Bild: Herbert Grönemeyer
Mit dem allerersten, nicht englischsprachigen MTV Unplugged schrieb Herbert Grönemeyer 1995 Musikgeschichte. Jetzt werden mit “Von allem anders” die Geräte erneut ausgestöpselt: Anlass genug für eine kleine Zeitreise durch die Geschichte der "Stimme Europas".
1995, in den Babelsberg Studios in Potsdam: Damals schrieb Herbert Grönemeyer mit dem allerersten, nicht englischsprachigen MTV Unplugged Musikgeschichte und ebnete den Weg für unter anderem die Fantastischen Vier, Die Ärzte, Die Toten Hosen, Die Söhne Mannheims, Sportfreunde Stiller, Cro und Samy Deluxe, sowie „unseren“ Andreas Gabalier und zuletzt Christina Stürmer, die es ihm in den Folgejahren mit nicht minder umjubelten und kongenial umgesetzten, speziellen „Unplugged“-Konzerten für den einstigen Musiksender-Giganten MTV gleichtun sollten. Funfact: Grönemeyers Plattenfirma EMI besaß zum damaligen Zeitpunkt Anteile am deutschen MTV-Konkurrenten VIVA, es ist also beinah ein kleines Wunder, dass dieses spezielle Erlebnis überhaupt zustande kam!
Und nun, 30 Jahre später, zieht nicht nur MTV bis Jahresende die Stecker und stellt seine Sender in Europa ein, auch Herbert Grönemeyer stöpselt erneut die Geräte aus – allerdings nicht für MTV: Sein zweites stromloses Album „Von allem anders“ wurde in den legendären Hansa Studios aufgenommen – in den Studios, in denen auch schon U2, David Bowie und Iggy Pop aufnahmen, zuletzt auch Yungblud. Gemeinsam mit Freund*innen und Weggefährt*innen sowie dem 64-köpfigen Berliner Rundfunkchor, Orchester und unterschiedlichen Streicherkonstellationen hat Grönemeyer 23 Songs neu arrangiert und neu erfunden – unverkabelt, unverstärkt, dafür aber pur.
„Von allem anders“ ist nicht nur der Titel von Grönemeyers zweitem akustischen Ausflug, es ist zudem anders als das vor 30 Jahren für MTV geworden: Denn die Herausforderung, mit einem Chor zusammenzuarbeiten und demnach seine Stücke auch neu arrangieren zu müssen, das war das, was für Grönemeyer das Projekt erst reizvoll machte. Klar, seine Kompositionen waren davor schon eigen und clever, lebten von Wortspielen, dichten Beobachtungen und ehrlichen, unmittelbaren Gedanken – aber wenn plötzlich 64 Personen und mehr ihren ganz eigenen Charakter einbringen, dann wird dieses intensive Potpourri nochmals um einiges menschlicher. Apropos: Gerade beim Klassiker „Mensch“ ist diese von Grönemeyer angestrebte Vermenschlichung überdeutlich, wenn der Minimalismus der ursprünglichen Version auf die Spitze getrieben wird – mit einem ganz eigenen, neuen hypnotischen Sog und inklusive ein paar neuer Zeilen, die unserer Zeit geschuldet sind. „Ich dachte darüber nach, was eigentlich der Inhalt von ‚Mensch‘ ist. In der Situation, in der ich mich damals befand, war es Gemeinsamkeit, die Hilfe meines Umfelds, die mich da rausgeholt hat. Das ist heute genau das Thema: der Zusammenhalt.“
Doch noch etwas unterschiedet „Von allem anders“ von „Unplugged Herbert“; Es finden sich neben dem brandneuen „Flieg“ hierauf ausschließlich Songs, die nach MTV Unplugged entstanden sind – mit einer Ausnahme: eine neue Version von „Flugzeuge im Bauch“, diesem Über-Song von 1984.
