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Kultur

Die Erde schlägt zurück

05.10.2022 von Stefan Baumgartner

Vorvergangenes Jahr präsentierte inmitten der Pandemie der Lienzer Komponist Bernhard Gander gemeinsam mit dem Ensemble Modern Frankfurt bei den Wiener Festwochen sein neuestes Stück, einen Entwurf eines klanglichen Endzeitpanoramas. Am Gesang gebärdete sich Attila Csihar, der in der Vergangenheit etwa den norwegischen Unholden Mayhem oder dem dröhnenden Mahlstrom von Sunno))) seine Stimme verlieh. Kevin Paradis substituierte interimsmäßig damals Flo Mounier, Schlagzeuger der kanadischen Techniker Cryptopsy – auf der nun über Supreme Chaos erscheinenden Platten-Version ist das Stück in der eigentlichen Besetzung zu hören. Wir haben Komponist Gander zu den sieben Posaunen, die er blasen lässt, befragt.

Helmuth Scham

Du hast dich lange Zeit dagegen gesträubt, Höranleitungen zu deiner Musik zu geben – mittlerweile gehst du auch d’accord, dass zumindest einleitende Worte den Einstieg erleichtern. Fangen wir also plakativ an: Welche Geschichte erzählt „Oozing Earth“?

"Oozing Earth" erzählt von der vom Menschen geschundenen und aus Wunden triefenden Erde.

„Oozing Earth“ ist also ein Endzeitpanorama – ein Stück, das definitiv nicht in die Zeit von Klimakrise, Pandemie und Krieg in Europa bewusst hineingeschrieben wurde (trotz der Textzeile „To kill with Corona, to kill with Pestilence“), aber dennoch zeitgenössischer kaum sein kann. Wie weit wirkt die Umwelt und das Geschehen auf dein künstlerisches Schaffen ein und wie weit siehst du Kunst als Spiegel, Weichensteller oder Prophet?

Mein Traum ist eher „absolute“ Musik zu schreiben, Musik, die nicht auf aktuelle Themen reagiert sondern mithilfe derer man in ein anderes Bewusstsein eintauchen kann, im Klangbad schwimmen und in einer rhythmischen Achterbahn in Trance geraten kann. Leider kann ich mich als politisch und sozial denkender Mensch nicht immer davon abkoppeln. So finden dann manchmal politische Themen in meinen Stücken ihren Ausdruck.

Heavy-Metal- und Horrorfilm-Fans wird gemeinhin eine negative Weltsicht nachgesagt, oft wird vermutet, dass jene generell in einer Endzeit-Stimmung wabern. Wo verortest du die Welt im 21. Jahrhundert?

Es hat soziologische Untersuchungen gegeben, die genau das Gegenteil beweisen. Metal- und Horror-Fans genießen zwar die Musik und Filme mit Endzeitklängen und Themen, sind aber persönlich überwiegend mit einer positiven und sozialen Lebenseinstellung ausgestattet. Das äußere Erscheinungsbild trügt hier. Ebenso bin ich trotz aller im Moment schrecklichen und bedrückenden Lebensumstände überwiegend positiv eingestellt.

Ich habe mir oft die Frage gefallen lassen müssen: „Wieso singen die im Heavy Metal nicht über Schönes? Die Liebe, das Glück, Freude?“ Ist das Apokalyptische, Grausliche ästhetischer als das Schöne – etwa weil mit mehr Ecken und Kanten gesegnet, ähnlich wie auch die Rolle des Villain nicht selten psychologisch spannender und tiefer gezeichnet ist, als die des Helden?

Die scharfen und verzerrten Klänge im Metal passen eher zu apokalyptischen Szenen als zu schönen Blumenwiesen. Tragische Musik gräbt sich bei mir tiefer ins Gehör und ins Fleisch als lustige.

Du hast zwar in Innsbruck Klavier und Dirigieren, in Graz Komposition studiert – deine erste Liebe war jedoch nicht die Klassik, sondern der Heavy Metal. Kannst du deine jugendliche Heranreifung beziehungsweise dein Festigen des Musikgeschmackes einmal umreißen?

Ich komme vom Land und meine erste Musik war Blasmusik und Schlager. Schon damals wollte ich unbedingt Tanzmusiker werden. Mit etwa 10 Jahren entdeckte ich eine Kassette meines älteren Bruders mit „The Best of Deep Purple“. Diese Musik, vor allem "Highway Star", "Speed King" und "Black Night", war für mich eine Offenbarung. Kurz darauf besorgte ich mir Judas Priest und Iron Maiden. Seitdem verfolge ich Metal. Da ich ein Instrument (Klavier, Gitarre, Saxophon, Schlagzeug) lernen wollte, musste ich mich auch mit klassischer Musik beschäftigen. Ab circa 14 habe ich dann viel Neue Musik gehört (Hindemith, Schönberg, Xenakis, Cage, und andere) und erst einige Jahre später konnte ich Klassik auch gerne hören.

