Bild: Stefan Joham
In seinem neuen Programm lenkt David Stockenreitner unsere Aufmerksamkeit mit kompromisslosem Humor auf gesellschaftliche Probleme in einer Welt, die nicht besonders menschenfreundlich ist. Dass der Titel “Bricht ins Dunkel” an eine traditionsreiche Hilfskampagne erinnert, ist dabei natürlich kein Zufall.
Der gebürtige Kärntner David Stockenreitner, 35, hat das Licht der Welt dereinst zwei Monate zu früh erblickt – “also noch nicht ganz al dente”, wie er es selbst beschreibt. Die Folgen der infantilen Zerebralparese sind, dass der Wahl-Wiener sein linkes Bein und seinen rechten Arm nur sehr eingeschränkt bewegen kann. Und dass er schon in jungen Jahren den Humor als probates Mittel für sich entdeckte, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen.
Der vielfach ausgezeichnete Comedian – er gewann unter anderem das “Wiener Kabarettfestival” (2017), den “Stuttgarter Besen” (2022) und das “Passauer Scharfrichterbeil” (2023) – begann seine Karriere in der Open-Mic-Szene; 2019 debütierte sein erstes Soloprogramm “Down”. Aktuell tritt David Stockenreitner mit seinem Kollegen Marvin Tare in “Ziemlich schlechte Freunde” auf, am 17. März feiert sein mittlerweile drittes Solo-Programm “Bricht ins Dunkel” im Wiener Kabarett Niedermair Premiere.
Die Idee ist: Widerstand durch Reflux, also quasi Erbrechen als Protestform. Weil das etwas ist, das die KI noch nicht kann. Ich weiß aber nicht, ob du “erbrechen” wirklich schreiben solltest.
Gut. Ich habe mir nämlich gedacht: In Zeiten wie diesen sollten wir Menschen uns wieder auf unser Innerstes besinnen. Und das ist nicht metaphysisch gemeint.
Nicht wogegen, sondern wofür: für leistbares Wohnen, zum Beispiel. Außerdem ist Erbrechen eine wunderschöne, gemeinsame Tätigkeit. Sie kann uns Menschen helfen, außerhalb des Internets und der sozialen Medien wieder mehr zusammenzufinden.
Mein Problem ist: Ich überlege mir zu Beginn nicht viel. Ich bin eher ein Witzeschreiber – und um die Pointen herum baue ich dann das Gerüst einer Geschichte.
Genau. Bei mir beginnt immer alles mit dem Titel. Beziehungsweise schreibe ich die ganze Zeit neue Nummern, von denen ich nicht weiß, was ich mit ihnen machen soll. Wenn es dann daran geht, ein neues Programm zu planen, überlege ich mir als erstes einen Titel. Und erst, wenn mir der Titel gefällt, kann ich einschätzen, in welche Richtung das Programm gehen wird.
Einerseits gefällt mir natürlich das Wortspiel. Und andererseits wäre Speiben für leistbares Wohnen gleichzeitig eine schöne Wohltätigkeitsverunstaltung (sic!).
Die Hauptkritik ist, dass bei “Licht ins Dunkel” die Opferrolle behinderter Menschen medial ausgeschlachtet wird. Ich habe das selbst erlebt, als ich dort 2021 aufgetreten bin.
Ich habe mir davor den linken Arm gebrochen (Anm.: den voll funktionstüchtigen) und hatte also genau null Arme zur Verfügung. Deshalb bin ich im Rollstuhl aufgetreten und hatte fünf Minuten Zeit, eine Nummer zu spielen. Und viereinhalb Minuten hat niemand gelacht. Weil die Leute im Publikum nicht zum Lachen da waren. Sie wollten traurig sein! Deshalb habe ich mir am Schluss gedacht: Jetzt ist es auch schon wurscht. Ich bin aus dem Rollstuhl aufgestanden und habe verkündet: “Oh Gott! Ein Weihnachtswunder ist geschehen!”
Da haben sie dann gelacht (lacht).
Stimmt, das ist Teil des Programms.
Nein, nicht “relativ wichtig”. Sie sind unerlässlich.
Soziale Medien sind wie eine Lobotomie. Aber nicht, weil dir dauernd irgendwer im Gehirn herummeißelt und du davon verblödest. Sondern weil die Lobotomie ursprünglich ebenfalls aus einer guten Absicht heraus entwickelt worden ist, nämlich um Schmerzen auszuschalten. Soziale Medien wiederum sind entwickelt worden, damit Menschen miteinander in Kontakt bleiben und kommunizieren und damit sie bei allen möglichen Themen mitreden können. In den vergangenen Jahren haben wir das mit der Meinungsfreiheit aber ein bisserl übertrieben …
Gar nichts, ich bin ein großer Freund der Meinungsfreiheit. Aber nicht jede Meinungsäußerung ist zwingend notwendig.
