Bild: Ingo Pertramer
Bittet man Christoph Drexler und Lollo Pichler zum Interview, bekommt man das, was man erwartet: Sarkastisches. Doppelbödiges. Selbstironisches. Ernstes. Lässiges. In-sich-Ruhendes. Das Wiener Duo, deren Kombination aus Gesang und Kabarett, aus Gesellschaftskritik und Blödelei die Qualität des Einzigartigen besitzt, ergänzt sich bei den Antworten mühelos, lässt dem Partner gerne den Vortritt, traut sich aber auch zum Widerspruch oder zum Anstoß eines neues Gedanken – der schnell wo anders endet, als er angefangen hat, denn Christoph & Lollo lieben es, das ist bekannt, sich über Gott und die Welt Gedanken zu machen. Und dabei stets dieses gewisse Funkeln in den Augen zu haben, als ob sie kurz vor ihrem nächsten Streich stehen würden.
Was sie dieses Mal tatsächlich tun. Als wir zum Gespräch bitten, befinden sich Christoph & Lollo nämlich in der Endphase ihres neuen Albums „alles gut“. Die Scheibe bietet zwölf neue Lieder über alles, was (nicht) interessiert – von Politik und Kaffee über Hundstrümmerl bis hin zu Instagrammern, Corona und verletzten Gefühlen. Einmal mehr vereint Österreichs odd couple des satirischen Liedguts die Energie des Rock’n’Roll und den DIY-Gedanken von Indie-Punk mit sarkastischer Schärfe. Seit bald 30 Jahren wissen sie damit der absurden Gegenwart etwas noch Absurderes entgegenzusetzen. Warum? Weil sie es können. Und sonst macht’s ja niemand. Also: alles gut. Die erste neue Single "Im Burgenland gibt's jetzt Olivenöl" wird übrigens am Freitag, den 6. September veröffentlicht!
Lollo: Ich bin da ein typischer Wiener. Ich sage immer: „Jo, geht eh gut.“
Christoph: Es ist aber natürlich immer gelogen, oder? Weil man hat immer etwas, warum es einem nicht gut geht. Oder zumindest hat man im Hinterkopf, wie es anderen geht – und dann geht es einem ja auch nicht mehr gut.
Lollo: Es ist auffällig, dass mittlerweile auf diese Frage „Wie geht es dir?“ viele Leute antworten: „Alles gut“. Oder wenn man jemanden anrempelt oder man sich bei jemanden entschuldigt, weil man zu spät ist, antwortet man: „Alles gut.“ Das ist relativ neu, das hat früher niemand gesagt. Ich finde es lustig, dass die Leute in den letzten fünf Jahren angefangen haben, „alles gut“ zu sagen, obwohl alles so schlecht ist wie noch nie.
Lollo: Ein bisschen macht es den Anschein einer Beschwörungsformel.
Christoph: Die Betonung ist ja oft ein bisschen resignativ. Wenn man hingegen früher gesagt hat: „Paaaasst schooo!“, war das immer mit einem leichten Unterton der Zufriedenheit verbunden.
Lollo: Man könnte es ja auch so verstehen, dass, es gerade mein geringstes Problem ist, dass mir Bier über den Kopf geschüttet wurde.
Christoph: Die Frage ist wahrscheinlich, ob wir in Österreich diese Veränderung so wahrnehmen, weil die Sachen alle aus Deutschland kommen und dort gar keine Veränderung festgestellt wird, weil alles so ist wie immer. Oder ob die dort auch irgendwie anders reden als früher. Aber es ist halt eine Internationalisierung. Es sind ja mittlerweile auch viel mehr englische Begriffe in der Sprache. Damit man überall verstanden wird.
Lollo: Etwas, was sich wirklich verändert hat in letzter Zeit, ist, dass Sprache vom Internet diktiert wird, insbesondere von Influencern und YouTubern. Früher hatten Politiker, Künstler, Zeitungen, etc. die Hoheit über Sprache. Heutzutage sind das 20-jährige Arbeitslose. Außerdem wird alles wahnsinnig schnell übernommen. Wenn Veränderungen die Sprache bereichern, freut es mich sehr. In Wirklichkeit aber wird das Wörterbuch immer dünner.
