Nach der ersten Post-Lockdown-Saison, die allen Widrigkeiten zum Trotz eine Vielzahl an Highlights bieten konnte (etwa Konzerte von Gewalt und Fuckhead, oder auch Turbobier, sowie „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen”), geht das Wiener Volkstheater unter der Leitung von Kay Voges nun in die nächste spannende Runde – und kredenzt neben klassischen Produktionen aus der Feder von Goethe etwa („Faust”) auch Schräges (Bunuels „Würgeengel”) oder mit Benjamin Clementine und Dirk von Lowtzow (Tocotronic) auch Musikalisches. Wie dies zusammenpasst, erklärt der künstlerische Direktor Kay Voges. Denn: Auch wenn die Örtlichkeit "Theater" von vielen Menschen als Bühne für klassische Stücke, die stets ein Hauch von Nostalgie umweht, aufgefasst wird, gibt es exzeptionelle Beispiele, wie man verstaubte Theatergrenzen brechen kann, ohne die Tradition zu brechen - eben etwa das Wiener Volkstheater.
Es war ein wirklich schwieriger Start zwischen Sanierung und den drei Lockdowns. Da ein neues Programm und das neue Volkstheater zu präsentieren war nicht einfach. Jetzt habe ich das Gefühl, dass das Volkstheater wieder da ist und das macht mich glücklich. Seit Jänner läuft das Programm regelmäßig und wir haben Corona vorerst einmal so weit unterbunden, dass die Partys laufen. Wir sitzen im Schanigarten und genießen die Sonne. Der Traum ist, den Menschen vom ersten Croissant bis in die Nacht hinein zum Clubbing aufregende und spannende Kultur zu bieten. Diesem Traum kommen wir immer näher.
Wir sind keine Kulturinstitution, die im Elfenbeinturm sitzt und zwischendurch Einblicke in die hohe Kunst gibt. Wir sind niederschwellig und geben der Gegenwartskunst ihren Raum. Wir untersuchen Goethes „Faust“ auf die Gegenwart, lassen aber auch eine Punk- oder Electro-Band bei uns auftreten. Wir wollen nicht nur die Bildungsbürgerelite ansprechen, sondern alle. Hier soll für die verschiedensten Interessensgebiete etwas da sein. Der Schwerpunkt ist das Volkstheater-Ensemble und im Theater schauen wir, ob wir den Schwerpunkt auf österreichische Literatur setzen können. Wir beschäftigen uns auch stark mit Bildender Kunst. So kommt der US-amerikanische Großkünstler Paul McCarthy mit einer Performance Anfang September ins Haus. Wir bespielen auch mit digitalen Formaten und mit Musik. Wer sich eher für Bildende Kunst interessiert kann hier genauso fündig werden wie der Clubbing- oder Konzertbesucher. Aber auch österreichische Literatur und hohe Schauspielkunst werden geboten.
Gewalt und „Faust“ passen doch ganz gut zusammen (lacht). Für mich ist es ganz wichtig, dass wir gut 50 Jahre nach Andy Warhol endlich in die Tat umsetzen, dass es keinen Unterschied zwischen Pop- und Hochkultur gibt. Diese U- und E-Unterscheidung halte ich für einen absoluten Schmarren. Dieses dünkelhafte Kulturprogrammieren, wo sich eine Kulturinstitution über andere Kulturen erhebt, finde ich abscheulich. Wir machen Gegenwartskunst, das ist der gemeinsame Level. Ob wir da die Wiener Symphoniker oder Gewalt bei uns auftreten lassen, macht für mich keinen Unterschied.
Das Dionysische in der Kunst gab es vor Jahrhunderten bei Shakespeare oder Mozart und heute bei Gewalt. Warum sollte man das nicht am Volkstheater weiterziehen?
