Supreme Chaos Records
Vorvergangenes Jahr präsentierte inmitten der Pandemie der Lienzer Komponist Bernhard Gander gemeinsam mit dem Ensemble Modern Frankfurt bei den Wiener Festwochen sein neuestes Stück, einen Entwurf eines klanglichen Endzeitpanoramas. Am Gesang gebärdete sich Attila Csihar, der in der Vergangenheit etwa den norwegischen Unholden Mayhem oder dem dröhnenden Mahlstrom von Sunno))) seine Stimme verlieh. Kevin Paradis substituierte interimsmäßig damals Flo Mounier, Schlagzeuger der kanadischen Techniker Cryptopsy – auf der nun über Supreme Chaos erscheinenden Platten-Version ist das Stück in der eigentlichen Besetzung zu hören. Wir haben Komponist Gander zu den sieben Posaunen, die er blasen lässt, befragt.
"Oozing Earth" erzählt von der vom Menschen geschundenen und aus Wunden triefenden Erde.
Mein Traum ist eher „absolute“ Musik zu schreiben, Musik, die nicht auf aktuelle Themen reagiert sondern mithilfe derer man in ein anderes Bewusstsein eintauchen kann, im Klangbad schwimmen und in einer rhythmischen Achterbahn in Trance geraten kann. Leider kann ich mich als politisch und sozial denkender Mensch nicht immer davon abkoppeln. So finden dann manchmal politische Themen in meinen Stücken ihren Ausdruck.
Es hat soziologische Untersuchungen gegeben, die genau das Gegenteil beweisen. Metal- und Horror-Fans genießen zwar die Musik und Filme mit Endzeitklängen und Themen, sind aber persönlich überwiegend mit einer positiven und sozialen Lebenseinstellung ausgestattet. Das äußere Erscheinungsbild trügt hier. Ebenso bin ich trotz aller im Moment schrecklichen und bedrückenden Lebensumstände überwiegend positiv eingestellt.
Die scharfen und verzerrten Klänge im Metal passen eher zu apokalyptischen Szenen als zu schönen Blumenwiesen. Tragische Musik gräbt sich bei mir tiefer ins Gehör und ins Fleisch als lustige.
Ich komme vom Land und meine erste Musik war Blasmusik und Schlager. Schon damals wollte ich unbedingt Tanzmusiker werden. Mit etwa 10 Jahren entdeckte ich eine Kassette meines älteren Bruders mit „The Best of Deep Purple“. Diese Musik, vor allem "Highway Star", "Speed King" und "Black Night", war für mich eine Offenbarung. Kurz darauf besorgte ich mir Judas Priest und Iron Maiden. Seitdem verfolge ich Metal. Da ich ein Instrument (Klavier, Gitarre, Saxophon, Schlagzeug) lernen wollte, musste ich mich auch mit klassischer Musik beschäftigen. Ab circa 14 habe ich dann viel Neue Musik gehört (Hindemith, Schönberg, Xenakis, Cage, und andere) und erst einige Jahre später konnte ich Klassik auch gerne hören.
Auf jeden Fall. Leider wird Metal von vielen Klassikern nur auf die Lautstärke und das äußere Erscheinungsbild reduziert und deshalb abgewertet. Für mich hat ein guter Metalsong die gleiche Gültigkeit wie eine klassische Sonate. Einen Streichquartett-Connaisseur müsste man nur einmal auf die Bauart eines Metalsongs hinweisen, auf Riff, Bassline, Rhythmus, Breaks - alles Elemente, die man auch im Streichquartett hören kann. Ein Metalsong ist einfach lautere Kammermusik.
Nein. Ich will Ernst am Spaß und Spaß am Ernst. Ich muss aber wissen, was ich gerade will. Wenn ich tanzen will, eignet sich Schönberg vielleicht nicht so gut, wenn ich ruhig im Konzerthaus sitze, will ich eher etwas anderes als Tanzmusik hören.
Mein Traumpublikum wäre hier halbe-halbe.
Ein Bad in der Apokalypse kann sehr lustvoll sein, mit dem Wissen, dass es nur Fiktion ist.
Bei mir ist das Komponieren eine sehr kontrollierte Arbeit. Um 5 Uhr aufstehen, dann von 6 bis 12 Uhr arbeiten, Mittagspause, dann von 13 bis 16 oder 17 Uhr wieder arbeiten. Niemals am Abend und am Wochenende. Durch diese Kontrolle habe ich mehr Freizeit und Zeit für meine Familie. Unkontrolliertes Herausbrechen gibt es kaum. Falls doch, reichen ein paar Stichworte, um mich am nächsten Tag wieder daran zu erinnern.
Man könnte durchaus kürzere spotifytaugliche Nummern rausschneiden, obwohl es als ein großes Stück konzipiert ist.
"Oozing Earth" ist ein Gesamtwerk, man kann aber auch einzelne Nummern für sich hören. Alle Stücke haben viele Bezüge untereinander - rhythmisch, thematisch und klanglich.
Ich höre fast immer nur ganze Alben, manchmal auch das Gesamtwerk einer Band. Neulich hatte ich zum Beispiel alle Alben von Judas Priest, AC/DC, Black Sabbath, Deep Purple, Cannibal Corpse, Meshuggah, Mayhem und Emperor chronologisch durchgehört. Das geht leider auch ins Geld, da ich mir alles auf CD kaufe und nie etwas downloade.
