Bild: Nathalie Düring
ELAV ist ein Wiener Allround-Musikprojekt, das, gewappnet mit Gesellschafts- und Selbstkritik, Tabuthematik und elektrisierender Energie, den deutschsprachigen Raum seit 2022 im Sturm erobert hat. Neben den sieben bereits veröffentlichten Songs, wird ELAV zeitweise in Rotation auf dem österreichischen Radiosender FM4 gespielt und auch in den deutschen Radio schafften es die erfrischenden Beats, gemischt mit Deutsch-Rap und Pop-Gesang, längst. ELAVs erste EP „polaroid_style“ erschien im Oktober 2022 – Cover, Musikvideo, Merchandise, Presse-Shootings – vieles selbstgemacht, quasi in Eigenregie. Nun schenkt uns ELAV die Single „trigger“ und ist bei den Amadeus Austrian Music Awards 2023 mit „crimescene“ in der Kategorie „Best Songwriting“ im Rennen – ein grandioser Start ins neue Jahr.
Also, in erster Linie mache ich die Musik für mich selbst und über die Inhalte, die mich interessieren und die mein Leben prägen. Dieser Song – die Idee war schon recht lange da, da ich mich seit zirka zweieinhalb Jahren besonders mit dem Thema mental health, als jemand, der selbst betroffen ist, auseinandersetze und mich meine Familie und meine Vorgenerationen so stark triggern. Viele der Probleme, die in meinem Alltag auftauchen, kommen unter anderem von Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit machen musste – die Art und Weise wie ich erzogen wurde, ist auch wiederum so stark geprägt von meinen Eltern und deren Kindheit, die ebenfalls voller Schwierigkeiten war. Plötzlich wird einem so deutlich bewusst, dass das Verhalten seiner Eltern vom Verhalten derer Eltern geprägt ist – und dass mich das als Person immer noch stark beeinflusst, was bereits vor Generationen passiert ist.
Mein Producer Frido und ich haben gerade an „kerosin“ gearbeitet. Wir haben eine unfassbar coole Gitarren-line dazu gefunden, aber der Song war schon recht fortgeschritten, und wir haben keinen richtigen Platz für sie gefunden. Und so haben wir mit der Gitarren-Line die Grundlage des nächsten Songs gestartet. Was so schön war – den Song noch gar nicht fertig, aber schon das nächste Projekt am Start zu haben. Und dann haben die Lyrics „trigger hier, trigger da, danke Mama und Papa“ so gut draufgepasst. So ist der Song dann quasi entstanden. Zusätzlich gab’s noch das ganze Hin und Her mit dem Cover.
Also, ich hatte von Anfang an die Idee, etwas aus meinen Augen und meinem Mund rausfließen zu lassen. Das sollte alles, was ich rede, mit wem ich rede, und auch das, was zu mir gesagt wird und was ich aufnehme, symbolisieren – vieles davon triggert mich nämlich. Aber irgendwie musste das Cover ein bisschen weird sein – also dachte ich, ich dreh’s vielleicht auf den Kopf. Dafür wollte ich aber ein besonders schönes, passendes Foto machen. Kurz vor Weihnachten bin ich dann an die Nordsee auf Urlaub mit meiner Oma. Ich war zum ersten Mal seit langem wieder in Belgien, wo sie früher lebte, und irgendwie war es echt schwierig dort für mich – ich nenn den Urlaub den „trigger-Trip“. Um klarer denken zu können, bin an den Strand gegangen. Es war so eine richtig große, breite Fläche von Strand, nur links und rechts, ganz verdrängt, waren einige Wohnkomplexe, das heißt, man hatte eine richtig schöne leere Strandaussicht. Das Wetter war auch nicht so toll, der Himmel sah richtig apokalyptisch geil aus. Dort hab ich dann einfach ein Video gemacht – das Cover hätte dann ein Screenshot davon sein sollen. Ich bin aber echt dankbar, dass ich meinem Urinstinkt vertraut habe, meine ursprüngliche Idee umzusetzen. Dafür bin ich dann irgendwann in der Früh aufgestanden und hab ungeschminkt ein Foto von mir gemacht – eigentlich hätte es anfangs ja nur eine Skizze werden sollen – aber plötzlich hatte ich dann 27.000 Layers in Photoshop und dann musste ich halt damit weiterarbeiten, obwohl ich das technische Knowhow dazu gar nicht habe – das hab ich mir ja alles selbst beigebracht. Jetzt bin ich jedenfalls voll happy damit und echt dankbar, dass ich da einfach nicht drauf verzichtet hab.
