Der österreichische Kabarettist Michael Buchinger hat mit seinem Podcast „Buchingers Tagebuch“ den Ö3 Podcast Award 2022 gewonnen! Bei insgesamt über 26.000 Nominierungen und noch viel mehr „Votes“ hat sich Michi gegen rund 1.000 Mitstreiter:innen, durchgesetzt und mit seinem phänomenalen Podcast den ersten Platz verdient abgeräumt.
Doch Michi findet man nicht nur auf Spotify: Aktuell tourt der querlige Kabarettist mit seinem zweiten Kabarett-Programm "Ein bisschen Hass muss sein" auch durch Österreich. Hier lässt er seinem Hass freien Lauf und kredenzt uns einen kathartischen, aber verdammt lustigen Ausbruch aus der Glücks-Tyrannei.
Es mutet ein bisschen surreal an, mit Michael Buchinger über Hass zu sprechen. Wie er einem so offenherzig und ehrlich interessiert anschaut mit seinen großen Augen, wie er das Leben belacht, wie er so dasitzt mitten im Sonnenschein und mit genau jenem erdigen Charme-Mix aus Lausbua und Best Buddy, den er auch sonst in der Öffentlichkeit präsentiert. Trotzdem ist Hass der Grund, wieso uns an diesem Tag Buchinger in einem Wiener Café gegenübersitzt, denn darum dreht es sich in seinem neuen Kabarettprogramm „Ein bisschen Hass muss sein“, in dem es um vieles, aber nicht um schöne blaue Himmel, duftende Sonnenblumenfelder oder gar Glück im Leben geht. Auf der Bühne lässt Buchinger seinem Hass freien Lauf, regt sich über die großen, kleinen und klitzekleinen Dinge im Leben auf. „Es wird ein Abend des Hasses“, sagt er völlig ernst-unernst. Das Leben, die größte Inspiration für Buchinger. „Und sollte mir mal gar nix mehr einfallen, geh ich einfach zur Gerda Rogers.“
Ehrlicher als bisher erzählt der Influencer-Bestsellerautor-Kabarettist-YouTube-Star in seinem zweiten Bühnenprogramm über sein Leben und sein Umfeld. Böswillig oder ernsthaft politisch unkorrekt wird der 28-Jährige dabei aber nie. „Im Grunde bin ich harmlos“, meint er. „Ich bewege mich manchmal an der Grenze des Politisch-Unkorrekten, aber kratze nur an der Oberfläche. Natürlich mache ich mir in Zeiten, in denen sehr viel falsch gesagt werden kann, Gedanken darüber, was auf der Bühne geht oder nicht.“ Aber: „Ich möchte mich nicht selbst zensieren. Es ist ein bisserl wie ein Limbo-Tanz.“ Manchmal erinnert Buchinger an eine Zucker-Version von Thomas Bernhard, zielgerichtet an die Instagram- und TikTok-Generation: Er stellt die Eigenheiten des Mensch-Seins auf gar nicht so subtile Weise unters Kaleidoskop und macht dabei vor allem auch vor sich selbst nicht halt. Weshalb man ihm selbst nach dem größten Hass-Fetisch-Fest niemals wirklich böse sein kann.