Christoph: Man hat schon Glück, wenn man hier lebt, wie auch generell in Österreich bzw. Mitteleuropa. Ich bin froh, dass Wien anders ist, auch politisch. Aber auch im Alltag, im Leben, wie man durchs Leben kommen kann, ist es in Wien einfacher als woanders.
Lollo: Ich glaube, ich wäre auch als Tiroler ganz zufrieden. Ich glaube, wenn man in Österreich nicht in Wien wohnt, hat man immer noch die Möglichkeit, nach Wien zu fahren und dort akzeptiert zu werden. Umgekehrt ist es ein bisschen schwieriger.
Lollo: Je besser es einem geht, desto mehr raunzt man. Und: was als unhöflich und vor unfreundlich angesehen wird, ist ja auch eine Kulturfrage. Da stecken oft auch Missverständnisse dahinter. Aber davon abgesehen sind wir halt wirklich unfreundlich.
Christoph: Unfreundlich könnte man aber auch übersetzen in: Sachen besser machen wollen. Und vielleicht macht man es dann auch besser.
Christoph: Ich finde schon, dass die Welt zugrunde geht. Das darf man nie aus dem Auge verlieren. Es gibt Leute, die absichtlich dagegen arbeiten, weil es andererseits Leute gibt, die genau das gut finden. Das finde ich ganz böse, ist meiner Ansicht nach ein Verbrechen. Dass Vollkoffer so populär sind, hat natürlich auch mit der großen Macht des Internets zu tun.
Lollo: Was uns im nächsten Jahr sehr beschäftigen wird, ist, dass Russland immer mehr Einfluss in der EU hat. Was mich auch sehr ärgert, ist, dass die allgemeine Kultur die Menschen die ganze Zeit ablenkt mit irgendwelchem Schwachsinn, anstatt sich mit echten Problemen zu beschäftigen. Diskussionen gehen sehr oft an der Sache vorbei. geht sehr oft an der Sache vorbei. Der Aufreger um Gewessler und das Renaturierungsgesetz ist hier ein gutes Beispiel.
Christoph: Eher nein. Kunst kann, und da schlägt auch der Albumtitel in die Kerbe, uns für ein paar Momente die Probleme vergessen lassen. Obwohl: Ist das dann nicht auch schon Veränderung?
Lollo: Wenn wir zum Beispiel auf der Bühne stehen und die Leute sich gut unterhalten, lachen und eine Freude haben, dann freuen wir uns auch und haben das Gefühl, etwas Sinnvolles gemacht zu haben.
Christoph: Im Idealfall ist es dann so, dass sie über die Probleme, die sie beschäftigen, lachen und diese somit leichter verarbeiten können. Aber leider erreicht man vor allem jene Leute, die ohnehin so denken wie wir.
Christoph: Es kommt ein Gesundheitsexperte vor.
Lollo: Es ist ein bisschen eine Corona-Nachbearbeitung. Ansonsten geht es um: Klimawandel, Influencer, das Internet, das wunderbare Jahr 2020. Komiker und Musiker, die uns ständig anlügen. Favoriten, unseren Heimatbezirk. Kaffee-Überextraktion, völlig unterschätztes Thema in unserer Gesellschaft! Es gibt endlich auch ein Lied über Hundstrümmerl. Und wir haben eine neue Bundeshymne geschrieben – die wesentlich besser ist als die von Mozart, wenn man mich fragt. Ach ja, ein erotisches Lied über Neurodermitis gibt es auch.
Lollo: Das war immer schon unser Anspruch. Alle anderen Bands singen immer über Liebe und Partymusik. Das ist langweilig.
Lollo: Ich bin der Meinung, dass DJ Ötzi und Micky Krause in ihrer intellektuellen Wirkungskraft völlig unterschätzt werden. Und dass diese Frage, wo sind die Hände, eigentlich wirkliches Format hat, dass wir auf ungefähr vier Minuten ausbreiten.
Lollo: Ich fürchte, das ist so, ja.
Christoph: Aber ob wir das feiern? Ich weiß nicht.
