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Kabarett & Comedy

Widerstand durch Reflux: David Stockenreitner bricht ins Dunkel

09.02.2026 von Hannes Kropik

In seinem neuen Programm lenkt David Stockenreitner unsere Aufmerksamkeit mit kompromisslosem Humor auf gesellschaftliche Probleme in einer Welt, die nicht besonders menschenfreundlich ist. Dass der Titel “Bricht ins Dunkel” an eine traditionsreiche Hilfskampagne erinnert, ist dabei natürlich kein Zufall.

Der gebürtige Kärntner David Stockenreitner, 35, hat das Licht der Welt dereinst zwei Monate zu früh erblickt – “also noch nicht ganz al dente”, wie er es selbst beschreibt. Die Folgen der infantilen Zerebralparese sind, dass der Wahl-Wiener sein linkes Bein und seinen rechten Arm nur sehr eingeschränkt bewegen kann. Und dass er schon in jungen Jahren den Humor als probates Mittel für sich entdeckte, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. 

Der vielfach ausgezeichnete Comedian – er gewann unter anderem das “Wiener Kabarettfestival” (2017), den “Stuttgarter Besen” (2022) und das “Passauer Scharfrichterbeil” (2023) – begann seine Karriere in der Open-Mic-Szene; 2019 debütierte sein erstes Soloprogramm “Down”. Aktuell tritt David Stockenreitner mit seinem Kollegen Marvin Tare in “Ziemlich schlechte Freunde” auf, am 17. März feiert sein mittlerweile drittes Solo-Programm “Bricht ins Dunkel” im Wiener Kabarett Niedermair Premiere.

Dein neues Programm heißt “Bricht ins Dunkel”. Welche Grundidee steht hinter diesem geschmackvollen Titel?

Die Idee ist: Widerstand durch Reflux, also quasi Erbrechen als Protestform. Weil das etwas ist, das die KI noch nicht kann. Ich weiß aber nicht, ob du “erbrechen” wirklich schreiben solltest.

Warum nicht? Das Wort beschreibt den Vorgang doch recht schön.

Gut. Ich habe mir nämlich gedacht: In Zeiten wie diesen sollten wir Menschen uns wieder auf unser Innerstes besinnen. Und das ist nicht metaphysisch gemeint.

Inwiefern ist das Erbrechen eine Protestform? Und: Wogegen protestierst du auf der Bühne?

Nicht wogegen, sondern wofür: für leistbares Wohnen, zum Beispiel. Außerdem ist Erbrechen eine wunderschöne, gemeinsame Tätigkeit. Sie kann uns Menschen helfen, außerhalb des Internets und der sozialen Medien wieder mehr zusammenzufinden. 

Aber wie kommt man auf so eine Idee?

Mein Problem ist: Ich überlege mir zu Beginn nicht viel. Ich bin eher ein Witzeschreiber – und um die Pointen herum baue ich dann das Gerüst einer Geschichte.

Das heißt: Am Anfang war nur der Slogan “Bricht ins Dunkel”?

Genau. Bei mir beginnt immer alles mit dem Titel. Beziehungsweise schreibe ich die ganze Zeit neue Nummern, von denen ich nicht weiß, was ich mit ihnen machen soll. Wenn es dann daran geht, ein neues Programm zu planen, überlege ich mir als erstes einen Titel. Und erst, wenn mir der Titel gefällt, kann ich einschätzen, in welche Richtung das Programm gehen wird.

Was hat dich an “Bricht ins Dunkel” so fasziniert, dass du dir gesagt hast: In diese Idee investiere ich jetzt sehr viel Zeit und Hirnschmalz?

Einerseits gefällt mir natürlich das Wortspiel. Und andererseits wäre Speiben für leistbares Wohnen gleichzeitig eine schöne Wohltätigkeitsverunstaltung (sic!)

Das Wortspiel bezieht sich natürlich auf die humanitäre Hilfskampagne “Licht in Dunkel”, die seit 1973 (und seit 1978 jeweils am Heiligen Abend live im ORF) Spenden für Sozialhilfe- und Behindertenprojekte sammelt. Und die gerade bei Menschen mit Behinderungen in der Kritik steht, weil Behinderte vor allem als Menschen dargestellt werden, die auf Mitleid angewiesen sind.

Die Hauptkritik ist, dass bei “Licht ins Dunkel” die Opferrolle behinderter Menschen medial ausgeschlachtet wird. Ich habe das selbst erlebt, als ich dort 2021 aufgetreten bin.

Was ist passiert?

