Bild: Udo Leitner
In seinem neuen Soloprogramm “Happy Place – Ein Glücksfall” wirft Hosea Ratschiller einen erstaunten – und erstaunlichen – Blick auf alltägliche Entwicklungen, die in massive gesellschaftliche Veränderungen münden könnten. Und stellt sich die Frage, was er in einer veränderten Welt noch beizutragen hat.
“Happy Place – Ein Glücksfall” heißt das neunte Soloprogramm des Kabarettisten, TV-Moderators ("Pratersterne"), Radiomachers und Autors Hosea Ratschiller. Präsentieren wird es der gebürtige Kärntner am 7. Oktober, wenige Tage vor seinem 44. Geburtstag. Dass er erstmals eine Premiere im Wiener Stadtsaal feiern darf, freut den dreifachen Vater sehr: “Ich habe schon vor dem jüngsten Stück auf der Bühne des Stadtsaals geprobt, die Premiere war dann aber im Niedermair. Ich liebe das Niedermair mit seiner unglaublich dichten Atmosphäre. Aber ich bin fast zwei Meter groß und habe auf kleineren Bühnen immer das Gefühl, dass ich mich beugen muss. Im Stadtsaal kann ich aufrecht stehen und mich richtiggehend ausbreiten.”
Ich habe gegoogelt, was andere Menschen über ihren “Happy Place” sagen. Und da geht es immer wieder darum, zur Ruhe zu kommen, Störgeräusche auszublenden, bei sich zu sein. Im neuen Programm schlage ich vor, bei dieser Suche nach dem “Happy Place” nicht nur in sich und auf sich selbst zu schauen, sondern auch auf seine Umgebung. Die Frage ist: Hat diese eigene Ruhe etwas damit zu tun, wo und wie man wohnt? Wie sich die Umgebung verändert?
Ausgelöst wurden meine Überlegungen durch diese neuen Automatenshops, die es jetzt überall gibt. Zum ersten Mal ist mir das in Spittal an der Drau aufgefallen, wo ich herkomme. Dort gab es plötzlich einen Kasnudel-Automaten. Und ich habe einen großen Unterschied zu diesen Hofläden gespürt, in denen auch kein Mensch arbeitet: In den Hofläden hat man sich noch darauf verlassen, dass man die Waren nicht einfach fladert, sondern dafür bezahlt – das ist in den Automatenshops anders, die haben nichts mehr mit einem sozialen Miteinander zu tun. Ich habe in der Schule noch gelernt, dass wir in einer sozialen Marktwirtschaft leben. Aber jetzt löst sich das Soziale vom Markt.
Supermärkte haben eine soziale Funktion. Sie stellen gewisse Tatsachen dar: Jetzt ist Fasching, also gibt es Krapfen und es hängen Girlanden herum. Wir sind in Österreich und sprechen großteils Deutsch miteinander. Man bekommt Speck und Bier, aber auch andere Waren, weil viele Leute aus anderen Ländern und Kulturen bei uns leben und sie andere Bedürfnisse haben. Betreiber von Supermärkten nehmen Rücksicht darauf, dass hier Kinder ebenfalls einkaufen und stellen dementsprechend kein Sexspielzeug ins Regal. In Automatenshops ist alles egal, da stehen Nippel-Klemmen neben dem Vanillejoghurt. Es geht nur noch darum, dass es sich rechnet. Aber soziale Aspekte spielen keine Rolle mehr. Und daraus habe ich mir überlegt: Wenn man in Zukunft von Ruhe und Glück sprechen will, wird man sich überlegen müssen, wo das Soziale stattfinden soll. In meinem neuen Programm versuche ich eine Antwort anzubieten, wie wir damit umgehen könnten, dass sich die Welt in eine weniger gemeinschaftliche Richtung entwickelt.
Ich werde im Oktober 44. Menschen in meinem Alter sind es gewohnt, dass wir als Gesellschaft davon ausgehen, dass es eine Gesellschaft gibt. Dass es das Soziale gibt, dass es gewisse Milieus gibt. Dass dein Sein nicht nur davon abhängt, was du gefrühstückt hast und mit wie viel Enthusiasmus du in den Tag gestartet bist, sondern grundlegend davon, in welche ökonomische Situation du hineingeboren worden bist, in welche Bildungssituation oder davon, ob du ein Mann oder eine Frau bist. Tatsächlich wird gerade an diesem Grundkonsens der Gesellschaft gerüttelt.