Wir haben den inhaltlichen Anspruch, dass wir klar auf humanistischen Boden programmieren und als Kulturinstitution vom Bund und von der Stadt finanziert werden. Damit haben wir auch einen Kulturauftrag. Können wir ein Angebot machen, das für die Menschen intellektuelle, emotional und diskursiv interessant ist? Ansonsten könnten wir hier „Cats“ und „Die große Schlagerparade“ anbieten. Dafür gibt es andere Veranstalter, das wird es bei uns nicht geben. Wir versuchen hier Kunst zu transportieren, die sich mit den Themen der Gegenwart auseinandersetzt.
Nein. Ich habe meine Konzeption der Findungskommission des Volkstheaters präsentiert und da bestand das Interesse, mich das machen zu lassen. Diese Chance setze ich jetzt um und ich hoffe, dass sich die Idee so durchsetzen wird, dass das Haus sich als wichtiger Kulturort in dieser Stadt etabliert.
Wir konnten in den letzten Monaten einen Aufwärtstrend wahrnehmen. Es ist Aufbauarbeit bei null. Das Theater war anfangs geschlossen und hatte null Prozent Auslastung. Dann kam Corona und der zögerliche Besuch von Kultureinrichtungen allerorts. Je mehr sich das neue Volkstheater herumspricht und wir von einer Begegnung und Kulturteilhabe in eine Normalität zurückkommen, umso besser wird es gehen. Ich bete und zünde Kerzen an, dass wir die kommende Saison mit unserem riesigen Programm stattfinden lassen können, ohne in eine Schließung oder Sitzplatzbeschränkung zurückzukommen. Im dritten Anlauf würde ich gerne einmal ein Jahr durchprogrammieren.
Das Theater ist eine Kirche der Zweifler. Es ist der perfekte Ort für Menschen auf der Suche. Für jene, die nicht alles wissen und glauben, sondern auch hinterfragen und immer wieder neu überlegen. Menschen, die wissen, wie alles geht, könnten im Theater verstört werden.
Die Bedeutung von Kultur ist in Wien wesentlich höher als an vielen Orten, an denen ich war. Es ist ein unglaublicher Segen, dass es die Traditionen, die Bedeutung und den Stolz von Kultur hier so gibt. Gleichzeitig ist diese Kulturtradition das große Problem von Wien. Traditionalisten gelten oft als konservativ und dem Neuen gegenüber nicht sehr offen eingestellt. So ist die Tradition der Kultur in Wien gleichermaßen der größte Segen wie auch der größte Fluch.
Die Skepsis dem Neuen gegenüber liegt sehr tief in der Wiener Wurzel. Andererseits wurde Wien über die letzten Jahrzehnte zu einer Weltstadt. Sie ist nicht mehr so wie zu Gustav Mahlers Zeiten, den man bis zum Tod nicht verstanden hat, ihn aber jetzt lobt und ehrt. Da ist die Stadt schon wesentlich moderner und offener geworden und das sieht man zum Beispiel bei uns oder auf den Wiener Festwochen. Es gibt ein experimentierfreudiges, neugieriges Publikum.
Kunst ist immer Kommunikation. Das Bild, das ich sehe. Die Musik, die ich höre. Den Theaterabend, den ich erlebe. All das muss etwas in mir auslösen. Dann gibt man auch was zurück, redet darüber und reagiert darauf. Die Kommunikation ist meine wichtigste Arbeit. Im Schanigarten, auf der Bühne und im Netz genauso, wie bei Kolleginnen aus anderen Häusern, den Medien oder der Politik. Das Verhältnis zwischen den Kulturinstitutionen ist wesentlich besser als es in den Zeitungen oft so erzählt wird. Jeder gönnt dem anderen gute Arbeit, weil wir alle in einer Stadt leben wollen, in der die aufregendste Kunst Europas stattfindet.
Ich entdecke immer mehr neugierige, aufgeschlossene Menschen, die einen globalisierten Blick auf Kultur haben. Im Zeitalter des Digitalen ist es selbstverständlich, dass wir mitbekommen, was in Tokio, Los Angeles oder Kairo gerade passiert und welche Strömungen daraus entstehen. Diese Wahrnehmung von globalen Strömungen schafft eine Neugierde und braucht Offenheit. Es kommen immer mehr dieser Weltenbürgerinnen in unser Haus. Für die Traditionalisten gibt es andere Möglichkeiten in dieser Stadt und so ist das Volkstheater eine Menüerweiterung des Kulturangebots der Stadt Wien.