Freunde des Heavy Metals wissen: Klassik und Metal sind nicht so weit voneinander entfernt. Klassik-Hörer hingegen hören im Metal oft nur Lärm, Chaos und Dissonanz. Kannst du die Parallelen einmal aufzeigen – kann ein Streichquartett-Connaisseur tatsächlich Zugang zu Metal finden?

Auf jeden Fall. Leider wird Metal von vielen Klassikern nur auf die Lautstärke und das äußere Erscheinungsbild reduziert und deshalb abgewertet. Für mich hat ein guter Metalsong die gleiche Gültigkeit wie eine klassische Sonate. Einen Streichquartett-Connaisseur müsste man nur einmal auf die Bauart eines Metalsongs hinweisen, auf Riff, Bassline, Rhythmus, Breaks - alles Elemente, die man auch im Streichquartett hören kann. Ein Metalsong ist einfach lautere Kammermusik.

Gibt es für dich Grenzen zwischen E- und U-Musik?

Nein. Ich will Ernst am Spaß und Spaß am Ernst. Ich muss aber wissen, was ich gerade will. Wenn ich tanzen will, eignet sich Schönberg vielleicht nicht so gut, wenn ich ruhig im Konzerthaus sitze, will ich eher etwas anderes als Tanzmusik hören.

Siehst du als Zielgruppe von „Oozing Earth“ tendenziell eher das klassische, oder das hartmetallische Publikum?

Mein Traumpublikum wäre hier halbe-halbe.

Ist die Rezeption von „Oozing Earth“ im psychologischen Sinne eine Angstlust?

Ein Bad in der Apokalypse kann sehr lustvoll sein, mit dem Wissen, dass es nur Fiktion ist.

Wie kann man sich den Entstehungsprozess eines derartigen Monstrums überhaupt vorstellen? Sitzt du da am Pult wie in der Schule, notierst die Noten von Anfang bis Ende nach einem vorher ausgedachten roten Faden durch oder ist das eher – wie auch Kafka seine Literatur beschreibt – ein Herausbrechen, das spontan, unkontrolliert passiert und schließlich ggf. nur redigiert wird?

Bei mir ist das Komponieren eine sehr kontrollierte Arbeit. Um 5 Uhr aufstehen, dann von 6 bis 12 Uhr arbeiten, Mittagspause, dann von 13 bis 16 oder 17 Uhr wieder arbeiten. Niemals am Abend und am Wochenende. Durch diese Kontrolle habe ich mehr Freizeit und Zeit für meine Familie. Unkontrolliertes Herausbrechen gibt es kaum. Falls doch, reichen ein paar Stichworte, um mich am nächsten Tag wieder daran zu erinnern.

Die Stücke sind tendenziell kurzgehalten – lediglich drei Nummern brechen die 5-Minuten-Marke. Wie wichtig ist die Länge der Nummern, gerade bei so einem Projekt, wo man keine Nummer für Spotifylisten oder das Hitradio verfasst?

Man könnte durchaus kürzere spotifytaugliche Nummern rausschneiden, obwohl es als ein großes Stück konzipiert ist.

Siehst du „Oozing Earth“, nachdem selbiges nun auch haptisch erscheint, generell als Gesamtwerk, das als solches auch rezipiert werden soll, oder kann man auch einzelne Teile davon rausgreifen? Und Folgefrage: Wie hörst du Musik? Hörst du Stücke oder Alben?

"Oozing Earth" ist ein Gesamtwerk, man kann aber auch einzelne Nummern für sich hören. Alle Stücke haben viele Bezüge untereinander - rhythmisch, thematisch und klanglich.

Ich höre fast immer nur ganze Alben, manchmal auch das Gesamtwerk einer Band. Neulich hatte ich zum Beispiel alle Alben von Judas Priest, AC/DC, Black Sabbath, Deep Purple, Cannibal Corpse, Meshuggah, Mayhem und Emperor chronologisch durchgehört. Das geht leider auch ins Geld, da ich mir alles auf CD kaufe und nie etwas downloade.

Waren Attila Csihar von Mayhem und Flo Mounier von Cryptopsy deine erste Wahl? Und: Wieso fiel deine Wahl gerade auf diese beiden Koryphäen des Extremmetals?

