Kabarett & Comedy

Josef Hader wird 60

14.02.2022 von Stefan Baumgartner

Letztes Jahr meldete sich Josef Hader mit seinem neuen Programm "Hader on Ice" in der Rolle als alter, weißer Mann zurück. Nun feiert er seinen 60. Geburtstag.







Foto: Lukas Beck




Österreichs vielleicht prägendster lebender Kabarettist feiert heute seinen 60. Geburtstag - frisch geehrt übrigens: Nach dem deutschen (1993) erhielt er dieses Jahr endlich auch den österreichischen Kabarettpreis: eine Formsache, denn über Haders Dienst an der heimischen Humortradition herrscht seit einem Vierteljahrhundert Einigkeit, wie Der Standard zurecht anerkennt. Die Lebensgeschichte von Hader kennt man, freilich kabarettistisch überhöht, aus "Privat" (1994), das mit über einer halben Million Besucher erfolgreichste Kabarettprogramm Österreich.




Siebzehn Jahre ist es nun her, dass Josef Hader mit „Hader muss weg“ seine letzte Premiere hatte. Danach widmete sich der renommierteste Kabarettist des Landes viel dem Film - der ORF zeigt etwa nach den Spielfilmen "Wilde Maus", Der Knochenmann" und "Indien" vergangenes Wochenende am 18. Februar um 20:15 Uhr auf ORF III die neue Doku "Josef Hader - Die besten Momente zum 60. Geburtstag".




Vergangenes Jahr kam Hader mit „Hader on Ice“ zurück auf die Bühne, präsentierte eine kokett überzeichnete Bühnenpersona – einen selbstgerechten, neureichen, ru(h)mverwöhnten Eremiten, live aus dem tiefsten Weinviertel. Er fährt einen fetten SUV, hält sich einen nigerianischen Diener, eine junge Ex und neuerdings auch einen wölfischen Freund. Verschwörungstheorien paaren sich mit Generationenkonflikten, Boomer-Themen werden präzise und sorgfältig de-konstruiert. Auch im Interview.




Ich möchte das Interview etwas ungewöhnlich, da nicht mit Ihnen als Person beginnen: Sie haben im Zuge der Premierenberichterstattung auch einen Hinweis auf Facebook geteilt, in dem Journalistenkollegen darauf hingewiesen werden, sie mögen doch nicht auf die Regiearbeit vergessen. Ihre Regie verantwortet – nicht zum ersten Male – Petra Dobetsberger, die etwa auch Programme von Thomas Maurer, Manfred Linhart und Regina Hofer mitverantwortet hat …




Dem Peter Blau von Ö1 ist aufgefallen, dass die Petra in den Kritiken nie erwähnt worden ist. Im Theater würde das nie passieren.




Dort spielt die Regie nicht selten zumindest eine der Hauptrollen. Können Sie sich den Unterschied erklären?




Weil im Theater sehr oft alte Stücke inszeniert werden und sich deswegen die Regie viel wichtiger macht. Im Kabarett hat man das Gefühl, der Kasperl auf der Bühne ist schon lustig auf die Welt gekommen und braucht niemanden, der ihm in der Richtung etwas sagt.




Nach fast zwei Jahrzehnten ist also Ihr neues Programm „Hader on Ice“ da, die Bühnenfigur gibt sich dem Rausch hin. Wie wichtig ist Ihnen als Künstler der seit Jahren konstante Rausch des Publikum-Zuspruches?




Das ist kein Rausch bei mir – oder vielleicht doch, wenn wir „Rausch“ nicht im Sinne von Applaus verstehen. Den genieße ich weniger und lasse ihn über mich nur ergehen, weil ich schlecht damit umgehen kann. Ich weiß auch nie, wie lange ich noch auf der Bühne bleiben oder wie tief ich mich verbeugen soll (lacht). Das ist eher stressig für mich. Aber es gibt schon dieses gemeinsame Dahinfliegen, wenn man mit dem Publikum gemeinsam in einem Flow ist und der Abend ein bisserl abhebt. Das ist etwas Wunderschönes.




Sie haben kürzlich in der Zeit zu Protokoll gegeben, dass Sie sich für „overrated“ erachten. Dennoch gelten Sie spätestens seit „Privat“ und „Indien“ als eines der prominentesten Aushängeschilder in und außerhalb Österreichs. Wie erklären Sie sich das?