Ich habe mir davor den linken Arm gebrochen (Anm.: den voll funktionstüchtigen) und hatte also genau null Arme zur Verfügung. Deshalb bin ich im Rollstuhl aufgetreten und hatte fünf Minuten Zeit, eine Nummer zu spielen. Und viereinhalb Minuten hat niemand gelacht. Weil die Leute im Publikum nicht zum Lachen da waren. Sie wollten traurig sein! Deshalb habe ich mir am Schluss gedacht: Jetzt ist es auch schon wurscht. Ich bin aus dem Rollstuhl aufgestanden und habe verkündet: “Oh Gott! Ein Weihnachtswunder ist geschehen!”

Wie haben die Leute reagiert?

Da haben sie dann gelacht (lacht).

In der Ankündigung deines neuen Programms beschreibst du die Welt als Ort, der nicht mehr besonders menschenfreundlich ist – unter anderem, weil uns “die sozialen Medien entgleiten”.

Stimmt, das ist Teil des Programms.

Aber Social-Media-Plattformen wie Instagram und TikTok scheinen für dich trotzdem relativ wichtige Werkzeuge zu sein, um mit deinem Publikum in Kontakt zu bleiben.

Nein, nicht “relativ wichtig”. Sie sind unerlässlich.

Wie gehst du mit diesem Zwiespalt um?

Soziale Medien sind wie eine Lobotomie. Aber nicht, weil dir dauernd irgendwer im Gehirn herummeißelt und du davon verblödest. Sondern weil die Lobotomie ursprünglich ebenfalls aus einer guten Absicht heraus entwickelt worden ist, nämlich um Schmerzen auszuschalten. Soziale Medien wiederum sind entwickelt worden, damit Menschen miteinander in Kontakt bleiben und kommunizieren und damit sie bei allen möglichen Themen mitreden können. In den vergangenen Jahren haben wir das mit der Meinungsfreiheit aber ein bisserl übertrieben …

Was spricht gegen Meinungsfreiheit?

Gar nichts, ich bin ein großer Freund der Meinungsfreiheit. Aber nicht jede Meinungsäußerung ist zwingend notwendig.

Nutzt du deine Social-Media-Accounts, um Pointen auszutesten, bevor du sie auf die Bühne bringst?

Ich bin nicht besonders begabt darin herauszufinden, welche Themen bei den Leuten ankommen. Aber wenn mir ein Witz einfällt, dann mache ich ein kurzes Video dazu, um selbst zu sehen, wie das klingt, wenn ich ihn ausspreche.

Aber das Gefühl, dass die Welt aktuell kein menschenfreundlicher Ort, werden wohl recht viele Menschen mit dir teilen. Wie weit ist Humor – und wie in deinem Fall speziell schwarzer Humor – ein gangbarer Weg, mit diesem Gefühl umzugehen?

Für mich selbst sind Humor und Selbstironie zwar keine Therapie, aber eine Ausflucht. Ich bin sehr konfliktscheu und reiße hundertmal lieber einen Witz, bevor ich ernsthaft ein Gespräch führe. Ernsthaft sein kann ich nicht – und will ich auch nicht.

Auch nicht im Privaten?

Nein. Sobald es irgendwie ernst wird, verfalle ich in eine Schockstarre.

Und Humor holt dich wieder raus aus dieser Schockstarre? 

Ja. Humor war schon in meiner Kindheit das einzige, worin ich gut war. Und irgendwann habe ich erkannt, dass ich den Humor zu meinem Vorteil nutzen kann. 

Und du hast offenbar erkannt, dass du deine Behinderung zum roten Faden deiner Nummern machen kannst.

In “Bricht ins Dunkel” geht es diesmal aber weniger um meine Behinderung und mehr um das Thema des menschlichen Miteinanders, des Zusammenlebens. 

Ah, das hast du in einer der älteren Nummern schon einmal angedeutet: “Immer nur behindert sein, ist halt auch fad.”

Ja, wobei: Die Behinderung ist ein Teil von mir, ich kann und will sie nicht verstecken. Und die Schwierigkeiten, mit denen ich im Alltag ständig konfrontiert bin, geben wirklich viel Stoff für die Kabarettbühne her. Da wäre ich ja schön blöd, würde ich darauf verzichten.

Ich hab' dich 2019 im Rahmen von Georg Hoanzls und Fritz Jergitsch“Kabarett Separee” erstmals live auf der Bühne gesehen. Und habe mir – Hashtag Political Correctness – gedacht: “Mit solchen Nummern würden nicht viele Kabarettist:innen durchkommen …”

Ja, aber manchmal ist diese Offenheit ein Nachteil. Oft kommen Leute nach der Vorstellung zu mir und sagen: “Ich habe gar nicht gewusst, ob ich lachen darf oder nicht.” Natürlich darfst du lachen! Sonst würde ich mich ja nicht auf die Bühne stellen und über meine Behinderung reden.