Beide waren meine erste Wahl. Bei Flo hatte ich immer das Gefühl, dass sein Drumming auch außerhalb des klassischen Metalkontextes passen würde. Sein Stil ist extrem variantenreich. Er spielt sehr groovy, seine Blastbeats sind sehr unterschiedlich und besonders sein Anschlag reicht von extrem hart bis federnd leicht. Die Stimme von Attila lässt auch keine Wünsche offen. Durch seine vielen Projekte wusste ich, dass er stimmlich eine enorme Bandbreite an Klängen und Stilen zur Verfügung hat. Als ich ihn für dieses Projekt gewinnen wollte erzählte er mir, dass er schon immer einmal mit klassischen Instrumenten arbeiten wollte.
"Sire of Sin", "Two-Pound Torch", "Red-Skinned Scapegoat", "The Golden Square Mile", "Detritus" und "Leach" von Cryptopsy, von Vltimas "Total Destroy!" und "Diabolus est Sanguis", und von Mayhem "The Dying False King", "Falsified and Hated", "Freezing Moon", "Watchers", "Psywar" und "Throne of Time".
Sehr gerne würde ich damit auf Tour gehen, leider ist es mit diesem Line-up logistisch und zeitlich extrem kompliziert.
Eine Besetzungsänderung wie in Wien bringt auch immer die Chance mit sich zu überprüfen, ob das Stück auch mit anderen Musikern überleben kann. Kevin Paradis und Bas Wiegers waren großartig. Im September 2022 haben wir in Bozen sogar ohne Dirigenten und nur mit click-track gespielt, auch das hat bestens funktioniert.
Für mich wird durch die etwas „freieren“ Angaben für Stimme und Schlagzeug das genau Auskomponierte geschmeidiger und es schafft Platz für Elemente der Musiker, die mir nicht einfallen würden.
Ich bin ein großer Fan von Luetke, diese Mischung aus Mensch und Maschine, frei und unfrei löst bei mir sofort einen kreativen Reflex aus. Optik spielt bei mir erst seit den letzten 10 Jahren eine Rolle. Früher fand ich Corpsepaint oder maskierte Musiker überflüssig. Wenn ich jetzt einen maskierten oder mit Corpsepaint bemalten Sänger sehe, findet das Zuhören sofort auf einer anderen Ebene statt. Es gewinnt an Tiefe und Bedeutung.
Denkbar und wünschenswert sind alle Sprachen, Deutsch klingt für mich zu wenig mystisch.
Ich hatte die Bibelstellen ausgesucht und Attila gebeten, in diesem Themenbereich zu bleiben.
Es gibt eine inhaltliche Verbindung und es war spannend für mich zu hören, wie sich Texte aus anderen Songs, die ich liebe, in meiner Musik anhören.
Deshalb habe ich Attila gewählt. Er fügt sich wie ein Instrument ins Orchester ein. Bei den Proben wanderte er oft durchs Orchester um den einzelen Instrumenten zuzuhören und darauf zu reagieren. Es ist auch sein Wunsch, seine Stimme nicht lauter als das Orchester zu machen, sondern wirklich zu integrieren.
Bei ersterem ist klar eine Stimme mit Text dabei und beim Instrumental sind verschiedene Instrumente im Vordergrund, zum Beispiel die Oboe, der Kontrabass, oder auch das Schlagzeug. Hier übernimmt quasi das Instrument den Gesang.
Ich lebe seit circa 15 Jahren vom Komponieren, davor arbeitete ich nebenbei als Kellner. Im Moment schreibe ich ein Klavierkonzert (Klavier mit Orchester), dann ein Schlagzeugkonzert (Schlagzeug und Ensemble) und noch ein paar Ensemble- und Solostücke. Wir hoffen, dass wir Oozing Earth auch einmal bei einem "klassischen" Metalfestival spielen können. Fingers crossed!
Joachim Luetke, 65, ist ein deutscher Cross-Media-Künstler, der mittlerweile in der malerischen Natur am Semmering beheimatet ist. Seine Kunst, die bisher so unterschiedliche Künstler wie Destruction, Belphegor, Arch Enemy, Dimmu Borgir, Meshuggah, Kreator und Marilyn Manson in Szene setzte, wird nicht selten mit dem großen Schweizer und Alien-Vater H. R. Giger verglichen. Über seine Umsetzung von „Oozing Earth” verrät er:
‘Oozing Earth’ ist der Entwurf eines klanglichen Endzeitpanoramas. In einem letzten, gewaltigen Akt des Widerstandes bäumt sich die aus allen Wunden blutende, zu Tode geschundene Erde gegen ihr entfremdetes Kind auf. Vernunftbegabt und theoretisch weitblickend, praktisch jedoch unfähig, entsprechend zu handeln, strebt die Menschheit ohnmächtig ihrem Untergang zu. Was wir beschützen sollten, vernichten wir. Was wir geschaffen haben, knechtet uns. Falsche Propheten anbetend, entfernen wir uns mehr und mehr von dem, was lebt. Derart betäubt sind unsere Sinne, dass wir das Mahnen der Wächter kaum noch vernehmen. Gegen alles Leben reichen wir Bruder Technik die Hand. Eingedampft haben wir dieses Konzept dann auf die beiden Covermotive: Das Frontcover zeigt den Kopf des Übeltäters, nun selbst Opfer seiner Maschinen; Das Backcover zeigt die eiternde, zu Tode malträtierte Erde. Auf einer Metaebene läßt sich der Eiter auch als Ejakulat lesen – will sagen, die Erde wird sich erneuern, aber diesmal ohne den Parasiten.
"Oozing Earth" ist über Supreme Chaos Records bestellbar. Künftige Livetermine sind aktuell keine geplant.
Weiterführende Informationen zu Bernhard Gander findet man auf seiner Homepage.