Bild: Antonia Mayer Bild: Antonia Mayer
Kabarett & Comedy

David Scheid: "Wenn man gecancelt wird, hat man etwas geleistet"

01.10.2025 von Manuel Simbürger

Mit uns sprach Kabarettist David Scheid über sein neues Programm, den Weltuntergang, Wokeness und die Angst, gecancelt zu werden.

Lange dauert es nicht mehr, bis David Scheids neues Programm “The Kabarettist” Premiere feiert – nämlich am 20. Oktober im Wiener Stadtsaal. Bis dahin hat der 42-Jährige, der seinen großen Durchbruch mit der Kunstfigur des Wannabe-Influencers Dave feierte, noch viel zu tun, erzählt er uns im (trotz allem) relaxten Interview. Denn bei “The Kabarettist” handelt es sich nicht um Kabarett, so Scheid, nicht um Stand-up, sondern “es ist eine Show”. Die vielleicht größte und aufwändigste in der bisherigen Karriere des Kabarettisten/ Schauspielers/DJs. Man muss genau überlegen, wie man die Berufsbezeichnung von Scheid akkurat beschreibt. Denn in Schubladen möchte sich der Wiener nicht pressen lassen.

Derzeit also trifft man Scheid wohl bei den Vorbereitungen zu “The Kabarettist” an. Dazu gehört auch: nachdenken. Viel nachdenken. Denn Scheid, das will er auch gar nicht verstecken, macht sich viele Gedanken. Über die Welt. Den Weltuntergang. Wokeness. Diskriminierung. Meinungsfreiheit. Die heilende Kraft des Humors. Und darüber, was Wahrheit eigentlich bedeutet. Bei unserem Gespräch war das nicht anders.

Worum geht es in deinem neuen Programm “The Kabarettist”?

Es ist mein erstes Programm mit einem roten Faden. Genauer: Es handelt sich um zusammengewürfelte Stücke mit einem roten Faden. Ich will aber nicht zu viel verraten – außer: Es geht um einen vermeintlichen Kabarettisten, der im Exil lebt, weil er zu politisch war. Das Ganze spielt in der Zukunft, ungefähr im Jahr 2040. Ich muss gestehen, ich habe noch viel zu tun: Ich bin noch nicht ganz fertig.

Das klingt auf jeden Fall schon mal spannend!

Es ist aber nicht so, dass “The Kabarettist” reine Politik-Satire ist. Nur auf alles reaktionär draufklatschen wollte ich auch nicht. Das wäre ja recht einfach, das würde sich von selbst schreiben, weil in Österreich die Politiklandschaft eigentlich ein sehr guter Ghostwriter ist.

Wie im vorigen Programm wird es wieder Plattenspieler und Videoscratches geben, sprich: Mit der digitalen Platte kann ich Videos und Sound-Dateien in Echtzeit manipulieren. Das Programm soll ja nicht nur destruktiv sein, sondern es soll ja auch Spaß machen.

Das heißt, am Ende von “The Kabarettist” hat das Publikum gute Laune?

Ja, im besten Fall hat es das. Ich möchte schon auf Dinge, die in der Gesellschaft schief rennen, aufmerksam machen - aber eben mit Humor. Denn mit Humor lässt sich alles besser nehmen und es gelingt einem eher, über gewisse Dinge drüberzustehen. Vor allem wissen die Leute dann auch, dass sie mit ihren Sorgen nicht alleine gelassen werden.

Was mir durchaus klar ist: Ich kann nicht Botschaften über meine Bubble hinaus senden, und darum geht es mir in erster Linie auch nicht. Ich möchte nicht mit erhobenem Zeigefinger jemandem Botschaften reinpumpen. Ich wünsche mir, dass das Publikum den Saal verlässt und sagt: “Ach, ein guter Tag!”

Du hast vorhin erwähnt, dass das Programm noch nicht fertig ist. Bist du generell jemand, der mit seiner Arbeit auf den letzten Drücker fertig wird? Oder ist es diesmal eine Ausnahme?

Nein, diesmal bin ich sogar früher dran als jemals zuvor! Aber trotzdem ist noch viel zu tun. Vor allem habe ich mir dieses Mal echt viel vorgenommen, auch technisch gesehen. Und es gibt ganz viele Leute, die hinter den Kulissen an dem Programm mitgearbeitet haben. Es sind Leute beteiligt, die haben eigens für das Programm Musik produziert. Es sind Leute beteiligt, die Visuals für die Leinwand produziert haben. “The Kabarettist” ist kein Stand-up, kein Kabarettabend. Es ist eine Show. Es steckt ur-viel dahinter und so viel Geld habe ich noch nie zuvor für etwas ausgegeben.

