Bild: Stefan Baumgartner
Lieber Thomas!
Anfang der Nullerjahre war ich bei eurem damaligen Ticketvertrieb Ticketonline für das Creative Marketing zuständig. Eine unserer Aktionen für das kunterbunte Veranstaltungstreiben Österreichs war auch eine Werbeschiene mit dem Unternehmen Freecard, das freche Postkarten in diversen Beisln zuvörderst in Wien zur freien Entnahme auflegte. Unsere Karten zierte – auf gelbem Hintergrund – in Tiefblau stets ein frecher Spruch, der zu einer Veranstaltung, die auf der Rückseite beworben wurde, passte. Der aus einem Schmuddelclip bekannte Spruch „Wieso liegt hier Stroh?“ bewarb den damaligen Festivalsommer. „Muschi.“ das Musical CATS. Besonders gut ankam „Ein Bier bitte!“, das sich damals – 2010 und 2011 – zahlreiche Konzert-Locations wie die Arena, die Szene und das WUK tatsächlich auch hinter die Bar plakatierten, sodass besoffene KundInnen nur mehr einen Fingerzeig vollbringen mussten. Diese Karte wurde von Freecard sogar kostenfrei nachgedruckt, weil der Run auf sie so groß war – und eine dieser Karten hing sogar im Büro des damaligen Kultur-Stadtrates Andreas Mailath-Pokorny. Ich kann mich noch erinnern, dass ich für ein Programm von Oliver Polak, das damals im Rabenhof lief, auch eine dieser Karte angedacht hatte – die dir zwar gefiel, aber dennoch deinerseits abgelehnt wurde. Es war wohl das einzige Mal in deinem Leben, dass du künstlerisch eine Grenzüberschreitung wittertest. Und ja, du hattest recht: Click Bait ist gut, muss aber nicht unbedingt ÖSTERREICH-Niveau erreichen.
Trotzdem durfte ich infolgedessen eine Saison lang Chili Gallei, der im Rabenhof für das einzigartige optische Auftreten in Rot-Schwarz-Weiß verantwortlich zeichnet, zur Seite stehen und jedem Stück eurer damaligen Saison einen frechen Spruch verpassen. Seitdem – und dies sind nun auch schon deutlich über 10 Jahre – begleitet mich dein Haus, der Wiener Rabenhof alljährlich in meinem kulturellen Gaudium, es gab sogar Jahre, da stand sogar schon ein Bier bei der Kasse für mich bereit, weil man nach meinem Erscheinen die Uhr stellen konnte.
Erst dieses Jahr wurde dir, lieber Thomas, der Professortitel verliehen, Laudator Andreas Vitásek brachte bei der Verleihung dein Erfolgsrezept treffend auf den Punkt: Du hast, so Vitásek, erkannt, dass zwischen Theater und Satire ein freier Platz war – und dies ist genau das Spannungsfeld, das auch mich wie ein Orkan erfasst und oft in „deinen“ Gemeindebau getrieben hat, auch und gerade fernab von beruflichen Verpflichtungen. Denn: (Klassisches) Theater ist mir oft zu verstaubt, (klassische) Satire hingegen oft zu banal – das, was im Rabenhof jedoch passiert, wird dem bissigen Spannungsfeld der zahlreichen Untertiteln, die deinem Haus in all den Jahren schon verpasst wurde, durchaus gerecht – es wird vom „eigentlichen Volkstheater“ gesprochen, von einer „Bobobühne“, einer Bühne der „Boulevardschlampen“, von einer „trashigen Amüsierbude“ und gar einer „Falottenbude“ - romantisierend von einem "Theater der bösen Zungen und reinen Herzen". Bei dir im Saal wurde bereits Schweinsbraten gekocht, Gespräche mit Adolf Hitler geführt, dem Weltuntergang gehuldigt und frei nach Arthur Schnitzler auf der Bühne kopuliert. Ich sah Klaus Nüchtern nicht nüchtern, habe mich mit Dirk Stermann lang und breit über das richtige Ausnehmen von Fischen unterhalten, lauschte Geschichten über Crackheads und erfreute mich an Max Goldts Sprachspielereien. Ja, einmal gab es beim Besuch des Rabenhofs sogar Polizeischutz, als Regis Jauffret „Claustria“ vorstellte – die Schmährede ging vielen nämlich doch ein Eizerl zu weit.
Kurz: Ganz abgesehen davon, dass der Rabenhof seit Jahrzehnten KünstlerInnen unterstützt, fördert und aufbaut, bietet der Rabenhof auch stets ein Programm, das auf den gesellschaftlichen Schlips tritt, gern mit angespitzten Fingernägeln in Wunden bohrt, das Lachen im Hals umdreht, es nochmals durch die Hirnanhangsdrüse jagt, bevor es den Mund verlassen darf – und dabei definitiv kein Blatt vor den Mund nimmt, den hehren Schiller’schen Aufklärungsgedanken wiederbelebt.
Seit 20 Jahren leitest du, lieber Thomas, eben diesen famosen Rabenhof, der auch über den Gemeindebau in der Rabengasse hinaus als Kernstück gar der Bundeshauptstadt zu sehen ist, ja, beinahe hättest du dir den Untertitel „Eigentliches Kulturministerium“ verdient. Der Zuspruch, den du vom Publikum in deinem Haus, aber auch auf deinen Bezirks-Touren erhältst, spricht dafür.
Gestern wurde mit zahlreichen prominenten Wegbegleitern groß gefeiert – Anna Mabo zelebrierte einen Abgesang auf den Zwanziger, Ernst Molden gab exklusive Einblicke hinter die Kulissen, Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach (nicht nur durch mascheks Münder) zu dir und Stermann & Grissemann erzählten wunderbare Bonmots über Gehaltsverhandlungen und wie sie schließlich dein Theater nur noch auf allen Vieren verlassen konnten. Und ja, auch Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler fand lobende Worte und hat – ich habe es genau gehört! – eine Million Euro an Förderungen zusätzlich versprochen. Es applaudierten dir im Publikum Ulrich Seidl, Christian Dolezal, Eva-Maria Marold, Roman Gregory, Tom Neuwirth, Dolores Schmidinger, Florian Scheuba, Andreas Vitásek, Manuel Rubey, Werner Gruber, Serge Falck, Thomas Maurer, Robert Palfrader, Christian Rainer und zahlreiche Vertreter aus der Branche und auch Journalisten, mit denen dich über all die Jahre eine Hassliebe verbindet. Und auch ich applaudiere dir: Mögen den vergangenen 20 Jahren noch weitere 20 Jahre folgen, auch in deinem Sechziger brauchst du noch nicht an die Pension zu denken – die richtige Work/Life-Balance findest du nur inmitten deiner Bobos, Falotten und Boulevardschlampen. Das hat mir dein Arzt vertraulich gesagt.
Alles über die aktuelle Saison im Rabenhof Theater lesen Sie hier. Tickets für den Rabenhof bekommen Sie bei oeticket.