Bild: Gilbert Nguyen
Wie international und zudem lebendig Österreich klingen kann, beweisen mit Ke’rem und Tamara Flores gleich zwei Künstler*innen am 4. März am gemütlichen Dachboden des Wiener 25hours Hotels. Da sollten (nicht nur) Fans von Rosalía ein Ohr riskieren!
Natürlich ist auch Österreich für seine distinktiven Klänge bekannt – vom ehrwürdigen Wienerlied bis zur edlen Klassik, vom Beisl-Charme eines Voodoo Jürgens bis hin zum jodeligen Hulapalu eines Andreas Gabalier. Aber so wie Österreich kein autochthones Land ist, klingt Österreich auch nicht gleichförmig – den Beweis treten unter anderem gleich zwei Künstler*innen am 4. März beim Live im 25 in Wien an.
Den Abend eröffnet mit Ke’rem ein Singer-Songwriter mit türkischen Wurzeln – aus Klosterneuburg. Das Singen, das begleitet ihn schon von Kindheit an, seine “Bühne” war damals das Auto, während ihn seine Mutter zu alltäglichen Erledigungen mitnahm. Dabei war das Auto nicht nur Bühne, sondern gewissermaßen auch Safe Space, denn für den strengen Vater ist das Singen nichts, was sich für einen Mann geziemt. Doch Ke’rem setzt sich durch, singt nicht nur heimlich daheim, sondern auch im Schulchor – schon zu dem Zeitpunkt so markant, dass man ihn eindeutig raushörte. Es sollten Castingshows in Deutschland und Österreich folgen, 2018 setzte Ke’rem nach zahlreichen Covers erstmals selbst den Notenstift an und begann, seine eigenen Geschichten zu erzählen – unter anderem mit der Unterstützung von Eleonora Vardanian, Zweitplatzierte aus dem österreichischen ESC-Vorentscheid 2016. 2025 belegte er beim Soundcheck-Wettbewerb von ESC-Größe Cesár Sampson den dritten Platz, 2026 ist er bei den Amadeus Austrian Music Awards in der Kategorie “Songwriter des Jahres” nominiert.
Seine aktuelle Single „Circles.“ präsentiert nicht nur ein geschicktes Changieren zwischen klassischem Pop und modernem R&B, sondern zeigt auch sein Talent, als intensiver Geschichtenerzähler zu brillieren: Der Song erzählt die Story einer toxischen Beziehung, vom Sich-im-Kreis-Drehen und von der Erkenntnis, dass der einzig wahre Ausweg der Schritt nach vorne ist: Dies ist etwas, das wir nicht nur musikalisch, sondern auch emotional verinnerlichen können.
Im Anschluss dürfen wir uns auf Tamara Flores freuen: Sie ist nicht nur Sängerin, sondern auch Flötistin und Tänzerin aus Wien – mit mexikanischen Wurzeln: Zuhause läuft Peter Fox und Jazz genauso wie Natalia Lafourcade, eine der prägnantesten Stimmen Mexikos. Lange hat sie sich “wie zwischen zwei Welten” gefühlt, doch spätestens bei einem Auslandssemester in Buenos Aires und mitgerissen von der Tanz-Szene der Stadt bemerkt, wie positiv es ist, mit zwei so unterschiedlichen Kulturen aufzuwachsen: Und so gehen die beiden Kulturen auch in ihrer Musik authentisch und lebendig, dabei nahtlos ineinander über. Kein Wunder, dass Tamara Flores da sogar gebeten wurde, Österreich dieses Jahr beim Eurovision Song Contest zu vertreten; Doch sie zog ihre Nominierung zurück – und sorgte erst kürzlich selbst für Aufsehen: Für ihr neues Musikvideo zu “Infinito” organisierte sie grob 40 Tänzer*innen, die bei eisigen Temperaturen an ikonischen Orten in der Wiener Innenstadt performten. Da singt sie etwa eine warme Opern-Interlude, während die Tänzer*innen vom eisigen Wind gebeutelt werden, bevor das Stück zu einer Farbgewalt explodiert und beweist, dass Tamara Flores Künstlerinnen wie Rosalía um nur wenig nachsteht – wenn überhaupt.
Kein Wunder, dass Tamara Flores mit ihrem Ansatz, ein “buntes Österreich” zu transportieren, etwa auch bei FM4 Liebkind ist: Mit ihrer Vorjahressingle “Chingona” rangierte sie in den Top-10 der Jahrescharts und war 2026 neben Nenda, Laurenz Nikolaus, Magda und lovehead auch unter den fünf Finalist*innen der FM4 Amadeus Awards gelistet. Das mag angesichts ihrer erst kurzen Karriere verwundern, jedoch spricht ihre ambitionierte Musik Bände – so viel Liebe zur emotionalen, nicht verkopften Raffinesse sucht man andernorts oft vergeblich: Klanglich, aber auch ästhetisch verbindet Tamara Flores mühelos Flamenco mit Klassik - mal introspektiv, mal extrovertiert.
Bei so viel Feingefühl ist es zudem auch kein Wunder, dass Künstler wie Bibiza und Mika ebenfalls auf ihr Geschick zurückgreifen: Nachdem Tamara Flores neben der Musik auch Musik- und Bewegungspädagogik studiert, selbst auch im Ballett, dem Jazz- und Hip-Hop-Tanz beheimatet ist, erstellt sie für die beiden Herren Choreografien, die ihren energetischen Ansatz kongenial in Szene setzen.