Das war eine Reaktion darauf, dass mich der Journalist gefragt hat, wie es mit dem Nachruhm aussieht. Das war mir dann zu hoch gegriffen, weil Kabarett nur kontemporär etwas aussagen kann. Qualtinger ist da vielleicht eine Ausnahme, weil er zu einer ganz speziellen Zeit die Verlogenheit einer ganzen Nation auf den Punkt gebracht hat – das ist, wenn man will, ein ganz besonderer Glücksfall. Ich bin sehr glücklich damit, dass ich Kabarettist und Schauspieler bin, dass ich unabhängig bin, dass ich überall, wo ich will, spielen kann – ich fühle mich aber auch nicht verkannt oder zu wenig beachtet, ganz im Gegenteil: Ich finde, es gibt viele Künstler, die haben gleich viel oder sogar noch mehr Talent, die aber keiner kennt, weil sie vielleicht ein bisserl schrulliger oder komplizierter sind als ich.




In Ihrem aktuellen Programm geht Ihr künstlerisches Ich eine Liaison mit einer – deutlich jüngeren – Erstsemestrigen ein, außerdem „halten“ Sie sich einen afrikanischen Sklaven – beides Themen, die im Rahmen der grassierenden PC-Wut auch kritisch beäugt werden können. Wo ist bei Ihnen die Grenze zwischen der Freiheit der Kunst und der Standardempörung „Das wird man ja noch sagen dürfen!!!“?




Es muss sich im Rahmen des ganzen Programms ausgehen – so, dass mich das Publikum im Laufe des Abends nicht missverstehen kann. Was ich nicht machen würde ist, bestimmte Dinge, die auf der Bühne vorkommen, in einer kurzen Comedy-Nummer im Fernsehen zu spielen. Da würde ich dann um Missverständnisse betteln (lacht). Bei mir ist natürlich immer die Gefahr da, dass ich missverstanden werde, weil ich nicht der Gescheitling bin, der auf der Bühne steht und erzählt, was alles dumm und richtig ist, sondern ich stelle mich gerne als Trottel oder böser Mensch dar und spiele die Figur solange, bis es allen im Publikum graust und man hoffentlich auch ein bisserl ins Reflektieren kommt. Ich bin der Meinung, bei einem zweistündigen Stück muss es auch Momente geben können, die missverständlich sind, wenn es sich insgesamt ausgeht – dass die Stoßrichtung verstanden wird.




Neben Corona dominiert die Presse eben diese Political Correctness: Kerosin95 fühlt sich im Standard-Gespräch missverstanden, Pippi Langstrumpfs Vater ist nur mehr Südseekapitän und kein Negerkönig mehr, die Donald-Duck-Comics erscheinen nun stark abgewandelt neu, „Schwarzfahren“ ist sprachlich auch nicht mehr zeitgemäß, und bei einzelnen Fluglinien werden keine „Damen und Herren“ mehr begrüßt. Geht Ihnen bei sowas auch das Geimpfte auf oder ist eine Textkorrektur tatsächlich angebracht?




Ich glaube, grundsätzlich muss man damit leben können, dass sich die Welt ständig verändert. Als ich jung war, haben die alten Leute immer gesagt, dass sich alles ändert und schlimme Zeiten auf uns zukommen. Das habe ich damals belächelt. Deswegen möchte ich jetzt nicht auch den Fehler machen und ein Mensch sein, der bekrittelt, was alles verloren geht und dass alles immer schlechter wird. Weil wenn dem wirklich so wäre, dann müssten wir schon längst am Tiefpunkt angekommen sein. Es gibt immer Entwicklungen, nicht alle sind ideal, manche sind Korrekturentwicklungen, die zunächst einmal in bestimmten Bereichen etwas übertrieben reglementieren, weil es in der restlichen Gesellschaft noch nicht ganz angekommen ist. Aber ich stehe dem sehr gelassen gegenüber, weil es ist oft so, dass es zu viel um einzelne Buchstaben geht und nicht ums große Ganze. Die Moral wird halt auch oft gern dafür eingesetzt, nicht um selbst ein besserer Mensch zu sein, sondern um anderen zu sagen, dass sie schlecht sind – das ist menschlich. Das wird man nicht ändern können, das ist ein ewiges Gesetz: Vor hundert Jahren war es eben der Pfarrer (lacht).




Im Gespräch mit dem Standard heben Sie hervor, dass es ihr Ziel war, eine Bühnenfigur zu schaffen, die alles, was Sie kritisieren wollen, in sich trägt. Trotzdem wirkt sie nicht unsympathisch. Woran machen Sie das fest?