Beide waren meine erste Wahl. Bei Flo hatte ich immer das Gefühl, dass sein Drumming auch außerhalb des klassischen Metalkontextes passen würde. Sein Stil ist extrem variantenreich. Er spielt sehr groovy, seine Blastbeats sind sehr unterschiedlich und besonders sein Anschlag reicht von extrem hart bis federnd leicht. Die Stimme von Attila lässt auch keine Wünsche offen. Durch seine vielen Projekte wusste ich, dass er stimmlich eine enorme Bandbreite an Klängen und Stilen zur Verfügung hat. Als ich ihn für dieses Projekt gewinnen wollte erzählte er mir, dass er schon immer einmal mit klassischen Instrumenten arbeiten wollte.

Wenn du ein Csihar/Mounier-Mixtape bestehend aus Liedern ihrer Stammbands, Ex-Bands oder Projekten machen müsstest, welche Songs wären da drauf?

"Sire of Sin", "Two-Pound Torch", "Red-Skinned Scapegoat", "The Golden Square Mile", "Detritus" und "Leach" von Cryptopsy, von Vltimas "Total Destroy!" und "Diabolus est Sanguis", und von Mayhem "The Dying False King", "Falsified and Hated", "Freezing Moon", "Watchers", "Psywar" und "Throne of Time".

Ist es nicht unbefriedigend, wenn ein internationales Line-up samt Orchester – dem Ensemble Modern – ein Touren – verglichen mit einer handelsüblichen Band – erschwert? Oder fühlst du dich bei einer Studioaufnahme ohnehin „wohler“ beziehungsweise ist dein Projekt, als Komponist, dann für dich vielleicht sogar ohnehin abgeschlossen?

Sehr gerne würde ich damit auf Tour gehen, leider ist es mit diesem Line-up logistisch und zeitlich extrem kompliziert.

Uraufgeführt wurde „Oozing Earth“ in Österreich im ersten Corona-Jahr bei den Wiener Festwochen – ohne Flo Mounier und Dirigent Brad Lubman. Hat sich durch die – wertfrei gemeint – Ersatzbesetzungen Kevin Paradis und Bas Wiegers das Stück verschoben?

Eine Besetzungsänderung wie in Wien bringt auch immer die Chance mit sich zu überprüfen, ob das Stück auch mit anderen Musikern überleben kann. Kevin Paradis und Bas Wiegers waren großartig. Im September 2022 haben wir in Bozen sogar ohne Dirigenten und nur mit click-track gespielt, auch das hat bestens funktioniert.

Es gibt, in der Live-Fassung, Partituren nur für das Orchester. Schlagzeug und Gesang bekommen von dir live gesprochene Anleitungen. Welchen Effekt oder welchen Mehrwert hat dies, wenn du den Stücken den statischen Charakter zumindest teilweise entziehst?

Für mich wird durch die etwas „freieren“ Angaben für Stimme und Schlagzeug das genau Auskomponierte geschmeidiger und es schafft Platz für Elemente der Musiker, die mir nicht einfallen würden.

„Gegen alles Leben, reichen wir Bruder Technik die Hand.“ spricht der Pressetext über „Oozing Earth“ – die bildliche Gestaltung hat Joachim Luetke übernommen. Nun wirkt Luetkes Kunst – wie etwa auch die von Giger – sehr mechanisch, aber stets mit Wurzeln ins Humanoide. War dies der ausschlaggebende Grund, dass die Wahl auf ihn fiel? Und wie wichtig ist dir der optische Rahmen für die Musik? Immerhin ist auch Attila live maskiert und fügt eine weitere Ebene in die Klanggewalt ein.

Ich bin ein großer Fan von Luetke, diese Mischung aus Mensch und Maschine, frei und unfrei löst bei mir sofort einen kreativen Reflex aus. Optik spielt bei mir erst seit den letzten 10 Jahren eine Rolle. Früher fand ich Corpsepaint oder maskierte Musiker überflüssig. Wenn ich jetzt einen maskierten oder mit Corpsepaint bemalten Sänger sehe, findet das Zuhören sofort auf einer anderen Ebene statt. Es gewinnt an Tiefe und Bedeutung.

Die Texte sind weitgehend in Englisch, aber auch auf Ungarisch verfasst. Wie wirkt sich die Sprache auf das Stück selbst aus? Oder anders: Nachdem die Texte hie und da auf Bibelstellen aus der Apokalypse fußen, hätte „Oozing Earth“ auch auf Griechisch, Aramäisch, Hebräisch oder gar Latein funktioniert – oder etwa auch auf deiner Muttersprache, Deutsch?

Denkbar und wünschenswert sind alle Sprachen, Deutsch klingt für mich zu wenig mystisch.

