Bild: Joël Hunn
Nach dem grenzüberschreitenden Erfolg von „Hoamboy“ schickt Markus Stoll seine sympathisch grantelnde Kunstfigur Harry G auf eine neue Odyssee lachhafter Alltagssituationen. Mit „HoamStories“ hält sich der 45-jährige Bayer aber auch selbst den Spiegel vors Gesicht.
Der bayerische Komiker und Schauspieler Markus Stoll („Der Beischläfer“) setzt sich wieder den Hut auf und schlüpft damit in seine populärste Rolle: Als ewig grantiger Harry G will er in seinem neuen Programm „HoamStories“ eigentlich nur einen Abstecher in die Münchner Innenstadt unternehmen und erlebt eine pointenreiche Odyssee zwischen Tesla-Fahrern mit Bartöl-Flatrate, Apple-Store-Hipstern und Aperol-Spritz-Scarletts.
Jetzt gerade, während wir zwei Mitte Oktober miteinander telefonieren, regt er sich über die Leute da draußen auf, die grad in eine Depression verfallen – bloß, weil bei uns in München die „Wies’n“, also das „Oktoberfest“, vorbei ist. Dabei ist es nichts anderes als der Herbst. Wir werden damit schon irgendwie zurechtkommen ...
Nein. Aber mir geht es besser, wenn ich das Gefühl habe, dass es anderen auch so geht wie mir. Die schönste Bestätigung für den Harry – und damit für mich – ist, wenn die Leute sagen: „Mensch, Harry, genau so ist es. Danke, dass das endlich mal wer sagt ...“
Die Leute merken ja, dass ich das immer mit einem Augenzwinkern mache. Klar, manchmal werde ich darauf angesprochen, dass ich es übertreibe oder aus ihrer Sicht falsch darstelle. Aber der Regelfall ist anders: Selbst Leute, über die ich mich lustig mache, zum Beispiel die Typen, die übers Wochenende zum Skifahren nach Kitzbühel fahren, sagen: „Ja, Harry, genauso sind wir!“ Dazu möchte ich aber eines sagen ...
Dass ich mich niemals über Randgruppen lustig machen würde! Es ist ein Granteln auf Augenhöhe oder vielleicht sogar eher von unten nach oben. Und ich versuche nie, irgendwen fertig zu machen. Ich beobachte nur und mache mir zu meinen Beobachtungen eben meine Gedanken.
Es gibt immer noch genügend Gelegenheiten, wo ich unbemerkt bleibe, zum Beispiel mit meinen Kindern am Spielplatz. Ich bin kein Stalker. Aber ich kann gar nichts dagegen tun: Wenn ich komische Dinge höre, dann prägen sie sich ein.
Wenn mir auffällt, dass es immer wieder irgendwo ein Thema ist. Etwa das Lastenfahrrad. Irgendwann denke ich mir: Okay, scheinbar hat heute jeder so ein Lastenfahrrad – dann könnte der Harry jetzt etwas darüber sagen. Oder diese „me time“ und diese „self care“, die in letzter Zeit so große Themen geworden sind.
Es geht nicht um diese ganzen neumodischen Strömungen als solches. Aber dass aus allem gleich so eine Wissenschaft gemacht werden muss! Alles ist gleich immer der heilige Gral – und nächstes Jahr ist es wieder etwas ganz anderes.
Versteh mich nicht falsch: Gesunde Ernährung ist sehr wichtig. Aber abgesehen davon, dass ich meinen Kaffee sowieso schwarz trinke: Wir reden von einem absoluten Luxusproblem: Die Frage, ob Kuhmilch oder Soja oder irgendein anderer veganer Ersatz erledigt sich binnen weniger Sekunden, sobald die Menschen in echte Krisensituationen geraten. Das haben wir ja während der Corona-Pandemie gesehen: Plötzlich waren ganz andere Themen wichtig für uns.
Da geht es mir um diese aufgesetzte Art, mit der sie die Realität ausblenden, und in der Schickeria ihre eigenen Luxusprobleme diskutieren. Aber es geht gar nicht darum, dass mich das persönlich stört. Aber ich halte diesen Menschen gern einen Spiegel vor.
Schuldig im Sinne der Anklage: Ich selbst trinke lieber Bier, aber wenn wir bei uns zu Hause eine Party veranstalten, dann bieten wir unseren Gästen unter anderem Aperol Spritz an (lacht). Und ja, klar, wenn ich mit den Kindern am Spielplatz bin, rede ich wahrscheinlich genauso, wie andere Elternteile auch. Manchen Sachen kommst du einfach nicht aus!
Ja, freilich. Zum Beispiel die Tesla-Fahrer. Ich habe überhaupt nichts gegen Elektroautos. Aber Tesla-Fahrer sind schon ein eigener Typus von Mensch, so early adopter, denen es schon sehr wichtig ist, dass andere Menschen merken, dass sie einen Tesla fahren und so richtig coole Tech-Typen sind.
Letztendlich ist es ja genau das, was ich tue: Ich weise die Leute mit einem Augenzwinkern darauf hin, dass wir scheinbar keine anderen Probleme haben. Scheinbar ist es für uns schon das größte Problem, dass wir nicht wissen, wohin wir als Nächstes in den Urlaub hinfahren sollen.
Also da kann ich jetzt nur von mir selbst sprechen: Mir macht es eine riesige Freude, meine Zeit draußen in der freien Natur, am Berg zu verbringen. In aller Ruhe.