Der Sinn ist es auch nicht, eine unsympathische Figur zu kreieren, sonst würden sich die Leute das Programm erst gar nicht anschauen. Ich möchte nur, dass es den Menschen manchmal graust – aber eben nur manchmal. Insgesamt muss ich schon verführen. Das immer wiederkehrende Spiel ist, zuerst anzulocken und dann wegzustoßen – Bewegung und Gegenbewegung. Ich kriege aber schon die Resonanz, dass gerade die unangenehmen Stellen gut im Gedächtnis bleiben und sickern, auch wenn man insgesamt viel Vergnügen gehabt hat. Ich bin ja auch keine moralische Anstalt, die nur auf der Bühne steht, allein um die Furchtbarkeit der Zeit zu beschreiben, sondern auch darum, zu unterhalten. Satire per se sollte nie nur unangenehm sein.




Es ist nicht weit hergeholt, Ihr Bühnen-Ich als „Boomer“ oder „alten, weißen Mann“ zu bezeichnen. Ist Ihnen – in der „Generation Beleidigt“, wie die feministische Publizistin Caroline Fourest schreibt – dieses Damoklesschwert auch abseits der Bühne nicht fremd?




Bei einem Kabarettprogramm verwendet man nicht nur Momente, die einem ein- und auffallen, sondern auch eigene Situationen, die eigene Beschränktheit, die eigenen Schwächen. Das mischt man dann mit dem Fremden zusammen, sodass einem keiner mehr auf die Schliche kommt. Aber ja, so ein Stück ist auch ein persönliches Drama.




Kann man es als alter, weißer und im besten Falle heterosexueller Mann heute überhaupt noch richtig machen, ohne bei irgendeiner Randgruppe anzuecken?




Das ist nicht das Ziel, alles richtig zu machen. Außerdem, wenn man sich darauf konzentriert, keine Fehler zu machen, dann macht und traut man sich erfahrungsgemäß überhaupt nichts mehr. Ich fühle mich aber eigentlich nie in der Defensive oder an den Rand gedrängt, nur weil bestimmte Dinge nicht mehr akzeptiert werden, wie wir uns als Männer benehmen oder benehmen sollen. Ich kenne meinen inneren Schweinehund gut, ich führe ihn ja nicht unreflektiert äußerln – ich weiß ob meiner Schwächen Bescheid.




Inwieweit ist das Programm für Sie dann auch eine Psychohygiene?




Das ist bei jedem Künstler in gewisser Weise auch eine Eigentherapie. Das verfolgt mich schon seit meiner Kindheit: Ich wollte immer schon ein schlimmes Kind sein, aber gleichzeitig gelobt werden. Da ist die Kunst ein ideales Betätigungsfeld, da wird man dafür anerkannt, wo andere gerügt werden.




„Hader on Ice“ dreht sich dem Titel zum Trotz zwar nicht um den Klimawandel, auch wenn Ihre Figur SUV fährt: Aber ist die „Boomer“-Generation dafür verantwortlich, dass das Weltklima zurückschlägt?




Es bringt nichts, Generationen für irgendetwas verantwortlich zu machen. Es bringt auch nichts, die vorherige Generation für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich zu machen, die vorvorige für den Ersten. Diese Art von Schuldfrage ist sinnlos. Das könnte man über die Inquisition bis hin zu den Hunnenkriegen weiter zurückspielen. Moralische Fragen haben da keinen Wert, jede Generation, die kommt, glaubt, sie hat die Weisheit mit dem Löffel gefressen und will alles besser machen. Irgendwann sitzt sie dann tatsächlich im Sattel und macht andere, aber genauso schlimme Fehler wie die vorherige, will aber trotzdem nicht abtreten. Ich finde, Moral hat einen Sinn für das Zusammenleben von Menschen, aber in einer Generationenabfolge nicht. Jeder Mensch ist verantwortlich für sein Leben und für das, was er verursacht, aber ich kann nichts damit anfangen, wenn das auf ganze Generationen übertragen wird.




Sie haben selbst Kinder: Sind jüngere Menschen der älteren Generation gegenüber solidarischer eingestellt als umgekehrt?




Meine Erfahrung ist, dass der Kampf zwischen zwei Generationen immer so ausgetragen wird, dass man sich gegenseitig scheiße findet. Auch das war schon immer so, davon erzählen bereits die antiken Theaterstücke. Das ist zeitlos und ein ganz normaler Gang. Die einzige Veränderung über all die Jahrhunderte ist nur, dass unsere Spezies jetzt die Ermächtigung hat, den ganzen Planeten zu ruinieren – im schlimmsten Fall mit ein paar Knopfdrücken. Darüber würde ich mir Sorgen machen, wenn es überhaupt einen Sinn hätte, sich zu sorgen.




Tickets für Josef Haders "Hader on Ice" sind bei oeticket erhältlich.





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