Auf jeden Fall ist ein Ziel, dass die größten Theaterpartys in dieser Stadt bei uns stattfinden müssen (lacht).
Gegenwart ist immer eine Frage an den Inhalt und an den Gebrauch der Werkzeuge. Das Theater hat schon immer mit gegenwärtigen Technologien gearbeitet. Als der Seilzug erfunden wurde, wurde auch ein Lift erfunden, um die Schauspieler auf die Bühne zu bringen. Durch die Sanierung sind wir nun bestens mit Glasfaser verkabelt und versuchen mit den neuesten Technologien Erzählungen stattfinden zu lassen. Die technische und inhaltliche Gegenwärtigkeit fragt sich, was uns beschäftigt. Wir kommen ins Theater und teilen zwei bis drei Stunden Zeit und Raum. Die Kunst, die dort live entsteht, ist zeitgenössisch und reflektiert die Zeit, in der wir uns gerade bewegen. Unsere gegenwärtigen Themen sind natürlich Klimawandel, Krieg oder Machtstrukturen. Vielleicht auch das ewige Thema, wie wir als Menschen miteinander umgehen wollen. Wir sagen nicht, wir machen Theater wie es sich gehört und wie es vor 200 Jahren war. Wir machen Theater aus dem gegenwärtigen Stand der Lebenswahrnehmung. Das kann wahnsinnig lustvoll sein. Beim „Eingebildeten Kranken“ findet das gerade statt. Goethes „Faust“ ist eine Vermischung aus Fotografie- und Schauspielkunst. Goethe sagt „Verweile doch, du Augenblick. Du bist so schön“. Da geht es um eine Sehnsucht, die auch Fotografen antreibt. Sie wollen auch den Augenblick finden und halten. Wir lassen moderne Gegenwartsautorinnen zu Wort kommen, die die Welt so erzählen, wie sie sie wahrnehmen. Aber sie tauchen auch in Shakespeare ein und fragen sich, was sich zwischen dem alten Rom von damals und der heutigen Politlandschaft in Österreich so alles getan hat. Vielleicht gibt es ja noch immer ähnliche Strukturen.
Das Theater muss sich seiner Herkunft sehr wohl bewusst sein. Gustav Mahler wurde immer in den Mund gelegt: „Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers“. Das ist ein bisschen unsere Tradition. Wir machen nicht Nestroy, weil es Nestroy schon vor 100 Jahren gab. Wir versuchen zu finden, was Nestroy für uns jetzt gerade im Augenblick bedeutet und welche Relevanz er heute hat. Schnitzler, Nestroy, Schiller und Goethe waren auch einmal Gegenwartsautoren, die zum Teil auf heftigste Ablehnung gestoßen sind. Heute sieht man das als „ordentliches Theater“. Wir müssen unsere Vorurteile immer hinterfragen und akzeptieren, dass wir gar nicht wissen, wie Theater eigentlich geht. Wir müssen es in unserer Zeit immer wieder neu erfinden.
Ich versuche hier ein Programm zu generieren, das nicht mittelmäßig ist, sondern radikale, kluge künstlerische Handschriften sind. Mittelmaß wollen wir vermeiden und wir wollen auch keine reine Gefälligkeitsanstalt sein. Das Theater ist ein Ort der Auseinandersetzung und eine Band wie Gewalt, die versucht ein Lebensgefühl in Ton und Sprache zu bringen, ist nicht gefällig, aber sicherlich ein notwendiger radikaler Zugriff auf die Gegenwartskunst. Dann wird man vielleicht nicht von allen gemocht, aber es ist ein ästhetischer und gedanklicher Vorgang, der vielleicht Erlebnisse schaffen kann, die im Mittelmaß überhaupt nicht zu finden sind.