Ich bin nicht besonders begabt darin herauszufinden, welche Themen bei den Leuten ankommen. Aber wenn mir ein Witz einfällt, dann mache ich ein kurzes Video dazu, um selbst zu sehen, wie das klingt, wenn ich ihn ausspreche.
Für mich selbst sind Humor und Selbstironie zwar keine Therapie, aber eine Ausflucht. Ich bin sehr konfliktscheu und reiße hundertmal lieber einen Witz, bevor ich ernsthaft ein Gespräch führe. Ernsthaft sein kann ich nicht – und will ich auch nicht.
Nein. Sobald es irgendwie ernst wird, verfalle ich in eine Schockstarre.
Ja. Humor war schon in meiner Kindheit das einzige, worin ich gut war. Und irgendwann habe ich erkannt, dass ich den Humor zu meinem Vorteil nutzen kann.
In “Bricht ins Dunkel” geht es diesmal aber weniger um meine Behinderung und mehr um das Thema des menschlichen Miteinanders, des Zusammenlebens.
Ja, wobei: Die Behinderung ist ein Teil von mir, ich kann und will sie nicht verstecken. Und die Schwierigkeiten, mit denen ich im Alltag ständig konfrontiert bin, geben wirklich viel Stoff für die Kabarettbühne her. Da wäre ich ja schön blöd, würde ich darauf verzichten.
Ja, aber manchmal ist diese Offenheit ein Nachteil. Oft kommen Leute nach der Vorstellung zu mir und sagen: “Ich habe gar nicht gewusst, ob ich lachen darf oder nicht.” Natürlich darfst du lachen! Sonst würde ich mich ja nicht auf die Bühne stellen und über meine Behinderung reden.
Nein. Aber es kommt immer drauf an, wie ich darüber spreche. Oder auch: Mit wem ich darüber spreche. Oft merke ich: So wie ich in meinem Freundeskreis eine Geschichte erzähle, kann ich das auf der Bühne nicht machen. Das ist aber wiederum das Schöne an der Comedy als Live-Kunstform: Du kannst eine Nummer in jeder Vorstellung nach Bedarf abändern. Wenn ein Schmäh heute komplett verreckt, kann ich ihn morgen schon wieder ganz anders aufbauen.
Im Gegenteil. Der Text ist nur ein Serviervorschlag. Ich kann jederzeit spontan reagieren und ihn adaptieren. Deshalb sind meine Auftritte auch nie hundertprozentig identisch.
Ja, es gibt Unterschiede – aber ich kann sie nicht benennen. Was ich gemerkt habe: Ich hatte eine Nummer, die hat mit den Worten “Ich bin Veganer – was aber nicht stimmt” begonnen. In ländlichen Gegenden hat das oft schon für Lacher und Applaus gereicht. Wo ich aber wirklich einen starken Unterschied gemerkt habe, war bei meinen Open-Mic-Auftritten in London. Dort sind die Leute viel leichter zu unterhalten als in Österreich, dieser schwarze Humor kommt in England viel besser an als bei uns. Bei uns funktioniert schwarzer Humor nur in Zusammenhang mit Selbstironie. Sobald du jemand anderen damit konfrontierst, reagiert er im Normalfall recht wehleidig.
Tatsächlich habe ich mit englischsprachigen Nummern begonnen, weil es vor 12 Jahren, als ich mit dem Kabarett begonnen habe, in Wien nur eine einzige regelmäßige Open-Mic-Veranstaltung gegeben hat – und die war eben auf Englisch. Das war damals die einzige Möglichkeit, sieben- bis zehnminütige Comedy-Nummern auf der Bühne auszuprobieren. Und das ist allemal besser zum Anfangen als mit null Erfahrung ein ganzes Solo zu schreiben und zu hoffen, dass irgendein Theater dich spielen lässt.
Nein, ich wollte es nur einmal ausprobieren. Aber jetzt, wo du es sagst, könnte ich mir Auftritte in New York und Los Angeles und auf den großen Showbühnen in Amerika schon vorstellen …
Wir kennen uns schon lang aus der Open-Mic-Szene. Dass wir jetzt gemeinsam auftreten, hat sich kurzfristig entwickelt. Ursprünglich wollten wir beide nur pro Hälfte je 20-minütige Stand-up-Sets spielen, aber dann haben wir eine Woche vor der Premiere erkannt, dass es doch lustiger wäre, wenn wir etwas gemeinsam machen. Und so entwickelt sich “Ziemlich schlechte Freunde” zu einem ziemlich schönen Abend.