Bild: Jonas Unden
“Ich find‘s ja cool, wenn Frauen so ‘ne Art Emanzen-Rap machen”, heißt es in Ikkimels neuer Single: Das Pflichtprogramm besteht aus einem Dopamin-Trip zwischen Ficken, Saufen und Kotzen.
Seit den Loveparades der Neunziger hat kein so stumpf daher ballernder popmusikalischer Trend so viele Frage-, wie auch Ausrufezeichen hinterlassen, wie dieser “Emanzen-Rap”, der von den Protagonistinnen selbst gerne auch einmal als “Fotzen-Rap” betitelt wird. Denn dieser neue Feminismus im Deutschen Pop ist ein Dammbruch: Sängerinnen wie Ikkimel, aber auch Zsá Zsá oder VICKY verschieben die Grenzen des Sagbaren, sind mit expliziten Lyrics und hypersexualisierter Selbstinszenierung wie aus dem Nichts wahnsinnig erfolgreich – dabei ist ihr einziger Tabubruch jener, dass sie lediglich die Position einnehmen, die ihre männlichen Kollegen vor ihnen zu gepachtet haben schienen, und das über Jahrzehnte hinweg.
Die Zeiten haben sich nun auch einmal verändert: Um viral zu gehen – das Schlagwort der Stunde – zählt längst nicht nur die Musik – in erster Linie irgendwo zwischen Hyper-Pop und Party-Rap, sondern in erster Linie das Image. Beste Beispiele dafür: Zsá Zsá ("Bad Bunnies") ging auf TikTok bereits durch die Decke, ohne je zuvor ein Album veröffentlicht zu haben und VICKY ("T-Shirt hoch, Titten raus") hat es binnen eines Jahres (!) nicht nur in ausverkaufte mittelgroße Clubs, sondern gar auf die großen Festivalbühnen geschafft. Warum? Natürlich sind die Songs catchy, wenngleich viele nicht unähnlich klingen. Aber in erster Linie geht es darum, dem Patriarchat den Spiegel vorzuhalten: “Fotze” – so nannte Ikkimel, diese gehypte Mutti aus Berlin, ihr Debütalbum vergangenes Jahr. Ein Titel wie eine Kampfansage: Einst das schlimmste, weil despektierlichste Schimpfwort fürs weibliche Geschlecht, wird “Fotze” nun zur Selbstermächtigung – ein Reclaiming für die sexuell befreite Frau. “Fotzen an die Macht” fordern auch die zwei Berliner “Bitches aufm Weg zur Party”, 6euroneunzig, im Titel ihres Debütalbums, das dieses Jahr erschienen ist. Mit “jetzt sind die Weiber dran” umrahmt Ikkimel das programmatische Konstrukt, das zwar derb, aber wohl ironisch-überzeichnet der Gesellschaft den Spiegel vorhält.
Ist das anstößig oder rückschrittig? Ist das Female Empowerment oder Reproduktion sexistischer Stereotype? Das sind Fragen, die nur das Feuilleton stellt – dem (vornehmlich jungen, weiblichen) Publikum ist’s scheißegal: Tabubrüche gehören zum Deutschrap ohnehin dazu, und zum ersten Mal haben junge Mädchen weibliche Vorbilder, die aufzeigen, dass man auch mal den eigenen Mund aufmachen, den eigenen Mittelfinger erigieren darf, wenn einem etwas auf den Senkel geht. Das ist nicht dieser langweilige klassische, akademische Feminismus, für den sich niemand außerhalb der Bubble interessiert, sondern prolliger Straßenfeminismus: Der, der sich am Festival mit einer Urinella zwischen den Schenkeln neben dem rotzefetten Typen an den Bauzaun stellt und laufen lässt. Dass diese Provokation bevorzugt in bestimmten Körpern (weiß, schlank, jung) funktioniert: Geschenkt, das ist das Problem vom Emanzen-Rap von morgen. Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.
Dieser Trend ist dabei letztlich auch nur die deutsche Übersetzung von dem, was Charli XCX vor zwei Jahren (jedoch: weniger derb) mit ihrem “brat”-Image losgetreten hat: Brat Girls sind keine gefügigen, angepassten Tradwifes, sondern auch mal verpeilt und verkatert, weil es auf der Party am Vorabend wieder mal sehr geschmeckt hat. Und ganz ehrlich: Nachdem die Zielgruppe in erster Linie diese (weibliche) Post-Pandemie-Gen-Z-Generation ist, die in ihrer prägenden Phase wirklich null Spaß hatte - gerade ihnen können wir doch nun einmal ein bisserl Selbstfindung gönnen. Und wenn wir uns selbst bei der Nase nehmen, gehört dazu auch, hie und da Grenzen zu überschreiten. Oder, um erneut Ikkimel zu zitieren: "Mach dich locker."
Das Debütalbum “Fotzen an die Macht” von 6euroneunzig ist zu Jahresanfang erschienen und gibts nicht nur auf nicem pinken Vinyl, sondern auch im Bundle - unter anderem mit Tanga.
Nach zahlreichen mega-erfolgreichen Singles erscheint am 27. März nun VICKYs Debütalbum, das “Swaglord Mixtape”, das ab sofort auch im Bundle vorbestellbar ist.
Gerade erst hat Ikkimel verlautbart, dass bereits am 15. Mai - und somit kurz vor ihrem Geburtstag - ihr neues Album erscheinen wird: Es trägt den wunderschönen Titel “Poppstar” und ist bereits vorbestellbar.
“Frech”, das neue Album von Mariybu, erscheint am 15. Mai und ist bereits vorbestellbar: Unter anderem auch auf orangem Vinyl, handsigniert und mit “f0dse”-Sticker, den man über jedes Pissoir kleben darf.
Zsá Zsá hat erst vergangenen Herbst ihr Debütalbum “Thirst Trap” veröffentlicht, und nun vor wenigen Wochen ihre aktuellste Single “papi”. Nices Merch gibts in ihrem Online-Store, leider keine Vinyl.