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Konzerte

Yungblud: Auf den Spuren von David Bowie und U2 – und am Weg zu sich selbst

29.08.2025 von Stefan Baumgartner

Die Welle der hereinschwappenden Musik- und Konzertfilme reißt nicht ab: Zuletzt feierte sich Helge Schneider im “Klimperclown” selbst, und nun entblößt der englische Senkrechtstarter Yungblud in der Doku „Are You Ready, Boy?“ seine Seele. Im Oktober beehrt er uns dann mit seinen „Idols“ - so der Titel seines aktuellen, vierten Albums - im Gepäck in der Wiener Stadthalle.

Es waren intensive Wochen für den britischen Senkrechtstarter Yungblud. Kurz nachdem sein viertes Album “Idols” die Spitze der Albumcharts eroberte (in Österreich etwa auf die 4) und die zweite Edition seines eigenen Bludfests über die Bühne ging, trat er überraschend bei Ozzy Osbournes Abschiedskonzert “Back To The Beginning” in Birmingham auf – und gewann dort eine ganze Generation von Metalheads für sich, die ihn vorher wohl kaum am Schirm hatten: Seine Performance der Sabbath-Ballade “Changes” vom Album “Vol. 4” aus dem Jahre 1972 gehörte nicht nur zu den besten Darbietungen des Tages, sondern ging hierauf auch im Netz viral – und wurde von einer Welle vielleicht manchmal widerwilliger, aber doch ehrlicher Anerkennung auf Social Media begleitet.

Dass Yungblud - Dominic Harrison - selbst bei kritischen Metalheads gut ankommt, liegt jedoch nicht allein in seiner musikalischen Brillanz begründet: Seine Art mit anderen umzugehen, seine Nachdenklichkeit gepaart mit jugendlicher Energie und Frische macht einen Teil der Anziehungskraft von Yungblud aus. Wer Yungblud nun wirklich ist, das vermittelte er uns vergangene Woche an nur zwei Tagen in ausgewählten Kinos zusammen mit dem englischen Regisseur Paul Dugdale in der 125 Minuten dauernden Doku “Are You Ready, Boy?”, die in den legendären Hansa Studios in Berlin entstanden ist - wo etwa David Bowie oder U2 dereinst Musik aufnahmen. Der Film ist nicht immer einfach zu sehen, so wie Dominic Harrison da seine Seele entblößt: Diese Konzert-Doku ist aufrüttelnd und insgesamt recht weit weg von eher herkömmlichen Rockumentaries.

Das mag auf den ersten Blick verwundern, denn Regisseur Paul Dugdale ist vor allem für seine klassische, tendenziell glattpolierte Doku-/Konzertfilm-Arbeit mit Stadion-Megastars wie Dua Lipa, Coldplay und Taylor Swift bekannt, doch dieser Film zeigt ihn intensiver, näher und vor allem persönlicher an der Seite nicht nur eines Musikers, sondern vielmehr eines Menschen - der nicht grundlos in den legendären Berliner Hansa Studios “Idols” erstmals live in voller Länge spielt: Der Grund für das gesamte Projekt, erklärt Harrison, sei, dass “Idols” sein bislang nicht nur persönlichstes, sondern vor allem auch “musikalisch ehrgeizigstes” Album sei – und er beweisen wolle, dass er es tatsächlich auf die Bühne bringen kann. Und auch eben zeigen, wer - nach Jahren des Verbiegens und des Erfüllens von Erwartungen - Yungblud wirklich ist. “Idols”, das ist sein Seelen-Stripease.

Unmöglich, sich da bei seiner Perfomance in den Hansa Studios der Wirkung von etwa “Hello Heaven, Hello” zu entziehen: ein mitreißender Banger, der ein komplettes Stadionkonzert in neun epische Minuten packt. Grinsend blickt Harrison nach dem fehlerfreien One-Take in die Kamera – und weiß, dass er es genailed hat. Ähnlich selbstbewusst gibt er sich bei “Idols Pt.1”, während er das preschende “Lovesick Lullaby” mit einem Bier in der Hand singt, bevor er beim Song “Ghosts” das Mikro auch mal beiseitelegt, um sicherzugehen, dass wirklich jede Person hinter der Kamera im Raum auch mitklatscht: So geht Stadion selbst im vergleichsweise kleinen Raum! Harrison war schon immer ein magnetischer Performer, und Dugdale fängt seine elektrische Energie in jedem einzelnen Song ein: Man merkt, dass Yungblud sich mit “Idols” selbst gefunden hat.

