Bild: Markus Wache
Die Satireplattform „Die Tagespresse“ hilft uns mit täglichen Persiflagen, das Geschehen in Österreich und dem Rest der Welt besser zu verstehen. Gründer und Chefredakteur Fritz Jergitsch erlaubt in seinem neuen Bühnenprogramm einen Blick hinter die Kulissen und erzählt uns im Interview, welche Politiker ihn besonders reizen und warum auch Satire manchmal machtlos sein kann.
Fritz Jergitsch hat Die Tagespresse 2013 gegründet, mittlerweile gilt die Satireplattform in Österreich als Synonym für absurde Schlagzeilen aller Art. In seinem Bühnenprogramm „Die Tagespresse LIVE“ lässt uns der 33-jährige Wiener, der 2014 und 2017 zu Österreichs Journalist des Jahres in der Kategorie „Unterhaltung“ gekürt wurde, hinter die Kulissen der ungewöhnlichen Erfolgsstory blicken: „Wir sind ein Hybrid aus Unterhaltung und Information. Auch, wenn wir Geschichten durch Übertreibung humorvoll zuspitzen: In jedem Gag steckt immer ein Körnchen Wahrheit.“
Nach Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre habe ich auf Facebook eine Geschichte gelesen: „Linie übertreten: Rekordsprung aus 39 Kilometern Höhe für ungültig erklärt“. Es hat eine Weile gedauert, bis ich draufgekommen bin, dass das eine Meldung des deutschen Satireportals Der Postillon war. Das hat mir getaugt, also habe ich recherchiert und gesehen, dass es in Österreich nichts Vergleichbares gibt.
So eine Entwicklung kannst du nicht planen. Nach dem Studium war ich orientierungslos und habe verschiedene Praktika im PR-Bereich absolviert. Mir war klar, dass ich mich früher oder später selbständig machen möchte – aber dass ich Satire-Unternehmer werde, das hätte ich mir nicht gedacht.
Im Prinzip, ja. Aber ich habe auf einen gewissen Grundprofessionalismus gesetzt und einen leistungsfähigen Server gemietet. Und weil ich mich mit Webseitengestaltung ein bisschen auskenne, habe ich von Anfang an darauf geachtet, dass mein Webdesign auf Mobilgeräten und auf großen Bildschirmen gut ausschaut. Ich habe zwar alles nur zum Spaß gemacht, aber ich wollte sicherstellen, dass es nicht am Dilettantismus scheitert, falls das Interesse doch eines Tages explodieren sollte.
Das waren goldene Zeiten für die Satire, als noch jeder wirklich alles geglaubt hat, was auf Facebook gestanden ist. Heute glauben die Leute nur noch das, was sie auf TikTok sehen …
Ich vergleiche das mit einem Chirurgen, den man fragt, ob er sich freut, wenn nach einem Unfall sieben Schwerverletzte eingeliefert werden. Es ist und bleibt Arbeit; egal, wie schwer die Verletzung ist, der Chirurg wird am Operationstisch das Beste aus der Situation machen. So ist es auch mit der Satire: Egal, wie schwierig Themen sein mögen, wir werden sie aufgreifen und mit unseren Mitteln behandeln.
Es gibt Momente, in denen wir vor der Realität kapitulieren müssen und uns nichts einfällt, das noch lustiger wäre als die Wahrheit. Bis heute ist das übrigens die Geschichte, auf die wir am häuftigsten angesprochen werden – obwohl es der einzige Text ist, den wir nicht selbst geschrieben haben …
Grundsätzlich geht es immer darum, mit der Erwartungshaltung des Publikums zu spielen: Ein Witz entsteht dadurch, dass die Geschichte einen anderen Ausgang nimmt als man denkt. Und je plausibler sich der unerwartete Ausgang gestaltet, umso lustiger ist die Pointe. Trotzdem sind es unterschiedliche Kunstformen. Beim Schreiben kann man Formulierungen exakt abwägen. Man hat größere Freiräume, wie man Sätze ausschmückt.
Da sind andere Talente gefragt, unter anderem das Timing, mit dem man einen Witz vor Publikum präsentiert. Und das setzt voraus, dass man überhaupt vor Menschen sprechen kann. An diese Situation musste ich mich aber erst gewöhnen.
Mittlerweile schon. Ich habe anfangs klassische Stand-up-Comedy probiert, aber da habe ich nie so recht in meine Figur hineingefunden und deshalb immer versucht, andere Künstler nachzumachen. Jetzt ist mir meine Rolle vollkommen klar: Ich erzähle schräge Geschichten aus unserem Redaktionsalltag und lese dazwischen passende Meldungen aus den vergangenen Jahren vor. Ich muss keine Figur mit Leben erfüllen, sondern bin einfach Fritz Jergitsch, Chefredakteur der Tagespresse.
Ja, und einigen anderen Freelancern, zum Beispiel Tereza Hossa und Sonja Pikart. Die meisten Leute, die bei uns schreiben, sind Comedy-Autorinnen und -Autoren, wir haben aber auch andere, die mit der Kabarettszene nichts zu haben. Das Kernteam selbst besteht aus vier Leuten.
Begonnen habe ich damit, dass ich darüber nachgedacht habe, welche tagesaktuellen Themen die größte Sprengkraft haben – und auf welche Headlines die Leute auf Social Media am ehesten reinfallen könnten. Mittlerweile treibt es uns vorrangig an, den Mächtigen satirisch – also durch humorvolle Übertreibung und Zuspitzung – einen Spiegel vorzuhalten und gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen.
Wir kommunizieren über ein Online-Tool. Da kann jeder seine Headline-Ideen hineinballern und dann stimmen wir demokratisch ab: Sobald mindestens drei Leute „Haha“ drunter kommentieren, gilt eine Überschrift als ausgewählt und dann beginnen wir – meistens in Teams von zwei bis vier Schreibern – den Text auszuformulieren.
Die Grenze verläuft dort, wo wir Inhalte nicht mehr mit unserem Gewissen vereinbaren können. Wir entscheiden aber oft nach Bauchgefühl. Am wichtigsten ist die Botschaft, die wir mit einer Geschichte vermitteln wollen. Klarerweise kann es uns immer noch passieren, dass wir etwas falsch einschätzen. Eine Geschichte wie die über Andreas Gabalier 2014 würden wir heute nicht mehr schreiben: „Plagiatsvorwurf gegen Andreas Gabalier: Hat er bei seinem Sonderschulabschluss abgeschrieben?“
Naja, das alte Thema: Satire sollte nicht nach unten treten …
Was uns an Politikern reizt, ist ihre Selbstdarstellung. Politiker sind getrieben, sie wollen ihre Inhalte in den Medien unterbringen. In den vergangenen Jahren honorieren Medien aber zunehmend Dummheit und Inhaltsleere, es geht immer weniger um wahre Substanz. Deshalb ist es für Politiker hilfreich, wenn sie ihre eigenen Ansprüche an ihr Publikum reduzieren und immer plakativer werden. Gerade große Egos wie der frühere Wiener Bürgermeister Michael Häupl, die alles, was sie sagen und denken, für extrem profund halten, sind sehr gut für uns. Oder Ex-Kanzler Sebastian Kurz, der sich für oberflächlichste Inszenierungen nie zu schade war: Solche Typen eröffnen Satirikern wie uns viele Räume.
Nein. Wir nehmen kein Geld für Inserate und bekommen keine Förderungen. Damit haben sie keine Hebel, die sie in Bewegung setzen könnten, um uns unter Druck zu setzen. Wir sind redaktionell unabhängig und nur unseren Leserinnen und Lesern verpflichtet.