Aber „samma uns ehrlich“, wie Buchinger gern zu sagen pflegt: Sich unter dem kuscheligen Deckmantel der Kunst über Dinge aufzuregen, das ist nicht neu, siehe Josef Hader, Harry G oder eben Thomas Bernhard. In dieser Tradition fühlt sich der 28-Jährige durchaus wohl, auch in Deutschland kommt sein grantiger Schmäh an. „Wenn einer auf der Bühne sudert und sich aufregt, spricht er dem Publikum aus der Seele“, ist Buchinger überzeugt. „Die Leute können sich mit dieser Person identifizieren, ganz nach dem Motto: ‚Endlich sagt’s mal einer!’“ Dass gemeinsames Hassen mehr verbinden kann als gemeinsames Lieben, weiß er aus Erfahrung. Noch mehr aber geht’s ihm um Ehrlichkeit und Authentizität – zwei Schlagwörter, die im Gespräch mit Michael Buchinger immer wieder fallen und die die wahrscheinlich zugleich simpelsten als auch herausforderndsten Zutaten seines Erfolgsrezepts sind. „Natürlich können auch schöne Dinge des Lebens lustig sein. Aber Kabarett hat immer auch damit zu tun, seine Masken und Hüllen fallen zu lassen. Es ist aufrichtiger, sich über Dinge aufzuregen, als zu sagen, wie toll man alles findet.“
Zwar unbewusst, wie er betont, stellt Buchinger einen angenehmen Gegenpol zu all den unsere Gesellschaft überschwemmenden Positivity- und Glücks-Tyrannen in Form von Influencern und Selbsthilfe-Ratgebern dar. „Natürlich könnte ich mir in der Früh mehrmals sagen, dass es ein toller Tag werden wird. Aber wenn er das nicht wird, bin ich erst wieder enttäuscht.“ Ja, er sei durchaus zynisch. „Und ich finde, ich habe damit oft recht!“ Er selbst erlebt das Sich-Aufregen auch als Katharsis, vor allem seine Arbeit sehe er als „wichtiges Ventil“ für all das (gar nicht so) Dunkle in ihm drin, sowie als Grund, wieso er trotz der permanenten beruflichen Beschäftigung mit Hass noch nicht zum verbitterten Menschen wurde. „Obwohl ich mir darüber bereits Gedanken gemacht habe. Schließlich gehe ich durch die Welt und überlege mir, worüber ich mich als nächstes aufregen könnte.“
Rücksichtslosigkeit ist der gemeinsame Nenner seines Hasses, sagt Buchinger entschieden – sei es Diskriminierung, Links-Rolltreppen-Steher oder Freunde, die ungefragt ihren Hund auf die Privatparty mitnehmen. Würde man aufeinander mehr Rücksicht nehmen, sei ein wichtiger Schritt Richtung freundlicherer Welt getan, ist er sich sicher. Denn ihm sei durchaus bewusst, dass gesellschaftlicher Hass, vor allem Minderheiten betreffend, in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Dann nämlich ist Hass nicht mehr lustig und keine perfekt getimte Pointe mehr. Dann wird er gefährlich. Vielleicht hat dieser Hass-Anstieg mit Trump zu tun, überlegt er laut, vielleicht auch mit Corona. Vielleicht damit, dass „wir in einer Zeit leben, in der Menschen das starke Gefühl haben, zu bestimmten Themen öffentlich und laut Stellung beziehen zu müssen.“ Buchinger macht auf Missstände aufmerksam, ohne missionarisch zu sein. Gesellschaftskritische Spitzen gibt’s in seinem Œuvre zuhauf, manchmal leise, manchmal laut, aber immer lockig-leicht und niemals die große Masse vertreibend.
Er selbst habe keinen Menschen in seinem Leben, den er tatsächlich „hassen“ würde, betont Buchinger. Es sei aber durchaus moralisch vertretbar, wirklich böse Menschen zu hassen, ist er überzeugt, Mörder zum Beispiel, Tierquäler oder Adolf Hitler. „Wenn jemand sagt, man solle nicht hassen, sondern vergeben, dann ist diese Person meist sehr religiös. Das bin ich nicht und der Papst bin ich auch nicht, also habe ich kein Problem damit, solche Leute zu hassen. Denn Morden ist durchaus ein No-Go für mich.“ Nicht zuletzt dank seines Erfolgs-Podcasts „Buchingers Tagebuch“ habe er gelernt, ehrlicher zu sich und anderen zu sein. „Ich sage mittlerweile, wenn mich etwas stört. Somit muss ich mir auch weniger Lügen merken.“ Da ist er wieder, der Schelm, grinsend und den Sonnenschein im Rücken.
Am 8. Oktober feierte Michael Buchinger mit seinem zweiten Programm „Ein bisschen Hass muss sein“ im Wiener Stadtsaal Premiere, aktuell ist er zwischen Wien und Klagenfurt unterwegs. Tickets gibt es bei oeticket.com.