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At Pavillon: "Personal Development Deals"

07.03.2023 von Stefan Baumgartner

Mozart, Volksmusik-Kapellen, Austro-Pop, Falco und Christina Stürmer: Österreich war lange Zeit im populären Musiksektor, vorsichtig formuliert, sehr heimelig. Man kann auch sagen: Österreich konnte am internationalen Parkett zu Recht nicht wirklich oder nur punktiert, mit Exotenbonus, mitreden. Es ist dies nicht zwangsweise pejorativ gemeint, aber das „Musikland Österreich“ verkehrte im kleinen Rahmen, daheim – und dann kamen 2005 Bilderbuch und erbauten sukzessive das Fundament, Österreich mit internationalem Glamour und Zeitgeist aufzuladen. Zugegeben, seitdem ist „mit uns“ am Weltparkett nicht sonderlich viel passiert, Wien oder Salzburg sind nach wie vor kein Berlin, kein Paris, kein London oder erst recht kein New York, wenngleich heute – auch wenn das eine alljährlich wiederkehrende Preisverleihung nicht unbedingt doppelt – eine Vielzahl an heimischen Künstlern auf selbigem Parkett tanzen könnte.

At Pavillon und der Zeitgeist

2005 war es auch, dass im damals 12-jährigen Mwita Mataro in Salzburg die Idee herankeimte, hier mitzumischen. Freilich: Mit seinen tansanischen Wurzeln stieß er im konservativen Salzburg rasch an seine Grenzen, und auch der Wechsel ins weltoffenere Wien lieferte die Erkenntnis, dass Indie-Rock immer noch als „weiße Musik“ gesehen wird. Ja, geschult vom Spannungsfeld zwischen Kings of Leon, Bloc Party und Arctic Monkeys kam die divers aufgestellte Band At Pavillon, dessen Kopf er wurde und die ihren Namen aus dem halböffentlichen Proberaum, einem Gartenpavillon im Türkenschanzpark, herleitet, durchaus gut an mit ihrer klassenkämpferischen Attitüde, den geschmeidigen Bewegungen und reichlich Stimmelastizität. Nein, At Pavillon klang nicht – wie viele der (auch internationalen) Kollegschaft – beliebig, sondern markant. Altbewährt, mit einer guten Balance zwischen Tanzbarkeit und Tiefgang. Hooklines und Hitpotenzial inklusive, ohne in schnöde, fast billige „Stadiontauglichkeit“ abzutauchen. Die Coolness, die At Pavillon neben dem Musikalischen auszeichnete – und auch weiterhin tut – ist, dass sie relevante, essenzielle Zeitgeist-Themen offenlegen, stammt doch insbesondere Mataro aus einem Umfeld, in dem Diskriminierung nicht selten der Fall gewesen ist – bis heute. Es wäre jedoch verfehlt, hier von einer „Konzeptband“ zu sprechen, da in Konzepten immer etwas Gezwungenes mitschwingt – vielmehr ist es eine Authentizität, die At Pavillon über die musikalische Potenz hinaus zu einem großen Kleinod gedeihen ließ. Tanzbare Zeitgeschichte, ohne mit dem Zeigefinger zu moralisieren, löst Menschen aus ihrer Routine, in der sie gefangen sind.

At Pavillon: Austroschwarz

Aber obwohl At Pavillon bei Kritik und Publikum von Anfang an gleichermaßen gut ankamen, wirkt für Mataro die Welt immer noch zerrissen, wenn es um Fragen nach Geschlecht, Hautfarbe und sexuelle Orientierung geht. Fragen, um die es etwa auch im kommenden Dokumentarfilm „Austroschwarz“ gehen wird, einem Film von Mataro, Helmut Karner und Stephan Herzog. Hierin arbeitet Mataro in Form eines Roadmovie-Essays die Komplexität eines nicht-weißen Österreichers auf, liefert dabei ein intimes Portrait über Identität, die Empowerment zum Ziel hat.

At Pavillon: Wunsch nach Liebe

Von Empowerment spricht nach ihrem ersten Album „Believe Us“ von 2019 auch der diesen Mai erscheinende Nachfolger „Personal Development Deals“. Hier steckt die Liebe nach Freiheit sowohl im kantigen Rock wie auch in der Indie-Western-Romantik, dem Balladesken und im stroboskopgeschwängerten Synthie-Pop. So divers das Album klingt, so fordert es auch vollinhaltlich Diversität und befindet sich, textlich, auf einer Identitätssuche, die – fast naturgemäß möchte man meinen – mehr Fragen stellt denn Antworten liefert. „Personal Development Deals“ ist die Suche einer Orientierung, ein Infragestellen von Machtverhältnissen, ein Wunsch nach Liebe, ein Exponieren von Erwartungshaltungen. Mit ihrer Bezugnahme auf Herz, Hirn und Beine passen At Pavillon heute mehr denn je in den Zeitgeist, Dinge in Bewegung zu bringen. Das, was sie aussagen, wofür sie stehen, sickert. Allerdings: wohlig, ohne dramatische Pranke. At Pavillon sind: eine Umarmung, die sich nach allen ausstreckt.

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