Im Programm geht es auch um die Frage, ob man über den Weltuntergang lachen darf. Was ist deine Antwort darauf?

Ja, klar darf man das – weil wenn nicht, wäre es ja traurig. Was soll man sonst machen in den schlimmsten Situationen des Lebens? Wenn man sich diesen vollends hingibt, werden sie nur noch trauriger. Es hilft immer, mit schwierigen Situationen humorvoll umzugehen. Ich muss gestehen, ich bin bisher von großen Traumata in meinem Leben verschont geblieben – wäre es anders, würde ich eventuell anders denken. Aber meine Meinung ist: Wenn es mir schlecht geht, dann schaue ich, dass ich irgendwo einen Funken Schmäh drin finde, denn das hilft mir.

Wie würde denn dein letzter Tag vor dem Weltuntergang ausschauen?

Ich würde alle Freunde einladen. Ich denke an den Film “Melancholia”, nur halt nicht so depressiv! Wir würden gemeinsam eine fette Party feiern. 

Und wie stellst du dir persönlich den Weltuntergang vor? Oder sind wir eh schon mittendrin?

Also in meinem Kopf gibt es verschiedene Szenarien. Entweder wird es so ein interstellares Ding, wie bei den Dinosauriern damals, also ein Urknall oder so. Oder der Mensch vernichtet sich selbst – und da muss ich leider sagen, dass wir auf einem guten Weg in diese Richtung sind.

Kann Kabarett - beziehungsweise die Satire - die Welt verändern?

Wenn man aktuell nach Amerika schaut, wo eine Talkshow nach der anderen aufgrund politischer Eingriffe gecancelt wird, würde man vielleicht antworten: “Nein, kann sie nicht.” Ich glaube aber, dass man mit Kunst sehr wohl Aufmerksamkeit schaffen kann für gewisse Dinge – und durch das Abschaffen der Kunst wird ebenso und wiederum erreicht, dass auf Dinge aufmerksam gemacht wird. Es macht etwas mit Menschen, wenn sie realisieren, dass jemand geahndet oder abgesetzt wird, nur weil er einen gewissen Satz gesagt hat. Also: Wenn man als Künstler abgesetzt wird, hat man eigentlich durchaus etwas geleistet. Denn es beweist, dass man als gefährlich und wichtig wahrgenommen wird.

Hast du eigentlich selbst Angst, gecancelt zu werden? Schwirrt dieser Gedanke einem als Künstler heutzutage immer im Hinterkopf?

Irgendwie schon. Ich hatte mal einen Shitstorm aus einer politischen Ecke und das war schon hart für mich und hat mich auch ein bisschen verunsichert. Aber gleichzeitig hat es mich auch motiviert, weiterzumachen. Auch das neue Programm wurde davon inspiriert und angefeuert. Denn in “The Kabarettist” steckt sehr viel von der Frage drin: Wie gehen Mächtige mit ungewollten Leuten um?

Ich denke, die großen leitenden politischen Entscheidungsträger müssen über öffentliche verbale Angriffe und über gegenteilige Meinungen drüberstehen. Wenn jemand, der aus der Kabarettszene kommt, etwas zu einem bestimmten Thema zu sagen hat, müssen sie das akzeptieren. Es ist falsch, mit Klagen die Leute zuzuscheißen und sie mundtot zu machen. 

Dieses Mundtot-Machen-Wollen hat in den vergangenen Jahren zugenommen, oder?

Es schaut fast so aus. Wobei ich glaube, der Helmut Qualtinger wird damals auch seine Gegner gehabt haben. Nur mittlerweile habe ich das Gefühl, dass man sich nicht aufregen darf, denn sonst wird man sofort zum Staatsfeind. Ich will nichts übertreiben, aber ich finde es so lächerlich, wenn man die Kunst angreift, denn da wird für mich einfach eine Grenze überschritten. 