Inwieweit sind die Texte mit dir abgestimmt – oder hatte Attila da freie Hand?

Ich hatte die Bibelstellen ausgesucht und Attila gebeten, in diesem Themenbereich zu bleiben.

Drei der Texte sind Mayhem-Texte, jedoch alle minimal anders benannt (Singular-Plural-Wechsel bei der #3, der Wortdreher bei #6, die Wortverkürzung bei #14). Hat die inhaltliche Verknüpfung zu Mayhems „Ordo ad Chao“ einen tieferen Sinn?

Es gibt eine inhaltliche Verbindung und es war spannend für mich zu hören, wie sich Texte aus anderen Songs, die ich liebe, in meiner Musik anhören.

Üblicherweise wird bei einer Band zwischen der Instrumentalfraktion und dem Gesang – aus Hörersicht – klar unterschieden. Tatsächlich kann man die Stimme auch als weiteres Instrument sehen, etwas, das Attila nicht nur bei Mayhem, sondern etwa auch bei Kollaborationen mit zum Beispiel Sunno))) eindrucksvoll beweist. Wie siehst du das als Komponist?

Deshalb habe ich Attila gewählt. Er fügt sich wie ein Instrument ins Orchester ein. Bei den Proben wanderte er oft durchs Orchester um den einzelen Instrumenten zuzuhören und darauf zu reagieren. Es ist auch sein Wunsch, seine Stimme nicht lauter als das Orchester zu machen, sondern wirklich zu integrieren.

Was macht ein Stück zu einem mit Gesang, oder zu einem Instrumental?

Bei ersterem ist klar eine Stimme mit Text dabei und beim Instrumental sind verschiedene Instrumente im Vordergrund, zum Beispiel die Oboe, der Kontrabass, oder auch das Schlagzeug. Hier übernimmt quasi das Instrument den Gesang.

Lebst du aktuell vom Komponieren allein? Und: Gibt es schon Ausblicke in die Zukunft – sowohl auf „Oozing Earth“ bezogen wie auch auf neue Projekte?

Ich lebe seit circa 15 Jahren vom Komponieren, davor arbeitete ich nebenbei als Kellner. Im Moment schreibe ich ein Klavierkonzert (Klavier mit Orchester), dann ein Schlagzeugkonzert (Schlagzeug und Ensemble) und noch ein paar Ensemble- und Solostücke. Wir hoffen, dass wir Oozing Earth auch einmal bei einem "klassischen" Metalfestival spielen können. Fingers crossed!

Cover-Artist Joachim Luetke über „Oozing Earth”

Joachim Luetke

Joachim Luetke, 65, ist ein deutscher Cross-Media-Künstler, der mittlerweile in der malerischen Natur am Semmering beheimatet ist. Seine Kunst, die bisher so unterschiedliche Künstler wie Destruction, Belphegor, Arch Enemy, Dimmu Borgir, Meshuggah, Kreator und Marilyn Manson in Szene setzte, wird nicht selten mit dem großen Schweizer und Alien-Vater H. R. Giger verglichen. Über seine Umsetzung von „Oozing Earth” verrät er:

‘Oozing Earth’ ist der Entwurf eines klanglichen Endzeitpanoramas. In einem letzten, gewaltigen Akt des Widerstandes bäumt sich die aus allen Wunden blutende, zu Tode geschundene Erde gegen ihr entfremdetes Kind auf. Vernunftbegabt und theoretisch weitblickend, praktisch jedoch unfähig, entsprechend zu handeln, strebt die Menschheit ohnmächtig ihrem Untergang zu. Was wir beschützen sollten, vernichten wir. Was wir geschaffen haben, knechtet uns. Falsche Propheten anbetend, entfernen wir uns mehr und mehr von dem, was lebt. Derart betäubt sind unsere Sinne, dass wir das Mahnen der Wächter kaum noch vernehmen. Gegen alles Leben reichen wir Bruder Technik die Hand. Eingedampft haben wir dieses Konzept dann auf die beiden Covermotive: Das Frontcover zeigt den Kopf des Übeltäters, nun selbst Opfer seiner Maschinen; Das Backcover zeigt die eiternde, zu Tode malträtierte Erde. Auf einer Metaebene läßt sich der Eiter auch als Ejakulat lesen – will sagen, die Erde wird sich erneuern, aber diesmal ohne den Parasiten.

"Oozing Earth" ist über Supreme Chaos Records bestellbar. Künftige Livetermine sind aktuell keine geplant.

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Weiterführende Informationen zu Bernhard Gander findet man auf seiner Homepage.

BERNHARD GANDER
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