Bild: Chili Gallei
Am 6. Jänner tippte Satiriker Peter Klien folgenden Satz auf X (wie lang schreibt man eigentlich noch: "vormals Twitter?"): Österreich ist das einzige Land der Welt, wo man am 6. Jänner schon einen satirischen Jahresrückblick füllen kann. Anlass waren hierfür freilich die (nach grob 100 Tagen) gescheiterten Koaltionsverhandlungen zwischen NEOS, SPÖ und ÖVP. In Folge dessen vergab Bundespräsident Alexander Van der Bellen nun doch Herbert Kickl und der FPÖ den Regierungsbildungsauftrag, ÖVP-Kampfkanzler Karl Nehammer zog sich zähneknirschend zu seinem Stamm-Maccie zurück, bestellte ein Kindermenü um Einsfuffzich und übergab das Zepter an seinen Generalsekretär Christian Stocker. Nun sitzt also der Stocker, der Kickl bisher als "Gefahr für die Sicherheit Österreichs" sah, am Verhandlungstisch und ist zumindest theoretisch sehr wohl bereit, nun doch gemeinsam mit Kickl auch in Zukunft für die Sicherheit Österreichs zu sorgen - spitze Zungen mögen unken, dass der Volkspartei das Volk aber sowas von scheißegal ist, wenns um den eigenen Machterhalt geht. Klar, dass eingedenk dieser Situation die ersten öffentlichen Proteste nicht lange auf sich warten ließen.
Wobei, eigentlich ist es sehr wohl verwunderlich, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die trotz der Horrormeldungen, die beinah täglich auf uns einprasseln, nicht schon längst der Lethargie verfallen sind - übergroßer Schmerz resultiert bekanntlich nicht selten in einer befreienden Ohnmacht. Beispiele gefällig? Während Klimakleber ob ihrer zugegeben etwas enervierenden Aktionen gar hinter Gitter wandern, sieht die österreichische Justiz (bewusst salopp formuliert) in manchen Fällen eine Vergewaltigung schon einmal als erbettelte Zärtlichkeit. Apropos "mutmaßliche Vergewaltigung": Während Donald Trump bereits vor Amtsantritt überlegt, Kanada als 51. Staat der USA einzugliedern und Kalifornien zeitgleich niederbrennt (Klimakrise? I wo!), möchte Skandal-Influencer Andrew Tate Premier von Großbritannien werden - an seiner Seite natürlich Elon Musk. Und als ob das alles noch nicht genug wäre: Hinkünftig darf man nicht nur auf Musks X (vormals Twitter) jeden Irrsinn verbreiten, Mark Zuckerberg zieht nun pünktlich zum Amtsantritt von Donald Trump nach und plant, auch Facebook, Instagram und Threads "nicht mehr zu zensieren".
Faschismus und toxische Männlichkeit sind ganz klar auch die thematischen Schwerpunkte am diesjährigen Protestsongcontest, der vor 21 Jahren ins Leben gerufen wurde und dessen Finale traditionell (am 12. Februar) im Rabenhof Theater in Wien-Erdberg über die Bühne geht. Die FM4-Redaktion (ja, die, die der nahende Volkskanzler Kickl einstampfen will) hat sich aus über 170 Einsendungen konstruktiv auf die 25 besten Protestsongs verständigt, am 23. Jänner werden im FM4 Soundpark die 10 Finalisten gekürt, die dann auf der Erdberger Bühne ihre Frustration coram publico artikulieren dürfen. FM4 überträgt aus dem Theater wie immer live, moderiert wird von Michael Ostrowski - und das Publikum votet via FM4-Homepage mit.
Die 25 Vorfinalisten kann man sich auf FM4 näher zu Gemüte führen - wenn es nach uns geht, müssten auf jeden Fall Sia Vaiz ("Yes, we serve rapists"), Toriser & Handle ("Küken"), NNELLA ("Nie wieder"), U:KUSTIK ("Ostwind") und Marbelite ("John") einen Freifahrtsschein nach Erdberg erhalten.
Sia Vaiz ist eine Singer/Songwriterin aus Niederösterreich beziehungsweise Wien, die man vielleicht auch von härteren, lärmenden Klängen in der Punk Rock-Band SeralOx her kennt. "Rohe Emotionen, die unter die Haut gehen" sind ihr Markenzeichen.
Toriser & Handle, das sind zwei Herren aus Laa/Thaya und Innsbruck, die aktuell mit ihrem zweiten Musik-Kabarettprogramm "Clusterfuck" einen "kritischen Blick auf die Uhr" werfen, und zwar auf die innere, aber auch auf die digitale - etwa am 15. Mai in der Kulisse.
NNELLA kommt aus dem vorarlbergerischen Altach und macht Art Pop - "irgendwo zwischen Streicheln und Beißen". Ihre USPs: viel Ironie und ein Faible für das Aburde. Vielleicht hat man sie schon im Vorprogramm von Sophie Hunger kennen und lieben gelernt?
U:KUSTIK, das is Ulrich Schleicher, der 2024 neben Paul Plut und Anna Buchegger den Hubert-von-Goisern Kulturpreis verliehen bekommen hat: Neben seinem Innovationsdrang sowohl auf der Gitarre wie auch fürs Theater ist da insbesondere seine Arbeit mit Flüchtlingskindern hervorgehoben worden.
Marbelite ist eine Alternative/Indie-Band aus Wien - vier Frauen und ein Mann, die seit vergangenem Jahr gemeinsam aktiv sind und die man bereits etwa im B72, Kramladen, Cafe Carina und Loop live erleben konnte.