Christoph: Eine Weile lang haben wir uns, um zu Auftritten zu gelangen, einen Leihwagen besorgt. Das ist so absurd. Es gab ja einerseits auch damals schon einen Zug und andererseits hatte ich früher auch schon einen Führerschein. Wirklich merkwürdig.
Lollo: Eine unserer klügsten Entscheidungen war, uns das Klimaticket zu besorgen. Wir sind begeisterte Klimaticket-Inhaber. (überlegt) Dumme Entscheidungen gab es so viele, dass mir die Auswahl sehr schwerfällt. Ab und zu sind wir wo aufgetreten, wo von vornherein klar war, dass es nicht funktionieren wird. Da sind wir vor Ort schon mal verzweifelt.
Christoph: Was wir gar nicht mehr machen, ist, irgendein Lied zu covern, das uns ganz plötzlich in den Sinn kommt. Dafür ist uns unsere Verantwortung als international erfolgreiche Künstler zu bewusst.
Lollo: Wir machen uns aber immer noch keinen konkreten Plan vor den Auftritten. Wir machen uns üblicherweise das erste Lied aus und vielleicht das letzte. Aber ansonsten bemühen wir uns, spontan zu sein. Das ist bei uns ja auch einfach, weil wir sind ja keine fünfköpfige Band ... also Rammstein können das nicht machen. Aber wir schon, weil wir besser sind als Rammstein.
Christoph: Für uns wäre das Gegenteil wohl schwerer. Es wäre langweiliger, wenn man wüsste, was bevorsteht. Spontanität ist gleichzeitig aber auch beängstigend, weil man nicht weiß, ob es völlig in die Hose gehen wird. Aber auch hier sind wir erfahrener.
Lollo: Die Unsicherheit, nicht zu wissen, was passieren wird, hilft uns auch, präsenter zu sein.
Christoph: Wenn es rennt, dann ist es cool.
Christoph: Ja, einmal hat jemand aus der ersten Reihe gerufen: „Spüt’s eas a eigentlich a gescheite Liada?“ Und einmal hat sich tatsächlich jemand, ich glaube, er war Muslim, über unsere „Islamlied“ aufgeregt. Seine Frau musste ihn beruhigen, dann sind sie aber gegangen.
Lollo: Manfred Ainedter hat sich sehr empört über ein Lied von uns und es vor Gericht vorgetragen. Wir haben uns sehr empört, dass er nicht um Erlaubnis gefragt hat, ob er unseren Text verwenden darf.
Lollo: Wir spielen was Gescheites.
Lollo: Doch, das ist auch schon vorgekommen. Wenn man auf der Bühne steht, kann es schon passieren, dass man seine Macht ausnutzt. Es ist sehr einfach, von der Bühne herab sich beispielsweise über jemanden lustig zu machen, der gerade nicht da ist. Da muss man schon immer aufpassen, dass man Teufelchen und Engelchen auf seinen Schultern im Gleichgewicht hält.
Christoph: Wenn man sich zum Beispiel lustig macht über Leute, die einen Schlaganfall hatten und dann nicht mehr so gut reden können. Und solch eine Person sitzt im Publikum.
Lollo: Hast du das schon mal gemacht?
Christoph: Nein.
Lollo: Ja, mach es bitte nicht.
Lollo: Das muss man immer im Einzelfall genau sehen. Tendenziell ist es natürlich immer gut, wenn man nicht auf die einschlägt, denen es eh schon scheiße geht. Aber man darf auch einen Spaß haben.
Lollo: Ich sehe mich als Mischung zwischen Christian Kolonovits und André Heller. Ich will nur auf einem Sessel sitzen und anderen sagen, was sie tun sollen. Das ist mein Traum eigentlich.
Christoph: Ich bin eher so der Rolando Villazon, der ja auch eher Interpret ist.
Lollo: Die sterben alle irgendwann und da muss jemand ihren Posten einnehmen.
Christoph & Lollo begehen ihren Album-Release am 4. Oktober im Wiener Stadtsaal und spielen sich anschließend via Klimaticket quer durch Österreich. Tickets gibt es bei oeticket.