Bild: Luis Engels
Knapp zehn Jahre lang schwebten Wanda in lichten Höhen. Sie schrieben einen Hit nach dem anderen, die bespielten Hallen wurden immer größer, die Verkaufszahlen für ihre Konzerte reichhaltiger. Dann verstarb Keyboarder und Freund Christian Hummer im September 2022, gefolgt von Marco Wandas Vater nur wenige Monate später. Das österreichische Rock’n’Roll-Flaggschiff musste sich nicht nur aus diesen tragischen Krisen herausarbeiten, es musste sich auch neu orientieren und einen Weg zu einer offenen, ehrlichen und nachhaltigen Gemeinschaft finden.
Wanda drehten an Personalschrauben, setzten auf intensive, intime Gespräche und stellten auch den musikalischen Kompass auf den Ausgangspunkt zurück. Das Ergebnis ist das sechste Studioalbum „Ende nie“, auf dem Wanda so experimentierfreudig und auch reduziert wie nie zuvor ans Werk gehen. Nach Jahren des Sprints sind die Wiener nun bereit für den Marathon des Lebens.
Es fühlt sich in der Machart wirklich wie ein Debüt an. Es war das allererste Mal, dass wir nur zu Dritt Musik gemacht haben und jeder, der das Album bislang gehört hat, findet es gut. Das ist schon mal nicht schlecht (lacht).
Die Songs sind in einem Zeitraum von etwa einem Jahr entstanden. Insofern hat die Platte natürlich ein Kaleidoskop an Emotionen zu bieten, denn kein Mensch bleibt ein Jahr lang in derselben Gemütsstimmung. Für mich taumelt das Album zwischen Trauer und Euphorie, es stehen viele Gefühle nebeneinander. Nicht so wie bei „Nevermind“ von Nirvana, wo alles aus einem psychischen Guss entstanden ist und man merkt, dass ein bestimmtes Gefühl den Vibe dominiert. Bei uns war das aber nie so, alle unsere Platten haben Fenster zu verschiedensten Emotionen.
Naja, wir hatten mit Christian zehn Jahre lang einen Keyboarder und Pianisten. Da diese Stelle gewissermaßen frei ist, wollte und musste ich sie füllen. Das hat mir als Musiker viel gebracht. Ich bin mit dem Klavier sehr warm geworden und finde, es ist ein tolles Instrument, auf dem man sich völlig anders ausdrücken kann als auf einer E-Gitarre. Eine E-Gitarre ist entweder ein elektrischer Phallus oder das Tor in eine mittelmäßige Ballade – dazwischen gibt es als Liedermacher sehr wenig. Für echte Gitarristen tut sich natürlich eine breitere Palette auf, um sich auszudrücken. Ich kann auf Tasten ganz anders arbeiten und habe Klavier als Kind gelernt.
Die Ballade und die Hymne sind die absoluten Königsdisziplinen. „We Are The Champions“ oder „The Show Must Go On“ von Queen zum Beispiel. Nicht einfach, das schreibt man nicht zum Frühstück.
Der finale Streich, aber bei mir hat jeder Song vorher mehrere Leben. Ganz viele Songs sind ursprünglich zehn Nummern, die ich zu einem verdichte. „Bei niemand anders“ hatte auch ein paar andere Varianten und es begann interessanterweise an der Gitarre. Dort steckte ich, also ging ich zum Klavier, wo sich der Song schließlich entwickelte.
Gute Frage. Wenn man will, dass die Leute pogen und lachen, dann nicht. Wenn man will, dass die Leute weinen, muss man sich ans Klavier setzen. Es rührt das Herz ganz anders, auch einen Songwriter selbst. Es ist schwer, mit der Gitarre dazusitzen und etwas zu schreiben, das mich persönlich zum Weinen bringt. Dass mich ein Song selbst rührt, ist ein wichtiges Auswahlkriterium. Wäre dem nicht so, dann würde ich den Song nicht einmal Manu oder Ray zeigen (lacht). Das ist der letzte Punkt der Gewissheit. Der intime Moment, wo man einen Song in seiner eigenen Wohnung und Seele fertigstellt. Danach ist jeder einzelne Schritt nur noch von Zweifeln, Unsicherheit und dem Gefühl der Unzulänglichkeit getragen. Ich will das nicht überdramatisieren, weil es nicht die Qualität des Lebens beeinflusst. Es ist nur ein Prozess meines Lebens, Lieder zu schreiben. Wenn es allen gefällt und sie es irgendwann live mitsingen, dann weiß man, die Idee war kein Scheiß (lacht).
Ja klar, man muss sich immer rückbesinnen auf diese Momente mit sich selbst. Kann man das nicht, könnte man einen Song niemals anderen zeigen. Mein Ziel ist es auch nicht, Herausragendes zu leisten. Mir reicht es schon, wenn es kein Scheiß ist.
Ja, tatsächlich. Das sind Lebensthemen von mir, auch im Bezug auf unsere Karriere. Es ging so schnell nach oben, das mussten wir erst einmal verarbeiten. Es gibt dieses ewig langweilige und trotzdem so bedeutsame Bild von Marathon versus Sprint. Das was wir tun, muss ein Marathon werden und darf kein Sprint bleiben. Im Sprint verausgabt man sich und den Marathon könnte man über Jahrzehnte laufen. Es geht gar nicht ums gewinnen, aber wir wollen so lange laufen, bis wir sterben (lacht).
Das ist ein Prozess, der schon seit zwei Jahren läuft. „Ende nie“ war ein Baustein in unserem Wachsen als Gruppe, aber was wir seit zwei Jahren tun, ist, so gut wir können, miteinander reden. Der Wanda-Zug fuhr zehn Jahre lang mit einer derart hohen Geschwindigkeit, dass der Fahrtwind so laut wurde, dass wir unsere Worte nicht mehr verstanden haben. Jetzt, wo wir an gewissen Lebensstationen Pause machen, verstehen wir, was wir sagen und lernen miteinander zu kommunizieren. Das ist ein Prozess, der bleibt und der sich nicht mehr zurückentwickelt. Man kann ihn an keinem Punkt erklären. Weder in einem Bandgefüge, noch in Freundschaften, Beziehungen oder in der Familie.
Die Beatles sind allgegenwärtig in jeder Musik, die nach 1963 passiert ist (lacht). Auch bei uns erkenne ich sie. Es gibt im Booklet auch eine Texthommage an Oasis – ein kleines Osterei. Swifties würden es entziffern können (lacht). Vielleicht gibt es bei uns noch mehr solcher Dinge zu entdecken und irgendwann schreibe ich dann ein Enthüllungsbuch, über die ganzen versteckten Hinweise auf unseren Alben.
Wanda gastieren am 19. Juli in der Freiluftarena B in Graz, am 20. Juli gemeinsam mit Sportfreunde Stiller auf Burg Clam, am 30. August auf der Festung Kufstein und am 21. Dezember folgt das nun schon traditionelle Weihnachtskonzert in der Wiener Stadthalle D. Tickets gibt es bei oeticket.