Stichwort Meinungsfreiheit …

Ja, aber das ist auch schon wieder so ein wildes Wort, das auf allen Seiten für sich beansprucht wird. Darum versuche ich das nicht so oft zu droppen. Das ist ein Begriff, der gerade stark umgedeutet wird, nämlich in etwas Negatives. Das ist eine sehr gefährliche Sache. Ständig wird etwas neu gedeutet und umfassend gedreht. Sehr schwierig.

Aber lässt du dich vom Cancel-Zeitgeist wirklich nicht beeinflussen, wenn du an einem Programm arbeitest? Wo sind deine Grenzen des Humors?

Ich frage mich schon, wieweit man etwas ausreizen kann und darf. Kabarett und Satire sind ja wie Karikaturen – also eine überspitzte Darstellung von etwas. Aber wie hoch ist die Spitze? Wie spitz ist die Spitze? Das ist eine Frage, die mich beschäftigt. Ich will auch nicht ständig reproduzieren, weil das ist dann vielleicht auch kontraproduktiv.

Es ist durchaus ein Brainfuck, wenn man so Bully-Jokes macht, aber ich möchte mich nicht selbst gegenüber in Gehorsam üben und mich von solchen Überlegungen kuschen lassen, sondern ich schreibe halt einfach mal drauf los. Mir ist bewusst: Worte können verletzend sein. Aber: Gewisse Menschen aus der Politik haben so harte Worte in den letzten Jahren verwendet und sind nach wie vor so drastisch in ihren Aussagen – wenn genauso diese Menschen sich dann über etwas in der Kunst aufregen, ist das lächerlich. Man kann nicht vorher hardcore herumschimpfen und dann beleidigt sein, wenn Gegenwind kommt.

Ganz konkret: Über wen oder was würdest du aus moralischen Gründen niemals Witze machen?

Ich würde nicht nach unten treten. Ganz einfach. Ich mache mich nicht über Menschen, die es im Leben sowieso schon schwierig haben und in der Gesellschaft keinen oder sehr schwer Platz finden, lustig. Nach oben treten geht aber immer.

In “The Kabarettist” behandelst du auch das große Thema „Wokeness“. Ist Wokeness deiner Meinung nach mit politischer Korrektheit gleichzusetzen?

Das ist sehr schwierig zu definieren. Wörtlich übersetzt heißt das Wort: “Wachsamkeit” und “Achtsamkeit”. Ich denke, in einer Gesellschaft sollte man auf sich gegenseitig achten und darum finde ich es so erschütternd, dass man als “Wokie” bezeichnet wird und das auch negativ gemeint ist mittlerweile. Wieder ein Wort, das umgedeutet wurde. Ich versuche, mich von diesen Begriffen fernzuhalten. 

Was man auch nicht vergessen darf: “Wokeness” ist ein Begriff, der eigentlich aus dem afroamerikanischen Befreiungskampf entstanden ist, um Self-Empowerment zu betonen. Deshalb ist es sehr, sehr schlimm, wenn es mittlerweile als Schimpfwort verwendet wird, denn damit degradiert man den Ursprung dieses Wortes.

Du würdest dich also als “woke” bezeichnen?

Ich möchte nichts in Schubladen stecken, auch mich selbst nicht. Ich würde mich schon als jemanden bezeichnen, der mit sich und seinen Mitmenschen umgeht. Es geht mir einfach darum, dass Menschen nicht verachtet und diskriminiert werden. 

Würdest du politische Korrektheit mit Wahrheit gleichsetzen?

Ach, was ist schon Wahrheit? Jeder hat seine eigene Wahrheit – etwas, das ja aktuell sowieso sehr beliebt ist. Um die große übergeordnete Wahrheit zu kennen, muss man erstmal den Kosmos verstehen.

Letzte Frage: Was ist deine Meinung über die aktuelle österreichische Kabarettszene?

Ich finde sie super. Es gibt ur-viel jungen freshen Shit, es gibt alles, was man sich wünschen kann. Für jeden und jede ist glaube ich etwas dabei. Manchmal wird etwas ein bisschen overgehyped, aber das kann für uns nur gut sein. Ich liebe die aktuelle Kabarettszene, weil sie ist bunt, vielfältig und fresh.


Live-Termine


David Scheid - "The Kabarettist"

20. Oktober 2025 | Wien, Stadtsaal (Premiere)
Folgetermine u. a. in der Kulisse, im Orpheum Wien, sowie in den Bundesländern.


Infos auf dem Stand vom 01.10.2025  

Tickets David Scheid
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren