Bild: Chili Gallei / Rabenhof Theater
Ab Herbst kredenzen im Gemeindebau-Theater Rabenhof in Wien-Erdberg Originale von Dirk Stermann über Stefanie Sargnagel und den Staatskünstlern bis hin zu Conchita Wurst erneut einen kunterbunten, nicht selten kuriosen Alltags-Mix, der wahrlich nur aus dem Gemeindebau stammen kann.
Der Gemeindebau – also der kommunale soziale Wohnungsbau – ist in der Form ein fast schon mythisches Wiener Unikum. Er gehört zum Stadtbild ebenso dazu wie das Kaffeehaus und der Würstelstand – und das ewige G’schimpf allerorts. Der Gemeindebau – man kennt ihn etwa auch aus dem „Kaisermühlenblues“ – ist ein Mikrokosmos aus grantelndem Zusammenhalt, wo der Herr Hofrat i.R. neben der dauertschickenden Hausmeisterin, Gemeindebaublumen und Überlebenskünstlern wohnt. Sein Innenhof ist der einzige Stammtisch ohne Tisch, jeder Balkon das Guckloch in ein Biotop zwischen Raunzen und Schimpfen – und irgendwo riecht es immer nach Schnitzel.
Der Gemeindebau ist nicht bloß Architektur, sondern Erzählstruktur – und seinen besten Logenplatz hat er in Wien-Erdberg: Im Rabenhof, Heimat vom gleichnamigen Gemeindebau-Theater, dem Epizentrum der Gegenwarts- und Gesellschaftsanalyse. Bereits zum 25. Mal in Folge wird ab Herbst dort wie die Büchse der Pandora eine Wunderkammer voll mit Poesie, Humor und böser Satire öffnet: Mehr noch als auf anderen Volksbühnen ist hier die Theaterbühne ein Ort, an dem selbst das Private hochpolitisch ist – und das Politische seinen ganz eigenen Humor entwickelt hat. Ein Ort, wo man zuerst ganz genau hinschaut und dann ausspricht, wo andere den Schwanz einziehen.
Der Rabenhof – einst Arbeiter-Versammlungssaal des Austerlitz-Hofes, dann Kino – wird seit dem Jahr 2000 unabhängig betrieben. Für das Theater sind seitdem bereits zahlreiche Namen gefallen: Vom “eigentlichen Volkstheater” (wobei Kay Voges ebendort insbesondere in seiner letzten Saison eine mehr als gute Figur gemacht hat) über “das schönste Wiener Pissoir der Zwanziger” (Stermann & Grissemann) bis zur “Falottenbude” und “Bobobühne” wurden zuhauf Begriffe gefunden. Alles charmant – und alles nicht punktgenau. Denn was hier passiert, passt in keine Schublade. Am ehesten trifft's vielleicht: Österreichs inoffizielles Kulturministerium. Denn der Rabenhof präsentiert ein Programm, das auf den Schlips tritt, gern mit angespitzten Fingernägeln in Wunden bohrt, das Lachen im Hals umdreht, es nochmals durch die Hirnanhangsdrüse jagt, bevor es den Mund verlassen darf – und dabei definitiv kein Blatt vor den Mund nimmt, den hehren Schiller’schen Aufklärungsgedanken wiederbelebt.
Das Programm spannt alle Jahre einen Bogen quer durch die urbane Popkultur: Von Kabarett und Literatur über Schau- und Singspiel bis hin zu Jugendtheater und Musical.
Dirk Stermann stellt am 13. September seinen neuesten Roman “Die Republik der Irren” vor – ein Roman, der davon erzählt, dass Minister für die Hafenstadt Fiume aus Irrenhäusern rekrutiert werden. Der Satiriker Max Goldt wiederum präsentiert am 8. Oktober seine neueste Textsammlung „Aber?“ – kleine Kunstwerke, aus denen die Menschlichkeit wuchert. Und Rocko Schamoni lädt am 13. März zu einer Zeitreise: Von seinen Anfängen im Vorprogramm der Goldenen Zitronen, über seine Tour mit den Toten Hosen, bis hin zu Fraktus und den Golden Pudel Club – wir erwarten eine Quersumme seines musikalischen, aber auch literarischen Schaffens!
Dirk Stermann steht jedoch auch gemeinsam mit Christoph Grissemann in der Wiederaufnahme von “Gags, Gags, Gags!” ab 16. September auf der Gemeindebau-Bühne, während Grissemann auch seine Therapie Satire “Rouladen” ab 27. September und gemeinsam mit Maschek-Hälfte Robert Stachel fortsetzt. Von Maschek gibt's ab 17. September zudem „Exit“, in dem es um das mögliche Ende des Lebens geht – durch Künstliche Intelligenz, Turbokapitalismus, Postdemokratie und Umweltzerstörung.
Fortgesetzt werden auch unter anderem die “Spätlese” (ab 2. Oktober) und “Der Herr Karl” (ab 26. Oktober) von Andreas Vitásek, neben “Planet Tagespresse” (ab 15. Jänner) auch “Die Tagespresse History” (ab 25. Oktober), “Grubers Universum” von Ex-Science Buster Werner Gruber (ab 20. Dezember), Stefanie Sargnagels “Opernball” (ab 13. Oktober) und “Luziwuzi” mit Tom Neuwith aka Conchita Wurst ab 17. November. Tom Neuwirth erleben wir am 23. September übrigens auch gemeinsam mit seinem besten Freund Martin Zerza beim famosen Varietéabend “Frau Thomas & Herr Martin”. Und nicht zu vergessen: Ab 27. November räumen die Staatskünstler Thomas Maurer, Robert Palfrader und Florian Scheuba erneut die Nation auf.
“Der Herr Karl”, “Wir Staatskünstler”, Stefanie Sargnagels “Opernball”, Conchita Wurst mit “Luziwuzi” und “Roulade” von Christoph Grissemann und Robert Stachel.
Am 12. Juni haben Naked Lunch ihre neue Single “To All And Everyone I Love” veröffentlicht - ihre erste Veröffentlichung seit sieben Jahren, zwölf Jahre seit ihrem bislang letzten Album. Einziger Wermutstropfen: Oliver Welter (Gesang, Gitarre) musiziert darauf mittlerweile ohne seinem langjährigen Wegbegleiter Herwig Zamernik alias Fuzzman.
Im Rabenhof sind sie in der kommenden Saison jedoch beide zu sehen, wenngleich auch hier getrennt: Clara Frühstück und Oliver Welter kommen mit ihrer radikalen und umjubelten Neuinterpretation von Franz Schuberts “Winterreise” am 12. November und 6. Dezember zurück ins Gemeindebau-Theater, während Fuzzman ab 9. April die Musik zu Cornelius Obonyas “Mozart” beisteuert.
Abseits ihrer beiden Rabenhof-Programme seien folgende Empfehlungen für Naked-Lunch-Ultras exponiert:
Die substanzielle Neuinterpretation von Schuberts “Winterreise” und “Mozart”, zweites nach der “niederschwelligen” Mozart-Biografie von Matthias Euler-Rolle, die 2024 unter dem Titel “Die Liebe ist's allein. Mozart. Der Roman” erschien.
In der kommenden Saison dürfen wir uns auch auf gleich zwei Kabarett-Premieren freuen:
Am 26. November premiert mit “Tante Pepi” das zweite Solo von Christian Dolezal: Darin erzählt er Geschichten, die sich tatsächlich genau so zugetragen haben. Wenn jemand ihm nicht glaubt, zeigt er Beweisfotos am Handy und schwört dazu. Er müsste sich für vieles davon schämen. Tut er auch, weil ihm das seine alte Tante Pepi einredet. Aber die hat selbst einen seltsamen Lebenswandel. Sie war trotzdem stets mit Trost und Rat zur Stelle, außer wenn im Fernsehen gerade “Dallas” lief.
Am 11. März premiert mit “20 Spritzer bis Amstetten” das ebenfalls zweite Solo vom lustigsten Deutschen Österreichs, Dirk Stermann: Hier verschwimmt Realität und Fiktion, wenn er davon erzählt, dass sein neues Programm eigentlich “Stermann singt” heißen hätte sollen, weil er bei seinem ersten, preisgekrönten Soloprogramm schon ein paar Songs gesungen hat und sich seitdem in der Tradition von Lady Gaga und Roland Kaiser sieht. Seine Agentur aber hat “Stermann sinkt” auf die Plakate drucken lassen, weil sie sein Gesangstalent eher an die Titanic erinnert. Wütend fährt Stermann nun mit dem Zug zu seinem ersten Auftritt, im Speisewagen des IC Österreich nach Amstetten …
Apropos Gesang: Sogar die Gattung des Musicals kommt kommende Saison im Rabenhof Theater nicht zu kurz! Am 7. Oktober premiert Anna Mabos Liebesgeschichte “Ferdinand Raimund”, eine Zeitreise durch den ganzen Raimund-Kosmos – von “Alpenkönig” bis “Verschwender”, von Magie bis Wahnsinn – mit Schmäh, Schicksal und einer ordentlichen, vielleicht echten, vielleicht erfundenen, aber ganz sicher großartigen Liebesgeschichte. Und am 14. Jänner premiert dann die “Pension Schöller”, der Komödienklassiker als rauschendes Spektakel voller Gesang, Wahnsinn und gnadenloser Situationskomik mit wechselnden Verwirrungen und irren Verwechslungen, einer Pension voller exzentrischer Gestalten und eine Nervenheilanstalt, die gar keine ist …
In der kommenden Saison wird aber auch freilich wieder an die Kinder gedacht: Aufgrund des großen Erfolgs wird der Märchenklassiker “Rotkäppchen” (für Kinder ab 6 Jahren) ab 20. September fortgesetzt und um gleich zwei neue Programme ergänzt; Am 11. November feiert das Stück “Jeanne D'Arc” Premiere und erzählt für Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren die Geschichte der berühmtesten Heldin Frankreichs als zeitgemäßes Epos. Ab 19. März erleben Kinder ab 6 Jahren dann das bekannte Märchen “Der gestiefelte Kater” als brandneues Abenteuer - clever, charmant und ziemlich “catastic”. (Katzencontent zieht immer!)