Ich liebe Thomas Bernhard mit seiner Menschenliebe und Menschenverachtung zugleich. „Der Theatermacher“ ist bei uns ein Abend, der stilistisch eine breite Palette von Inszenierungsstilen zeigt und gleichzeitig immer wieder die Frage nach Unterdrückungsgeschichten und Machtstrukturen stellt. Es geht auch um die Empörungswellen, die sich von Generation zu Generation weiterziehen. Das macht das Stück so gegenwärtig. Empörungswellen gibt es auf den Straßen, im Netz und im Feuilleton. Jeder will sich möglichst laut empören und dadurch drohen eine Spannung und eine Spaltung der Gesellschaft. Am Ende des Abends fleht der gestürzte Theatermacher, ob wir nicht alle einmal nett zueinander sein könnten. Das ist so tragisch wie wahr. Wir sollten über unsere Empörung einmal lachen können. Uns darauf besinnen, dass wir eigentlich ein Menschengeschlecht sind, das auch einmal nett zueinander sein kann.
Ich glaube, dass die Liberalisierungsbewegung der letzten Jahrzehnte unfassbar wichtig ist. Marginalisierte Gruppen sind so stark in unser Bewusstsein gerückt und das ist ungemein wichtig. Das steht für mich alles unter dem humanistischen Grundbegriff. Wenn alle Menschen gleich sind, warum handeln wir dann nicht so? Es ist also notwendig, den humanistischen Boden in unserer Kunst zu haben. Andererseits müssen wir auch für die Kunstfreiheit eintreten. Die Kunst muss frei sein von religiösen und politischen Ideologien.
Absolut. Diese Idee ist schon 60 Jahre alt. Seit damals zieht das Volkstheater durch die Bezirke und macht fast 100 Vorstellungen in den verschiedenen Grätzeln. Es kommt zu den Menschen und erzählt dort Geschichten über die Lebenswirklichkeiten in Wien. So beschäftigen wir uns mit der Pressesituation, dem Gesundheitssystem und der jüngeren Geschichte Österreichs. Wir gehen in die Stadt, um dort zu reflektieren, was diese Stadt ausmacht. Und vielleicht auch um zu träumen, was diese Stadt noch besser machen könnte.
Es ist ein riesiges Programm, das wir anbieten und das ist nur mit einem fantastischen Team möglich, mit dem ich hier zusammenarbeite. Das ist eine große Qualität unseres Hauses. Es arbeiten von der Pforte über die Technik bis hin zum Ensemble begeisterte Mitarbeiterinnen. Alle haben den gemeinsamen Willen, dass das Volkstheater vibriert und ein Erlebnisraum für die Menschen in der Stadt werden kann.
Wir haben im Volkstheater zwei wichtige Regeln. Nummer eins: Lasst uns alle respektvoll miteinander umgehen. Für einen erfolgreichen Theaterabend sind die Garderobieren genauso wichtig wie die Dame an der Kassa, der Intendant und der Star auf der Bühne. Wir schaffen es nur gemeinsam. Nummer zwei: Lasst uns ins Gelingen verliebt sein. Es geht nicht um Eitelkeiten, sondern um das Gelingen von Kunst und das Gelingen, den Menschen etwas zu geben. Wenn diese Regeln funktionieren, dann können wir auch stolz sein, gemeinsam am schönsten Haus von Österreich zu arbeiten.
Wenn ich jetzt in den Zuschauerraum schaue, habe ich das Gefühl, das ist das coolste Publikum Wiens. Das würde ich gerne in dreifacher Ausführung haben und dann will ich, dass wir suchend bleiben und niemals selbstzufrieden werden. Was fordert die Zeit von uns an Ausdruck und Kunst ein? Was brauchen die Menschen der Stadt gerade an Impulsen aus der Kunst? Wenn wir permanent in Bewegung bleiben und nicht in eine Zufriedenheit kommen, dann werden wir als Kulturinstitution vielleicht noch bedeutender für diese Stadt als wir es jetzt schon sind.
Alle Veranstaltungen der kommenden Saison vom Wiener Volkstheater finden Sie bei oeticket.com.