Mehr romantisch als nerdig, bietet der Film dennoch auch reichlich Stoff für Musikliebhaber: Harrison erkundet die Hansa Studios mit leuchtenden Augen, setzt sich an dasselbe Klavier, auf dem David Bowie 1977 “Heroes” aufnahm, und starrt zur Decke, während er sich fragt, ob Bono wohl dasselbe getan hat, als U2 dort 1991 ihr Meisterwerk “Achtung Baby” einspielten. Bei aller Nerdigkeit ist es dann doch wieder berührend, wenn man merkt, dass Superstars auch nur Menschen - und Fans sind.

Zwischen den Live-Performances spricht Harrison offen mit Dugdale über seine Motivation, “Idols” zu machen – ein Projekt, das er 2020 mit Produzent Matty Schwartz (der bereits an seinem Debüt “21st Century Liability” von 2018 mitgearbeitet hatte) begann, aber zunächst pausieren musste, weil sein Label andere Erwartungshaltungen hatte: Man kennt das ja, wenn Schreibtischhengste in künstlerische Prozesse eingreifen und in Zahlen, statt in Emotionen denken - und vermeinen, die “Fanbase” besser als der Musiker selbst zu kennen.

In Gesprächen im Hotelzimmer, im Auto oder in einem typischen Berliner Cafe streifen die beiden Themen wie Körperbild, mentale Gesundheit, persönliche Opfer – und wie es das Selbstvertrauen beeinflusst, wenn man jederzeit mit einem Blick aufs Handy sehen kann, was die ganze Welt über einen denkt. Es ist ein intimer Einblick in das, was es bedeutet, im Jahr 2025 ein Rockstar - noch dazu ein junger, inmitten seiner persönlichen Entwicklung - zu sein. Auch ist es eine Übung in Selbstreflexion: über seinen Platz in der Welt, über das Schwanken seiner Identität beim Eintritt in die späten Zwanziger, und über die Versöhnung mit sich selbst. “Selbstzufriedenheit ist der größte Killer für jeden Künstler”, sagt Yungblud an einer Stelle. Ihm gehe es hingegen spätestens ab “Idols” um echte Emotionen.

Den härtesten Schlag versetzt jedoch die Szene, in der er darüber spricht, sich vorübergehend aus der Beziehung zu der Liebe seines Lebens, der Musikerin Jesse Jo Stark, zurückgezogen zu haben. “Jetzt, wo ich hier bin, will ich nur sie”, gesteht er sichtlich emotional. “Ich liebe sie." Der Übergang in “Ghosts”, der darauf folgt, wirkt dadurch umso schwerer.

Doch “Are You Ready, Boy?” zeigt auch viel Freude. Die Erleichterung und der Triumph im Hansa Studio, als Yungblud und seine Band den gigantischen Stadionrocker “The Greatest Parade” endlich auch in den hohen Tönen perfekt hinbekommen, sind greifbar. Und als Gitarrist Adam Warrington (der die Hälfte der Songs von “Idols” mitgeschrieben hat) sich daran erinnert, wie er Harrison als Teenager zum ersten Mal traf, bevor die beiden gemeinsam um die Welt tourten, und bierschwangere Gespräche über Idole, Kunst und die Wahrheit im Leben führten, sind es gerade diese intensiven Momente einer “Bruderschaft”, die am meisten uns Zuseher*innen inspirieren.

Ein wahres Bludfest

Wie gut die intensiven, sich teils überwefenden, aber stets eindringlichen Stücke von “Idols” auch in einer etwas roheren Live-Version wirken, hat man bei den One-Takes in den Hansa Studios jedenfalls bei “Are You Ready, Boy?” hautnah mitbekommen - und man bekommt einen guten Eindruck davon, wie sehr Yungblud Ende Oktober in der Wiener Stadthalle abreißen wird - nachdem Palaye Royale die Meute auf Betriebstemperatur gebracht hat. Da kann man nur hoffen, dass “Idols” zeitnah auch in einer Live-Version aus den Hansa Studios erscheint: Mittlerweile ist es ja durchaus gebräuchlich, ein Album in zahlreichen Versionen vorzulegen - siehe etwa auch Taylor Swift.

Doch seine “Idols”-Tour ist nicht das Einzige, auf das man sich freuen kann: Gerüchten zur Folge plant Yungblud, sein “Bludfest” von Großbritannien auch aufs europäische Festland auszurollen: Es ist dies nicht nur ein Festival, auf dem ausschließlich Bands auftreten, die Yungblud persönlich gefallen und ihn inspirieren, sondern zudem auch ein Festival, das sich mit einem deutlich niedrigeren Ticket-Preis der Inflation krass entgegenstellt - sein Ansatz ist es: Auch seine junge und nicht gut situierte Bubble soll sich einen (musikalischen) Safe Space leisten können.


Live-Termine


Yungblud - "Idols"

29. Oktober 2025 | Wien, Wiener Stadthalle D
Support: Palaye Royale


Infos auf dem Stand vom 28.08.2025  

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