Bild: Barracuda Music
Es ist nun auch schon wieder mehr als zwei Jahre her, dass der Donaustädter Cloudrap-Minimalist Yung Hurn als erstes Signing bei Atlantic Deutschland, ein sich auf Hip-Hop spezialisierender Zweig des amerikanischen Spitzenlabels Atlantic Records, präsentiert wurde. Und lässt man seine Augen gar über das Cover „Y“, dem letzten Hurn-Album, tanzen, dann schockiert die Zahl 2019. Kein physischer Longplayer in vier Jahren? In dieser für einen 28jährigen doch ziemlich langen Zeitspanne hat er bloß vereinzelte, nicht wahnsinnig gute, Songs ins Netz tröpfeln lassen. Und sein „Crazy Horse Club Mixtape Vol.1“, wo die Backing Tracks von Mistersir, Filous und Okayciao waren. Das führt zur Frage: was macht der gute Mann mit seiner Lebenszeit?
Nur Brumm Brumm? Nun, Yung Hurn fährt mittlerweile Auto. Und zwar nicht irgendeines, sondern ein recht hübschen Ferrari. Mit offenem Verdeck braust er durch die Donaustädter Nacht auf der Donauuferautobahn und lässt sein Bandana im Wind flattern. Lange Zeit sah man ihn am Beifahrersitz Platz nehmen. Nun sitzt er selbst am Steuer. Was natürlich für einen Rapper irgendwann Pflicht ist, weil die meisten ja einem krassen Materialismus anhängen. Nur die wenigsten haben die Eier, sich wie Casper, einfach in die Berliner U-Bahn zu stellen und sich dann dafür anpöbeln zu lassen. Das Repräsentieren von Geld und Gut, das beherrscht die Szene (leider) immer noch. Und Yung Hurn ist einer der Apostel der Lehre vom Markenartikel. Selbstverständlich nur im teuersten Segment. Wenn er Taschen von Prada in die Kamera hält, dann ist da dieser delikate Kontrast zu seiner persönlichen Zerzaustheit, der das Produkt wahnsinnig edel wirken lässt. Mittlerweile sind schon weitere Kollegen am Start, die am Status des Meisters sägen. Der freche Bibiza etwa, oder der sich in später Hochform befindliche Money Boy, der sich mit seinem bargeldverherrlichenden Stück „Zwambo Anthem“ wieder eindrucksvoll in der Szene zurückmeldete.
Die starke Pornofantasien auslösende Kunst des Herrn Yung Hurn ist immer noch ganz im Zeitgeist, obwohl sie gleichzeitig völlig out ist. Die woke Abteilung der Musikkonsumenten lehnt explizite Stücke wie „Ponny“ entschieden ab. Die Anarchofraktion liebt sie dafür um so mehr. Nicht zuletzt auch im Kontext, dass mittlerweile auch viele Frau explizit erotischen Hiphop derlei produzieren. Das taten in jüngerer Vergangenheit etwa Shirin David, Loredana und Katja Krasavice, ein ehemaliges Pornofilmsternchen, das leidenschaftlich für plastische Chirurgie wirbt. „Ich hab’ das Copyright auf den Doggystyle.“ rappt sie in „Dicke Lippen“, der recht schlichte Refrain lautet: „Ich hab’ dicke Lippen. Und sie blasen.“ Zügig geht’s dann ins Finale „Jetzt ist Schluss mit lustig, lutsch’ deinen Chupa Chups bis der Zuckerguss spritzt. Aber vergiss nicht, heute schluck ich’s.“
Kurzum: die permanente Gewinnformel lautet – je krasser formuliert wird, um so rascher schwemmt es das Geld an. Längst ist der (vermeintliche) Tabubruch zum Geschäftsmodell geworden. Porno, Gewalt und die lyrische Überhöhung von für Durchschnittsverdiener unerschwinglichen Luxusgütern lassen die Kassen klingeln. Was für die einen wie der Untergang des Abendlands anmutet, ist für andere schlicht ein gutes Karrierefundament. Aufmerksamkeit ist in einer Welt, in der der Mensch permanent einem medialen Overkill ausgesetzt ist, die beste Währung. Der 28jährige Julian Sellmeister, wie Yung Hurn mit Klarnamen heißt, nützt das clever aus. Er bespielt dieses Segment nicht nur mit Musik, sondern nicht zuletzt auch mit Social Media und gewitztem Merchandise. Der gebürtige Wiener ist längst Wahlberliner, denn dort, in der deutschen Kapitale finden sich alle aktuell wichtigen Kreativkräfte des Deutschrap zusammen. „Kleine Bitch is mein Ponny“ jubiliert er, der von Rechtschreibung eher wenig versteht, bei seinen Konzerten auf den Schwingen eines gewaltigen Bassmotivs. Der Satz, der einigen Eltern Kopfzerbrechen bereitet, folgt ein wenig später. „Sie hat Wichse auf den (sic!) G’sicht, sie braucht Zewa (Oops).“ Die Begleitpersonen von minderjährigen Youngsters auf seinen Konzerten zu beobachten ist ein Zusatzvergnügen.
Von hohem Unterhaltungswert war auch jüngst ein im Netz aufgetauchtes Selfie, das Yung Hurn gemeinsam mit Andi Goldberger zeigt, den Hurns Alter Ego K. Ronaldo ja in einem sehr beliebten Sprechgesangsstück als „Kokainkönig“ bezeichnet hat. Inwieweit Yung Hurn selbst von diesem Gletscher weg ist, enthüllt sich nicht wirklich. In den echten Schnee geht es jetzt allerdings mit seiner „Wintersport Tour 2023“, die zwischen 6. und 22. Dezember durch mittelgroße Hallen von Hamburg über Berlin bis hin nach Linz, Graz und Wien führt. Sogar in Luxemburg wollen sie an der unkaputtbaren Lässigkeit von Yung Hurn teilhaben. Unabdingbar ist, der Erwerb von aktuellem Merchandise. Auf diesem Gebiet ist der Hirschstettner eine Macht. Humor und Hirn fließen in die Sujets ein. Teile davon kann man auf seiner Homepage yunghurn.com erwerben, anderes gibt es nur exklusiv auf der Tour. Und ja, auch hier gibt es schon Sammlerstücke, die rapide im Wert steigen. Allein, wie sich seine Aktie als Rapper weiterentwickelt, das ist ungewiss.
Yung Hurn gastiert zwischen 20. und 22. Dezember im Brucknerhaus, in der Helmut-List-Halle und im Gasometer. Tickets gibt es bei oeticket.