Ja, definitiv. Es hat aber alles seine Vor- und Nachteile – das Cover selbst zu erstellen, hat dann leider auch den Release zeitlich nach hinten verschoben. Aber für mich ist es am wichtigsten, dass ich mag, was veröffentlicht wird, auch wenn das oft nicht zwingend bedeutet, dass ich mit dem Endprodukt komplett zufrieden sein muss, weil ich sehr selbstkritisch bin. Was ich aber definitiv gelernt habe, ist: „Oft ist es trotzdem besser man macht, als man lässt es doch wieder nur auf der Festplatte, weil einen ein, zwei Dinge stören oder weil einen etwas stört, was man in der Situation aber nicht ändern kann.“ Man kann halt auch gesanglich jede Spur zerlegen. Und meine Producer hassen mich ohnehin für die Menge an Spuren, die ich nur für die Vocals alleine brauche. Übrigens, funny Anekdote – „trigger“, der Song, ist literally geprägt von dem Pop-Up „Systemüberlastung“. Was lustig ist, bei einem Song, bei dem es um psychische Überbelastung und generational trauma geht, und der bei der Produktion alle 20 Minuten mit „Systemüberlastung“ unterbrochen wurde. Ja, das ist Ironie.
Ja, auf jeden Fall. Also, ich schätze die Menschen, die mir da folgen, unfassbar, weil vieles davon nur wegen ihnen möglich ist. Aber es gibt halt von allem gute und schlechte Seiten. Gerade das Thema generational trauma ist unfassbar komplex. Außerdem gibt es ganz viele unterschiedliche Traumata, die nicht vergleichbar, aber alle ernst zu nehmen sind und unterschiedliche Dinge auslösen können. Und dieses Nicht-Wissen-Darüber macht es halt schlimmer, wenn man dann weder mit den Auswirkungen noch gegen sie arbeiten kann. Das ist ein Thema, auf das ich etwas mehr Aufmerksamkeit lenken möchte, weil es sehr viele Menschen beeinflusst und auch unbewusst beeinflusst. Das ist das eigentlich Gefährliche in meinen Augen. Vor allem finde ich, es sollte Kindern in der Schule beigebracht werden, mehr von ihrem Körper, ihrem Kopf, ihrem Gehirn und warum Sachen so funktionieren wie sie funktionieren, zu verstehen und von Experten erklärt zu bekommen. Dass sie jene Tools erhalten, um sich früher besser selbst zu verstehen.
Absolut. Bei „diva“, meinem ersten Track, war das ganz sicher so, der hat am Anfang klassische Medien einfach nicht interessiert, ich bekam hauptsächlich Absagen. So bin ich zum Beispiel in keine Spotify-Playlist reingekommen, obwohl ich viel Promo für den Song gemacht habe – davor und danach. Die Zahlen sind nicht sofort gepeakt, aber stetig angewachsen, sodass ich nach ein paar Wochen doch in eine Spotify-Playlist eingefügt wurde. Die Playlist hat dann nochmal einiges zum Positiven verändert, weil ich da über mehrere Wochen drinnen war. Höhere Zahlen helfen dann natürlich bei Radios und Medien. Gefallen muss ihnen der Song natürlich trotzdem. FM4 hat „diva“ dann ja auch einige Male gespielt.
Auf jeden Fall! Am liebsten performe ich wirklich in meinem Wohnzimmer. Da probiere ich ganz viele Dinge aus, aber auch auf der Bühne bin ich gefühlt meinem Wohnzimmer sehr, sehr nah. Aber am coolsten ist es, dass ich in erster Linie meine Musik selbst so fühle, und wenn das dann mit Leuten, die das auch tun, vielleicht sogar mitsingen und dabei abgehen, passiert – das ist halt ein exponentielles Wachstum – besser geht’s nicht. Dieses Gefühl wird mit jeder Person, die da mitmacht, größer. Dieses Gefühl ist in mir selbst schon so riesig – und jede weitere Person ist einfach eine Bereicherung. Ich liebe die Songs, das Team, das die Songs mit mir macht, liebt diese Songs, und das ist einfach perfekt. Meine Songs live zu spielen, ist für mich der Inbegriff von „Best Thing Of My Live“.
Es gibt einige Soul-Lieder, die mein tiefstes Inneres widerspiegeln. Und „toxisch“ und „trigger“ sind die, die bereits released sind, die für mich ebenfalls viel Wichtiges beinhalten. Freut euch schon auf die nächsten Songs, zwei davon sind Soul-Lieder.
Ich arbeite gerade an einer EP – die kommt diesen Herbst bzw. in der zweiten Hälfte des Jahres. Und es kommt bald wieder ein Release, und dann noch ein weiterer, die musikalisch wieder in eine ganz andere Richtung gehen. Bald spiele ich auch noch einen weiteren unveröffentlichten Song live – generell will ich alle Tracks bestmöglich live-ready bekommen. Wir arbeiten da gerade auch an Deutschlandterminen. Auch meine Modemarke LAVE wird gerade weiter ausgebaut und ihr könnte auch auf Social Media auf noch musikalischeren Content gefasst machen.
Gratulation vor allem aber auch zur Nominierung für den Amadeus Austrian Music Awards 2023 in der Kategorie „Best Songwriting“ für „crimescene“. Bis 20. März könnt ihr hier für alle Nominierten voten: https://voting.aama.at/, am 28. April 2023 ist die Verleihung, und wir drücken ganz fest die Daumen!