War es eigentlich Fügung oder Zufall, dass Herbert Grönemeyer just 1979 sein Debütalbum herausbrachte, in dem Jahr, wo in Deutschland alle Zeichen auf Veränderung und humanitäre Offenheit stehen: Gründung der deutschen Grünen, Großdemo gegen Kernkraft und RAF-Verurteilungen. Damals galt der 23-Jährige als „Schauspieler, der auch singt“, in den deutschen Charts regierte Disco-Sound von Boney M., Village People und Blondie und mit „deutscher Realsatire“, wie Grönemeyer seinen Erstling später distanzierend nennt, konnte man noch wenig anfangen. Diese harmlosen Arrangements mit sperrigen Texten, das war zwar Liedermacherei, aber noch lang nicht Grönemeyer: Kein Wunder, dass die Platte floppte und nur den Preis für das „hässlichste Cover des Jahres“ einheimste. Wenig von seinem künftigen Erfolg ahnen ließen dann auch noch die Nachfolger „Zwo“ (trotz „Ich hab dich lieb“), „Total egal“ (trotz „Currywurst“) und „Gemischte Gefühle“ (trotz „Musik, nur wenn sie laut ist“).
Als dann 1984 ein blasser, eher schütterer Deutscher hinter dem Keyboard auf seinem eh schon fünften Album „4630 Bochum“ mit seinem nasal-knödelnden Sprechgesang den auch heute noch brandaktuellen Hit „Männer“ hinrotzte, war deutsche Musik plötzlich wieder richtig hip – so wie bei Tocotronic später und AnnenMayKantereit heute: Kritische Texte, einfühlsame Geschichten und eingängiger, von kräftigen Hooks getragener Deutschrock wurde furztrocken serviert. Dabei ist „4630 Bochum“ genau genommen nicht wie mancherorts behauptet eine Hommage an Grönemeyers Geburtsstadt - geboren wurde er in Göttingen, erst als Kind zog er nach Bochum -, vielmehr an seine Studienstadt – und auch an die Stadt, in der er sich am Schauspielhaus verdient machte: Bereits als 20-jähriger wurde er musikalischer Leiter, studierte Musik- und Rechtswissenschaften, erlangte erste Bekanntheitsgrade auf der Theaterbühne und im Fernsehen. Auf „4630 Bochum“ zeigte sich Grönemeyer jedenfalls erstmals formvollendet, mit einer Gabe, poetische Bildsprache für die breite Masse minimalistisch aufzubereiten – ein bisschen kitschig, aber nie verkopft, immer mitten ins menschliche Herz treffend. Als „ein Stück Heimat“ wurde die Platte empfunden, Bodenständigkeit verpackt in eingängige Melodien.
So unsexy das alles klingt: In Deutschland war nicht, wie überall sonst, Michael Jacksons „Thriller“ die erfolgreichste Platte des Jahres, sondern Grönemeyers Scheibe über Männer, Alkohol und Flugzeuge im Bauch, Rolling Stone, Bravo und Rennbahn Express drehten am Rad – was war und ist aber eigentlich dran an diesem auf den ersten Blick so ungelenken Anti-tainer? Ganz einfach: Kraft und Aufrichtigkeit. Als Mann nach einigen durchschnittlichen Alben so viel Demut und ehrliche Härte („Alkohol“) in den eigentlich hedonistischen Achtzigern hinzulegen, das ist schon ganz großes Kino. Und so nebenbei spielte er kurz zuvor 1981 in dem bis heute unerreichten Kriegsdrama „Das Boot“ auch noch glaubhaft eine tragende Rolle – Hut ab! Anstatt sich wie damals üblich hinter Kajal und Glitzer zu versteckten, setzte Grönemeyer auf Blue Collar Charme aus dem Pott, mit blondem Scheitel, Brille und Bundfaltenhosen. Er schunkelte sich, in seinen Liedern, aufs politische Parkett und wurde zum Künstler, der sich an heikle Themen heranwagt – ein Volksdichter, eine Stimme der Nation und vielerorts sogar als „Licht im Dunkeln“.
