” kennenlernen. Das Problem dabei: Julian hat keinen. Also heißt es für Julian: Daten, daten, daten! Und wir, die Leser*innen von “Liebe ist niemals normal”, reisen mit Julian fortan durch einen sehr realistischen und alles andere als einfachen Querschnitt des heutigen, diversen Sexual- und Liebesmarkts und neuester Beziehungsmodelle - und merken dabei vielleicht selbst: Wirklich leicht hat es niemand.
Was können Dating-Apps? Wie gehen wir mit Unverbindlichkeit, Zurückweisungen und Ängsten um? Wie sprechen wir Kinks - also unsere sexuellen Vorlieben - an? Und was ist mit Kinderwünschen? All dies sind Fragen, die bei der Lektüre der 300 Seiten von “Liebe ist niemals normal” in unseren Köpfen zu kreisen beginnen und man wird erneut einem großen Geschick von Thomas Brezina gewahr: So wie damals, in der Kindheit, als man zum Beispiel die “Knickerbocker-Bande” verschlungen hat, schafft Brezina auch in seiner “Erwachsenenliteratur” positive Blickwinkel und Optimismus - allerdings ohne Zeigefinger, “Liebe ist niemals normal” ist in erster Linie ein “Mutmacherbuch” (und das auch über die Liebe hinaus). Bei Brezina regiert immer die Freundschaft, die Freundlichkeit, die Hoffnung - und das ist etwas, das wir uns vielleicht alle ans Herz heften sollten.
Und, vor allem wenn wir gerade “auf der Suche” nach dem Traummann oder der Traumfrau sind, auch einen Tipp von Thomas Brezina beherzigen: “Wer nicht sucht, der findet.”
Ich selbst habe mich nie anders gefühlt. In der fünften Klasse im Gymnasium hat ein Mitschüler mich vor allen anderen als „warmen Ofen“ bezeichnet. „Warm“ war damals eine Art Schimpfwort für schwul. Ich habe mich bloßgestellt gefühlt und auf einmal bemerkt, dass die Art, wie ich liebe, als minderwertig gesehen wird. Bis zur Matura habe ich dann versucht, so zu sein wie alle anderen. Was natürlich komplett schief gegangen ist.
Ich finde es ehrlich gesagt ziemlich dreist zu erwarten, dass jeder Mensch, der in der Öffentlichkeit steht, sein Privatleben offenlegt. Ich persönlich lehne auch das Wort “Outing” ab. Jeder Mensch hat das Recht zu sein, wie dieser Mensch sein will. Wer darüber sprechen oder mehr davon zeigen will, der soll es tun und niemandem steht es zu, darüber zu urteilen. Dazu kommt, dass Offenheit und Liberalität in Österreich in den vergangenen 25 Jahren sehr gewachsen sind.
Ich habe nie etwas geheim gehalten, ich habe nur nicht darüber gesprochen. Mein früherer Partner und ich waren überall gemeinsam unterwegs. In Interviews habe ich immer den Respekt erfahren, dass akzeptiert wurde, dass ich damals keine Fragen zu meinem Privatleben beantwortet habe.
Ivo und ich haben vor acht Jahren in London geheiratet und danach unsere Ehe in Österreich eintragen lassen. Bei der Mitternachtspräsentation meines ersten Buches für Erwachsene, „Alte Geister ruhen unsanft“ - die Knickerbocker-Bande 20 Jahre später - sind 700 Leute in die Buchhandlung gekommen. Ich war so gerührt und glücklich und habe damals gesagt, dass nach meinem Hochzeitstag dieser Moment sicherlich der schönste meines Lebens ist. Am nächsten Tag bin ich in einem Interview gefragt worden, wen ich denn geheiratet hätte. Meine Antwort war: Meinen Mann Ivo, in London. Ich wurde dann gefragt, was ich sonst noch darüber sagen möchte. Meine Antwort: „Wir sind sehr glücklich und jeden Tag in der Früh stellen wir uns die Frage: Was kann ich heute tun, damit dein Tag ein bisschen schöner wird.“ Das war’s.
Großartig. Ich hab mich sehr gefreut, dass von einem Tag auf den anderen Fragen wie: „Und was sagt Ihr Mann dazu?“ oder „Und wie geht es Ihrem Mann?“ selbstverständlich geworden sind. Auf der Straße laufen Menschen Ivo manchmal nach und bitten ihn, ein gutes Wort bei mir einzulegen, damit sie ein Selfie machen können. Ich erzähle auf Instagram und TikTok über uns und unser Leben, um anderen zu zeigen: Es ist selbstverständlich und jeder hat das Recht so zu leben.
Ich würde sehr ersuchen, dass das Wort „outen“ nicht ständig verwendet wird. Es macht jungen Leuten nämlich ungeheuer Druck, der nur unangenehm ist und zu nichts führt. Meine Eltern, mein Freundeskreis und viele andere haben mir jahrzehntelang gezeigt, dass es für sie selbstverständlich ist, wie ich bin. Um darüber auch öffentlich zu reden braucht es die richtige Zeit, den richtigen Moment und man muss fühlen, dass es nicht erzwungen ist. Nein, ich würde nichts anders machen. Zum Glück hat sich gesellschaftlich aber einiges geändert gegenüber früher.
… und auch über den Weg, wie wir einander gefunden haben, was wir davor alles erlebt haben, was ich über die Suche nach einem Partner und eine erfüllte Ehe gelernt habe. Ivo und ich wurden sogar eingeladen, vor einer Schule über unser Leben als Künstler und unsere Ehe zu reden. Immer wieder wird mir erzählt, dass wir ein Vorbild für andere sind. Das freut mich. Öffentlich leben wir, um anderen Mut zu machen und/oder weiterzugeben, was wir gelernt haben und was anderen vielleicht nützlich sein kann.
Mir gegenüber und offen habe ich sie bisher nicht erlebt gehabt. Wenn ein Posting über Ivo und mich sehr viele Views bekommt, dann mischen sich auch immer wieder homophobe Gruppen dazu, die sehr eigenartige Kommentare hinterlassen. Ich weiß, dass viele Follower aber sehr entschieden gegen diese Kommentare vorgehen, und darauf kommt es an.
Nur weil ich schwul bin, bin ich nichts Besonderes. Und nur weil andere ein Problem haben, sich mit – für sie persönlich – anderen Zugängen auseinander zu setzen, sind sie nicht von vornherein böse Menschen. Ich verwende immer wieder das Wort Selbstverständlichkeit. Es muss für queere Menschen eine Selbstverständlichkeit werden, wie sie leben und auftreten. Ich weiß, das ist viel verlangt und absolut nicht einfach. Queere Beziehungen muss der Hauch der Sensation genommen werden, der von anderen missbraucht wird. Grundsätzlich denke ich, dass manche Menschen auch einfach Zeit brauchen, sich mit Andersartigkeit auseinanderzusetzen und sie schließlich als selbstverständlich zu sehen. Vieles davon klingt wie eine Wunschvorstellung, aber Schritt für Schritt ist sie zu erreichen.
Ich weiß es ganz ehrlich nicht. Die Kommerzialisierung des Regenbogen-Symbols gefällt mir wenig. Der Pride Month und die Pride Parade bedeuten vielen eine Menge, so haben sie auch ihre Berechtigung und Wichtigkeit. Ich selbst aber finde, dass daraus das Pride Year werden muss.
Darüber gibt es Videos auf meinen Social Media-Kanälen und in meinem Soloprogramm „Lieben, Lachen, Anders machen - Anleitung für ein Leben voller Freude“ erzähle ich viel davon. Nur so viel: wir haben uns auf einer Sexdating-App kennen gelernt, sind Freunde geworden und dachten beide, dass der andere an einer Beziehung nicht interessiert ist.
Auch darüber gibt es viel auf Social Media und in meinem Programm. Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass Menschen und Partner unterschiedlich und eigenständig sind. Auf die gleichen Werte kommt es an.