Hat deine Selbstironie irgendwelche Grenzen? Gibt es Tabus, über die du auf der Bühne nicht sprechen würdest? 

Nein. Aber es kommt immer drauf an, wie ich darüber spreche. Oder auch: Mit wem ich darüber spreche. Oft merke ich: So wie ich in meinem Freundeskreis eine Geschichte erzähle, kann ich das auf der Bühne nicht machen. Das ist aber wiederum das Schöne an der Comedy als Live-Kunstform: Du kannst eine Nummer in jeder Vorstellung nach Bedarf abändern. Wenn ein Schmäh heute komplett verreckt, kann ich ihn morgen schon wieder ganz anders aufbauen.

Du hältst dich also nicht panisch am Manuskript fest?

Im Gegenteil. Der Text ist nur ein Serviervorschlag. Ich kann jederzeit spontan reagieren und ihn adaptieren. Deshalb sind meine Auftritte auch nie hundertprozentig identisch.

Merkst du einen Unterschied? Reagiert das Publikum in urbanen Ballungsräumen anders als in kleineren Gemeinden? Und gibt es, weil du ja auch sehr viel in Deutschland spielst, einen Unterschied zwischen Österreich und Deutschland?

Ja, es gibt Unterschiede – aber ich kann sie nicht benennen. Was ich gemerkt habe: Ich hatte eine Nummer, die hat mit den Worten “Ich bin Veganer – was aber nicht stimmt” begonnen. In ländlichen Gegenden hat das oft schon für Lacher und Applaus gereicht. Wo ich aber wirklich einen starken Unterschied gemerkt habe, war bei meinen Open-Mic-Auftritten in London. Dort sind die Leute viel leichter zu unterhalten als in Österreich, dieser schwarze Humor kommt in England viel besser an als bei uns. Bei uns funktioniert schwarzer Humor nur in Zusammenhang mit Selbstironie. Sobald du jemand anderen damit konfrontierst, reagiert er im Normalfall recht wehleidig.

Wie bist du auf die Idee gekommen, in London aufzutreten?

Tatsächlich habe ich mit englischsprachigen Nummern begonnen, weil es vor 12 Jahren, als ich mit dem Kabarett begonnen habe, in Wien nur eine einzige regelmäßige Open-Mic-Veranstaltung gegeben hat – und die war eben auf Englisch. Das war damals die einzige Möglichkeit, sieben- bis zehnminütige Comedy-Nummern auf der Bühne auszuprobieren. Und das ist allemal besser zum Anfangen als mit null Erfahrung ein ganzes Solo zu schreiben und zu hoffen, dass irgendein Theater dich spielen lässt. 

Hast du eine internationale Karriere irgendwo im Hinterkopf?

Nein, ich wollte es nur einmal ausprobieren. Aber jetzt, wo du es sagst, könnte ich mir Auftritte in New York und Los Angeles und auf den großen Showbühnen in Amerika schon vorstellen …

Bis es so weit ist, wirst du uns aber nicht nur mit “Bricht ins Dunkel” erfreuen. Du trittst auch mit deinem Kollegen Marvin Tare im Duo als “Ziemlich schlechte Freunde” auf; der Titel ist eine Anspielung an den französischen Erfolgsfilm “Ziemlich beste Freunde” (2011). Wie ist es zu dieser Kooperation gekommen?

Wir kennen uns schon lang aus der Open-Mic-Szene. Dass wir jetzt gemeinsam auftreten, hat sich kurzfristig entwickelt. Ursprünglich wollten wir beide nur pro Hälfte je 20-minütige Stand-up-Sets spielen, aber dann haben wir eine Woche vor der Premiere erkannt, dass es doch lustiger wäre, wenn wir etwas gemeinsam machen. Und so entwickelt sich “Ziemlich schlechte Freunde” zu einem ziemlich schönen Abend.


Live-Termine


David Stockenreitner - "Bricht ins Dunkel"

17. März 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
14. April 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
12. Mai 2026 | Wien, Kabarett Niedermair
24. Mai 2026 | Wien, Kulisse
09. Juni 2026 | Wien, Kabarett Niedermair


Infos auf dem Stand vom 09.02.2026  

Tickets David Stockenreitner


Live-Termine


David Stockenreitner & Marvin Tare - "Ziemlich schlechte Freunde"

10. Februar 2026 | Linz, Posthof
27. November 2026 | Schärding, Kubinsaal am Schlosspark


Infos auf dem Stand vom 03.02.2026  

Tickets David Stockenreitner & Marvin Tare
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