Bild: Timmi Adesanya
Marvin Tare beschreibt in seinem Debütprogramm “Isaawaahsiin!” in einem launigen Mix aus Stand-up, Kabarett und Culture Clash Comedy den ganz normalen Wahnsinn, mit dem man als Sohn einer Österreicherin und eines Nigerianers täglich konfrontiert wird. Der Salzburger macht sich aber nicht nur über den Rassismus lustig.
Marvin Tare – bürgerlich Marvin Tare Landl – ist der Sohn einer steirischen Sozialarbeiterin und des austro-nigerianischen Sängers und Musikers Sam Brisbe. Und obwohl er nach dem Soulsänger Marvin Gaye benannt ist, war Musik nie eine echte Karriereoption für den in Salzburg aufgewachsenen Wahl-Wiener. Stattdessen zieht es den studierten Kultur- und Sozialanthropologen in die Welt der Comedy: Vor kurzem hat der Preisträger des Nachwuchs-Awards “Freistädter Frischling” sein erstes Stand-up-Programm “Isaawaahsiin!” vorgestellt. Außerdem ist er mit dem Kärntner Kabarettisten David Stockenreitner - bekannt etwa aus der von Hosea Ratschiller präsentierten Sendung “Pratersterne”, sowie als Mitglied der ORF-Sendung “Was gibt es Neues?” - im gemeinsamen Programm “Ziemlich schlechte Freunde” auf der Bühne zu erleben.
Extrem froh. Und erleichtert. Ich habe sehr lang auf diese Premiere hingearbeitet. Ich trete seit Jahren bei Open-Mic-Abenden auf und habe immer wieder neue Nummern geschrieben, ausprobiert, verworfen, und das Programm somit Stück für Stück weiterentwickelt.
Ich versuche, mich als Künstler nicht nur auf ein Thema zu fokussieren. Aber da ich in erster Linie über Dinge schreibe, die ich tatsächlich erlebt habe, spreche ich auf der Bühne natürlich – auch – über die Geschichte meiner Herkunft und leider teilweise über Rassismus. Wichtig ist mir aber, Themen aufzugreifen, bei denen sich ein möglichst breites Spektrum an Menschen angesprochen fühlt. Für mich ist das Verbindende spannender als das Trennende.
In meinem Umfeld, das sehr multikulturell geprägt ist, habe ich gemerkt: Eigentlich geht niemand aus meinem Freundeskreis ins Kabarett. Weil sie das Gefühl haben: Auf Kleinkunstbühnen werden kaum Themen verhandelt, die ihre Lebensrealität abbilden.
Weil ich mir irgendwann gedacht habe: Das kann ja nicht sein! Es gibt so viele Begebenheiten, die man erzählen kann und bei denen sich auch Menschen mit multikulturellem Hintergrund denken: Ja, da kapiert einer, wie mein Leben ausschaut, da ist einer, der mich sieht und versteht. Ich will eine Brücke zwischen dem österreichischen Kabarett und angloamerikanischen Comedians schlagen, die mich in den vergangenen Jahren sehr geprägt haben – nicht zuletzt, weil deren Themen oft sehr nah an meinem Leben dran sind.
Das war eindeutig Trevor Noah (Anm.: Soeben Moderator bei den GRAMMYs.). Sein familiärer Background mit so unterschiedlichen kulturellen Identitäten (Anm.: Trevors Mutter ist Südafrikanerin, sein Vater Schweizer. Die Beziehung der Eltern war – siehe Trevor Noahs Biografie “Born a Crime” – nach dem damals geltenden Apartheitsgesetz illegal.) hat mich so begeistert, dass ich letztendlich sogar gesagt habe: Ich muss auch auf die Bühne!
Nein. Er hat zwar sein eigenes Studio und ich habe dort ein paar Sachen ausprobiert und für mich zum Spaß aufgenommen. Aber als es daran gegangen ist, mich selbst künstlerisch zu entwickeln, habe ich erkannt, dass die Musik nicht mein Metier ist. Aber er hat mich auf andere Weise als Künstler beeinflusst.
Mein Vater hat hin und wieder kleinere Bühnenrollen übernommen, unter anderem am Wiener Burgtheater. Schauspiel hat mich deshalb immer wieder fasziniert; ich bin ja in Salzburg aufgewachsen und bin deshalb öfters als Statist oder in kleinen Sprechrollen bei den Festspielen aufgetreten - zum Beispiel in den Mozart-Opern “Idomeneo” und “Zauberflöte” oder in Puccinis “Tosca”.
Wobei ich mich auf der Kleinkunstbühne besser aufgehoben fühle. Nicht zuletzt deshalb, weil ich dort Menschen mit Migrationshintergrund und ihren Problemen eine Bühne bieten und für Wahrnehmung sorgen kann. Es gibt so viel, worüber es sich zu reden lohnt – leider eben auch über den Rassismus in Österreich
Das hängt von der Situation ab. Manchmal zornig, manchmal genervt, weil ich mir denke: “Echt? Muss das wieder sein?” Humor kann manchmal sehr hilfreich sein – aber tatsächlich muss man immer wieder abwägen, ob ein Schmäh nicht in noch größere Probleme bringt.
Tatsächlich habe ich mir mit der Zeit gewisse analytische Fähigkeiten angeeignet, so dass ich mir schon währenddessen überlege: “Wie stelle ich diese Szene am besten auf der Bühne dar?” Das ist aber nicht auf den Alltagsrassismus beschränkt. Eine Nummer meines Programms handelt zum Beispiel davon, dass der Vormieter meiner Wohnung immer noch bei mir gemeldet ist und ich ihn selbst einfach nicht abmelden kann. Abgesehen davon, dass ich mehr Post an ihn als an mich selbst bekomme – vor allem sind das Rechnungen und Mahnungen. Es war sogar schon der Gerichtsvollzieher bei mir, weil mein Vormieter irgendwo so hohe Schulden hat. Da habe ich mir mittendrin gedacht: “Das ist ein Wahnsinn! Das ist so absurd, darüber muss ich unbedingt eine Nummer schreiben!”
Mir ist aufgefallen, dass nicht nur er, sondern auch Eltern meiner Freundinnen und Freunde oder andere Menschen mit Migrationshintergrund diesen Spruch immer wieder anbringen. Auf jeden Fall ist ein richtig schöner afro-österreichischer Slogan, den du mit unterschiedlicher Betonung in unterschiedlichen Situationen anbringen kannst. Egal, ob du erfreut, erstaunt oder verärgert bist: “Es ist ein Wahnsinn!” passt immer! Am Anfang hat sich mein Vater noch gewundert, dass ich “Isaawaahsiin!” nutzen will, aber mittlerweile ist er ziemlich stolz auf mich.
Ich hatte vor dem Auftritt, bei dem ich eine rund einstündige Fassung meines Programms vorgestellt habe, eine sehr stressige Woche. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht gut genug vorbereitet war und dementsprechend geringe Erwartungen. Und dann habe ich nicht nur den Jurypreis, sondern auch den Publikumspreis gewonnen! Ich habe mir gedacht: Wahnsinn, wenn es selbst unter so schlechten Voraussetzungen so gut funktioniert, sollte ich jetzt echt alles reinhauen und mich in Zukunft wirklich aufs Kabarett konzentrieren.
Ich denke, dass ich mich im Lauf der Zeit sicher weiterentwickeln und vermehrt andere Themen ansprechen werde. Aber jetzt ist es mir sehr wichtig, so viele Menschen wie möglich zu erreichen und meine Message zu übermitteln.
In einem Satz? “Das Leben ist ein Wahnsinn!”