Aber es ist natürlich nicht nur der ehrliche, bodenständige, unverfälschte Mensch Herbert selbst, sondern in erster Linie freilich das Songmaterial: „Kinder an die Macht“, „Was soll das“ und „Komet“ zeigen auf den beiden auf „Bochum“ folgenden Alben eine große Bandbreite an Themen und selbstbewusste Kompetenz im Songwriting. Wiewohl sein Material natürlich seinen größten Charme ausstrahlt, wenn es von Grönemeyer selbst vorgetragen wird, ist da durchaus auch für andere viel dran – zum Beispiel 1998, als der milchgesichtige GSZS-Schauspieler Oliver Petszokat alias Oli P. gemeinsam mit Tina Frank das sperrige (aber geniale) „Flugzeuge im Bauch“ im sanften Popgewand zu lichten Charthöhen verhalf. Viele junge Menschen, die den Onkel Herbert an den Tasten bis dahin noch nicht wahrnahmen, wurden über diesen Umweg zu Fans.
Und das genau zu einem Zeitpunkt, als wenige Monate nach Veröffentlichung seines Albums „Bleibt alles anders“ sowohl seine Ehefrau als auch sein Bruder innerhalb weniger Tage sterben. Ein Schlag, den wohl niemand irgendwie verdauen oder gar verstehen kann. Grönemeyer zieht sich in der Folge für vier Jahre völlig aus der Öffentlichkeit zurück, Zukunft unklar. Dann, 2002, der Paukenschlag: Der als gebrochen abgeschriebene Grönemeyer tritt gefestigt wieder auf und präsentiert „Mensch“, gräbt sich mit seinen tief persönlichen Worten und der Aufarbeitung des menschlichen Dramas sofort in das popkulturelle kollektive Gedächtnis im deutschen Sprachraum ein – kein Wunder, dass „Mensch“ auch auf „Von allem anders“ immer noch eine unglaubliche Stärke versprüht. Ehrliche Wertschätzung und Respekt von seinem Umfeld machen das Album zum wahrscheinlich größten Phönix-aus-der-Asche-Moment seit „Back in Black“ von AC/DC, im deutschsprachigen Sprachraum zumindest. Wieder einmal zeigt Grönemeyer: Er fühlt, denkt, trauert wie wir. Aber er bündelt seelische Zustände mit wenigen Worten zu einer berührenden Umarmung.
Mit dieser Initialzündung seiner quasi zweiten Halbzeit als Künstler, die jetzt auf „Von allem anders“ einen gerechtfertigten Rückblick erfährt, hat sich Herbert Grönemeyer als einer der verlässlichsten, aber in erster Linie auch sympathischsten und kritischsten Künstler unserer Zeit und Sprache etabliert: Bei ihm – zuletzt erschien sein aktuelles Studioalbum „Das ist los“ 2023 – steht humanitäres Zusammenleben im Fokus, die Lage der Nation wird kritisch beäugt, bei ihm finden sich die Menschen zusammen, die ihr Herz am rechten Fleck haben und gemeinsam glauben, dass die Welt allem zum Trotz tatsächlich eine bessere werden kann. Grönemeyers Musik hält, mehr noch im kollektiven Live-Erlebnis, der Menschheit den Spiegel vor, der das Schönste, aber auch das Hässlichste im Land zeigt: Dabei regen seine zeitlosen Texte zum Nachdenken an, „fassen die deutsche Mentalitätsgeschichte in prägnante Bilder und Situationen“, wie der Schriftsteller Michael Lentz einst so schön meinte – dabei aber stets mit einer lebensbejahenden Leichtigkeit, die die Welt vielleicht tatsächlich ein Stück besser macht.
Kein Wunder, dass sich Herbert Grönemeyer für seine kommende “mittendrin - akustisch”-Tour auch ein besonderes Setting einfallen hat lassen: Die Musiker spielen kommenden Februar in der Wiener Stadthalle auf einer speziell gestalteten Mittelbühne, somit entsteht eine besonders intime Atmosphäre, in der die neu arrangierten Songs aus über vier Jahrzehnten Grönemeyer eine einzigartige Stimmung erzeugen. So wirkt Grönemeyer, seine Musik wie ein lebenspendendes Herz - für das Publikum darum herum.