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Kabarett & Comedy

Christoph Fritz: Nackte Ehrlichkeit

07.09.2022 von Manuel Simbürger

Er könnte der neue Alfred Dorfer werden. Seit Christoph Fritz, 28, 2018 mit seinem preisgekrönten Debüt „Das Jüngste Gesicht" aufhorchen ließ, ist er aus der jungen Kabarettszene Österreichs nicht mehr wegzudenken. So unscheinbar er auf den ersten Blick wirkt, so unscheinbar wirkt er auch auf den zweiten Blick, wenn man ihn auf der Bühne sieht. Babyface, brave Brille, noch braverer Haarschnitt. Die Stimme leise, der Körper leicht zitternd, der Blick schüchtern, das Kopflastige als Schutzschild. Doch wenn zwischendurch das spitzbübische Grinsen von Fritz aufblitzt, dann weiß man: Dieser junge Mann vor uns ist ein Genie, der es faustdick hinter die Ohren hat und der der Gesellschaft einen kritischen Spiegel vorhält, indem er sich selbst darin ansieht und wirklich keinen (vermeintlichen) Makel auslässt. Und wenn sich das pointiert Bitterböse unvermittelt in seelenstreichelnde Lebensweisheiten verwandelt (nur um gleich wieder den Tabubruch zu umarmen), wenn das entlarvend Desillusionierende plötzlich inspirierend wirkt, dann weiß man: Die leisen Töne sind eben doch am lautesten, die Frage, wer sich hinter dem süßen Babyface wirklich versteckt, fesselnd – auch in Christoph Fritz’ zweitem Programm „Zärtlichkeit“, in dem sich die Personifikation des Lakonischen mit Intimität beschäftigt.

Am 27. September startet dein neues Programm „Zärtlichkeit“ ...

Ich werde mich auf eine Suche nach Zärtlichkeit begeben, die ich an mitunter unverhofften Stellen entdecke. Ich denke, dass das Thema der Nähe aufgrund der Vereinzelung durch die Pandemie und der Notwendigkeit von Solidarität zum Lösen der großen Probleme gerade besonders aktuell ist. In der Welt und im Leben liegt Vieles im Argen, aber man kann der Absurdität entfliehen, indem man Verbindungen mit Menschen eingeht und so zum Beispiel auch einem Raubüberfall Sinn verleiht.

Ist der Druck auf dem zweiten Programm größer als auf dem Debüt?

Auf jeden Fall. Es heißt, das zweite Programm sei das schwierigste. Deshalb habe ich es bereits im Winter geschrieben und aufgeführt – streng geheim vor zwei Zuschauern (beides Katzen), um das schnell abgehakt zu haben. Mein im Herbst erscheinendes, nach außen hin als „zweites“ angekündigte, Programm ist also genau genommen mein drittes. Ich denke ja mit!

Du erzählst auf der Bühne vor allem aus deinem Privatleben. Wie viel von dem, was wir da zu hören bekommen, ist tatsächlich wahr?

Auf der Bühne ist immer alles wahr.

Du wirkst auf der Bühne sehr schüchtern und vor allem alles andere als emotional. Ist das nur gespielt?

Die Schüchternheit ist mir in die Wiege gelegt worden. Als Erstklässler hab ich mir im Religionsunterricht in die Hose gemacht, weil ich zu schüchtern war, die Lehrerin zu fragen, ob ich aufs Klo gehen darf. Wenn du jetzt denkst: „Mah, lieb, da hat er sich angeludelt!“, muss ich dich leider enttäuschen. Mit meiner seitherigen Entwicklung kann ich also relativ zufrieden sein, auch wenn ich die Latte nicht allzu hochgelegt habe. Emotionen besitze ich aber durchaus, mein Körper vermittelt die nach außen hin nur subtil. Letztens hab ich dem Hausverwalter gegenüber meine Stimme um drei Prozent erhoben. Da war ich stolz auf mich. Da hab ich die Wut mal richtig rausgelassen.

Du machst dich in deinen Programmen vor allem über dich selbst lustig. Geht das nicht irgendwann auf die Substanz? Wie sehr leidet dein Selbstbewusstsein darunter?

Im neuen Programm achte ich vermehrt darauf, dass diese Witze eher auf die Seite der Selbstironie fallen als auf die Seite der Selbstherabwürdigung; also eher liebevoller Natur sind. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass mein Selbstbewusstsein unter dem Bühnenhumor gelitten hätte. Wobei ich mir nicht zuletzt dank Hannah Gadsby darüber bewusst bin, dass selbstreferenzieller Humor je nach Art und Weise lindernd bis destruktiv wirken kann. Allgemeiner gesprochen tut die Bühne an sich dem persönlichen Selbstbewusstsein nicht immer einen Gefallen, da man sich an gutes Feedback rasch gewöhnt, aber bei negativem oft eine kleine Welt zusammenbricht. Und da Stand-up eine radikal-subjektive Ausdrucksform ist, kann man das manchmal nicht so leicht vom eigenen Selbstwert trennen. Aber: Wenn nichtlachende Menschen das Schlimmste sind, was dir in deinem Beruf passieren kann, hast du eigentlich einen ganz guten Job.

Du gehst auf aktuelle gesellschaftspolitische Themen nicht ein – und wenn, dann nur, wenn sie direkt etwas mit deinem Leben zu tun haben. Möchtest du trotzdem dem Publikum eine Message mitgeben?

Das wird mir erst langsam klar, aber ich glaube, die Message ist, dass Humor den Blick weiten und man dadurch neue Perspektiven einnehmen kann, die mal Trost spenden und mal Freude. Ich glaube, Humor beziehungsweise humorvolles Denken kann ein gutes Werkzeug sein, um sich für Zärtlichkeit zu öffnen oder sie überhaupt zu entdecken.

Dein erstes Programm ist erst 2018 erschienen, seitdem geht es mit deiner Karriere steil bergauf. Ganz ehrlich: Verändert der Erfolg einen nicht?

Man kann sich mit seiner Hilfe noch besser wie ein Hochstapler fühlen (lacht). Ich kann nur für mich sprechen, aber ich habe das Gefühl, dass mich Erfolg nicht verändert. Was nicht heißt, dass er das Leben oder den Beruf nicht verändert. Ich denke, je mehr Erfolg man hat, desto öfter kann man Nein sagen. Das ist ja auch ein Luxus. Derweil sage ich noch viel Ja. Meistens freiwillig und gerne.

Bitte vervollständige folgenden Satz: „Christoph Fritz ist geil, weil ...“

... er ein Mensch ist.


Termine


Christoph Fritz - Zärtlichkeit


ab Ende September in Wien (Stadtsaal, Kabarett Niedermair, Orpheum, Kulisse), Linz (Posthof), Tulln (Danubium), Salzburg (kleines theater) und St. Pölten (Bühne im Hof)

Termine und Venues auf dem Stand vom 07.09.2022  

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