Das geht nicht zuletzt von dieser politischen Bewegung in den USA aus: Dahinter steckt eine Ideologie, die auf einen Roman der Autorin Ayn Rand aus dem Jahr 1957 zurückgeht - “Atlas Shrugged” (Deutsch: “Atlas wirft die Welt ab”) ist heute eines der meistverkauften Bücher in den USA; es geht darum, dass Atlas, der die Weltkugel, also die Last der Welt auf seinen Schultern trägt, diese Weltkugel abwirft. Und dass er damit sagt: Was geht mich das alles an? Es geht nur um mich und meine persönliche Freiheit. Daraus leiten libertäre Kräfte wie Donald Trump und der Investor Peter Thiel den Grundsatz ab, dass es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht gibt, und dass der einzelne Mensch und sein Glück untrennbar miteinander verbunden sind. Aber sie propagieren nicht nur den Gedanken, dass man nur dann sein Glück findet, wenn man ohne Rücksicht auf andere Menschen immer genau das tut, wonach einem gerade ist. Die Ideologie geht so weit zu sagen: Es ist auch für die anderen das Beste, wenn du machst, was du willst.
Es gibt einen großen Unterschied, auf den wir viel zu wenig hinweisen: Die USA haben es nie geschafft, ein Sozialstaat zu werden! Und dass sie deshalb mit Problemen kämpfen, die wir in dieser Form nicht haben. Wenn deine Eltern in den USA nicht genug Geld haben und du dir mit 17 den Meniskus reißt, kannst du nicht operiert werden und verbringst den Rest deines Lebens auf Krücken. Diese gesellschaftliche Verflechtung in Europa – und speziell in einem Land wie Österreich – hat immense Vorteile: Wenn wir uns die Kosten für Gesundheit, für Bildung, für Infrastruktur wie Straßen und Schienen, für Kultur teilen, ist das für alle besser. Und deshalb stelle ich im Programm die Behauptung auf: Unser Happy Place liegt dort, wo wir uns die Rechnung teilen und aufeinander achten. Allein sind wir ziemlich unfähig in den meisten Dingen; der Mensch wird erst zum Menschen, weil er in sozialen Zusammenhängen lebt.
Einerseits hat es etwas mit der Einstellung zu tun, die André Heller so schön mit den Worten zusammengefasst hat: Man darf sein eigenes Leben nicht schwänzen. Man muss also achtsam sein, sich informieren, viel lesen. Ich habe sehr viel mit sehr gescheiten Leuten gesprochen und genau zugehört. Aber letztendlich ist es am wichtigsten, das zu thematisieren, was man wirklich selbst ausdrücken möchte. Also dass man die ganze Theorie runterräumt und alles weglässt, was einen nicht persönlich bewegt.
Natürlich, die Verhandlungsmasse ist immer das eigene. Für mich war eine wichtige Überlegung: Ich habe drei Kinder, 13, 11 und 9 Jahre alt. Sie sind also in einem Alter, in dem Loslassen schön langsam ein Thema wird, nachdem ich mein Leben in den vergangenen 14 Jahren ganz in den Dienst des sozialen Zusammenhangs mit ihnen gestellt habe. Auf der Bühne wache ich quasi aus meinem strukturierten Leben auf und erkenne: Bist du g’scheit, die Welt hat sich ordentlich verändert! Was mache ich jetzt, was habe ich noch beizutragen?
Ich habe eine unfassbare Sehnsucht danach, mit Leuten in Kontakt zu treten, die weit außerhalb dessen stehen, was meine sogenannte “Bubble” ist. Der Großteil meiner Arbeit fließt in den Versuch, meine Gedanken so zu formulieren, dass sie auch für Menschen verständlich sind, die in komplett anderen Zusammenhängen leben. Aber es geht mir nicht um kaufmännische Interessen, wenn ich ein möglichst breites Publikum erreichen möchte. Ich möchte mit meinen Programmen die Menschen in Pfarrsälen in kleineren Gemeinden erreichen wie in Wiener Bobo-Epizentren. Ich weiß, dass ich dafür quasi zwischen den Stühlen sitzen muss – aber gerade dort wird es für einen Kabarettisten interessant.
Es war ein klarer Versuch, die Meinungsfreiheit auszuhebeln. Und es geht natürlich darum, die Demokratie abzuschaffen. Aber was wir gesehen haben: Widerstand ist nicht zwecklos! Wir sehen das ja auch immer wieder in Österreich: Seit ich mich erinnern kann, sagt jede rechtskonservative Regierung, dass sie FM4 zusperren wollen. Und jedes Mal gibt es einen großen Aufschrei und FM4 wird doch nicht zugesperrt. