Das Konzept der vier Jahreszeiten, das die Filigran-Folker Lamila mit ihren ersten vier Singles verfolgen, war in dieser Form gar nicht geplant. Doch im Endeffekt ist es wohl noch nie zuvor einer Band gelungen, mit der Mischung aus Song, Video und Atmosphäre die Grundstimmung der Gezeiten so wundervoll einzufangen.
Lamila sind ein Folk-Pop-Trio aus Wien, das seit letztem Sommer zunehmend für Aufregung sorgt und mit Songs, die zwischen 60er-Psychedelik, Harmoniegesängen und zeitgemäßer Melodik mäandern für nostalgische Gefühle sorgt. Frontfrau und Texterin Camilla Thurner nahm uns im gemütlichen Gespräch mit auf eine wundervolle Reise in die Natur – und verrät gleichzeitig, was man von Lamila künftig noch so alles erwarten darf.
Du hast natürlich recht, es ist eine Anspielung auf meinen Namen. Der Rest ist ein abstraktes Wortspiel, weil uns die Sprachmelodie des Wortes gut gefallen hat. Irgendwie hat das dazu geführt, dass den Namen Lamila alle mit Doppel-L aussprechen, obwohl man eigentlich das I langzieht. Aber das kriegen wir auch noch hin (lacht).
Ich studiere seit dreieinhalb Jahren in Wien Gesang und habe Ines auf der Uni kennengelernt. Ich habe vor Lamila schon in einigen Projekten Musik gemacht und deutschsprachige Songs gesungen. Hauptsächlich Singer/Songwriter-Sachen. Ich hatte aber Lust auf etwas Neues, Englischsprachiges und Folkiges, das sehr atmosphärisch und vor allem mehrstimmig klingen sollte. Ines und ich haben beschlossen, es in Angriff zu nehmen und mit Alex als Gitarrist hat sich alles ganz natürlich ergeben. Die Dynamik war gut und wir mögen ähnliche Musik. Zu dritt haben wir stilistisch und persönlich zusammengepasst.
Ich bin in Wien geboren, zog mit sechs ins Burgenland und bin aber seit etwa zehn Jahren wieder in Wien. Vor zehn Jahren habe ich solo begonnen und minimalistisch Gitarre gespielt. Mit Julian Griss hatte ich dann ein Duo namens Camilla Glück, aber davon findet man im Internet kaum was. (lacht). Das war für mich eine wichtige Phase um herauszufinden, wie ich Musik machen möchte. Durch das Studium habe ich viele neue Zugänge erlernt und wollte Dinge von davor nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Es hat einfach nicht mehr meinen eigenen Ansprüchen genügt.
(lacht) Ich bin sehr stark von Singer/Songwritern wie Bon Iver und Indie-Folk-Bands inspiriert. Feist, Florence + The Machine, Bob Dylan und Joni Mitchell waren immer wichtig. Alex prägt den Sound als 50s- und 60s-Fan rund um Simon & Garfunkel, die Beach Boys und die Beatles stark mit. Wir lassen immer dreistimmige Chöre einfließen, die ursprünglich von Alex kommen. Auch Nick Drake, Sufjan Stevens oder das Fingerpicking von Jose Gonzalez würde ich in diese Liste aufnehmen.
(lacht) Das ist schon rein deshalb nicht möglich, weil Alex und ich ein Pärchen sind. Ich liebe die Staves sehr und finde den Vergleich gut. Wir haben nicht nur beim Singen, sondern allgemein eine Grundharmonie. Wenn wir in diesen harmonischen Stimmen singen, geht uns das Herz auf. Das ist bei den kommenden, noch nicht veröffentlichten Songs übrigens noch viel deutlicher hörbar als bislang.
Klassischer Folk wird mit modernen Einflüssen vermischt. Wir haben ursprünglich als Akustiktrio begonnen und erst im Laufe des Aufnehmens bemerkt, dass wir E-Gitarren brauchen. Mittlerweile kommen auch fast überall Synthesizer vor. Es ging vor allem darum, die atmosphärische Stimmung zu verstärken und das wäre ohne die modernen Elemente so nicht möglich gewesen.
Synthie-basierter werden wir sicher werden, doch der Grundsound steht. Der macht uns aus. Wir sind aber sehr offen und ich bin mir sicher, dass dann das zweite Album in eine andere Richtung gehen wird. Aber vorher muss das erste erst einmal erscheinen (lacht).
Ehrlich gesagt entstanden die Songs unabhängig voneinander, haben erst im Nachhinein ein Konzept gesehen. Die erste Single war „Dandelion Crown“, die zweite „Mammoth Tree“, die dritte „The Last Leaf“ und die kommende vierte „Growing“ – der Natur-Konnex war offensichtlich gegeben, ohne dass es uns anfangs besonders auffiel. Jeder Song fühlt sich wie eine bestimmte Jahreszeit an und ist dahingehend auch inhaltlich geprägt. „Growing“ erscheint Ende März und ich habe die Nummer 2020 Ende Winter/Anfang Frühling geschrieben und auch die anderen Songs entstanden lustigerweise in der jeweiligen Jahreszeit. Somit lässt sich ein gewisser roter Faden finden, der mit „Growing“ abgeschlossen ist. Dieser Song ist noch etwas elektronischer und schneller, er sticht jedenfalls vom Rest hervor. Wir drehen jetzt noch das Video dazu und sind schon gespannt, wie das am Ende alles aufgeht.
Mir ist die Natur extrem wichtig. Auch wenn ich eine Stadtmaus bin, würde ich meine ländlichen Wurzeln nie kappen. In den Songs und vor allem in gewissen Textfragmenten findet meine immer stärker werdende Beziehung zur Natur deutlich Anklang. Das rührt mitunter daher, dass ich wahnsinnig viel spazieren gehe und mir im Wald meist Song- und Textideen kommen. Ich schöpfe daraus sehr viel Kraft und Inspiration.
Nostalgische Gefühle kommen da sicher auf. Als mir die Idee zu diesem Song kamen, war ich gerade daheim im Burgenland und habe alte Fotoalben durchgeblättert. Da hat meine Oma auf einigen Bildern Kränze geflochten und ich war als kleine Camilla mit der Löwenzahnkrone abgebildet. Eine wundervolle Erinnerung.
Vermissen würde ich nicht sagen. Insgesamt bin ich jemand, der sein Leben im Moment auskostet und nicht der Vergangenheit nachtrauert. Um die 30 beginnt man unweigerlich mehr über das Leben nachzudenken. Was will ich davon und wo soll es hingehen? Automatisch rückt eine gewisse Endlichkeit näher, was dazu führt, dass man sich stärker mit seinen Wurzeln beschäftigt. Woher man kommt, warum man so ist, wie man ist und wer seine Familie ist. Es ist mehr wie eine Biografie, die ich in meine Texte verpacke.
Als Kind habe ich mit meiner Mutter oft den Episodenfilm „Fünf Perlen“ oder im Original „O. Henry’s Full House“ gesehen. In einem Teil der Episoden spielt sogar Marilyn Monroe mit, nicht aber in jenem mit dem Namen „Das letzte Blatt“. Darin geht es um eine kranke Frau, die am Sterbebett liegt. Sie hat einen malenden Nachbarn, der aber so schlecht ist, dass er von allen nur verhöhnt wird. Sie sieht vom Krankenbett aus dem Fenster eine Efeuranke und beobachtet, wie ihre Blätter abfallen. Für sie ist es eine Analogie an ihre eigene schwindende Lebenskraft und sie glaubt, wenn das letzte Blatt abfällt, ist auch ihr Dasein beendet. Nachts steigt aber der untalentierte Maler auf die Wand und malt ihr darauf ein Blatt, aus dem sie am nächsten Morgen neuen Mut schöpft. Allerdings stirbt der Maler in dieser Nacht, weil er im Schneetreiben erfriert. Dieser Kreislauf des Lebens hat mich als Kind unheimlich berührt. Dass man anderen Menschen etwas gibt und dafür selbst etwas aufgibt. Ein Paradoxon, das mir unlängst wieder unterkam und mich auch zum Song inspirierte.
Auf jeden Fall, da vermischt sich immer ganz viel. In „The Last Leaf“ geht es zwar inhaltlich um den Film, aber im Refrain kommt mit der Zeile „could you be that painter for me“ der Bezug zur Gegenwart. Im Endeffekt sucht jeder jemanden, der einem so ein Gefühl geben kann. Es ist in allen Songs eine aktuelle Message drinnen, man muss die Teile nur zusammenbauen.
Vielleicht ist das so. Sehr Vieles passiert unbewusst und man kann viel darin hineininterpretieren. Ich finde bei jeder neuen Probe im Studio oder bei jedem Auftritt immer etwas Neues in meinen eigenen Texten. Man kann „The Last Leaf“ sicher auch auf die aktuelle Pandemiekrise umlegen, muss man aber nicht.
Als Person ist mir diese Sache extrem wichtig. Ich ziehe nicht nur im Urlaub auf dem Land meine Kraft daraus, sondern bin auch in Wien so oft wie möglich draußen. Alles was zu den Themen Nachhaltigkeit, Umwelt oder Klimaschutz passt, ist mir wichtig. Auch wenn man selbst als Individuum nur sehr bedingt zu Verbesserungen beitragen kann.
Das würde ich durchaus so unterschreiben. Wenn ich FM4 aufdrehe, höre ich viele Bands und Künstler, die direkter und kritischer klingen, was ich sehr schätze, aber selbst mache ich das, was mich entspannt und mich zum Träumen bringt. Ich habe nicht das Bedürfnis, etwas Politisches oder Gesellschaftskritisches auszudrücken. Wenn, dann mache ich das sehr indirekt und durch die Blume. Mir geht es in erster Linie um den Klang und die Musik.
Seit ich mich so stark mit Gesang beschäftige, lege ich umso mehr Wert darauf. Beim Hauptgesang und auch bei den Backing Vocals. Da kann ich am meisten selbst dazu beitragen. Bei den anderen Instrumenten kann ich sagen, dass mir etwas gefällt oder nicht gefällt, aber alles sehr begrenzt. Ich kann keine fünf E-Gitarren schreiben, dafür fehlt mir leider das Know-How. Es gibt sehr viel unterschiedliche Musik und ich schätze die vielen unterschiedlichen Genres für das, was sie sind. Ich selbst bin aber im Folk-Pop daheim und dort liegt der Fokus auf der Stimme und die akustischen Instrumente. Für mich ist ein Song dann gut, wenn sich der Interpret was dabei gedacht hat und wenn er mich damit abholt.
Der Titel des Albums wird „Withered Dreams“ sein und wird zwölf Songs beinhalten. Die weiteren Details folgen in Bälde, aber es wird auf jeden Fall ein sehr vielseitiges Werk sein.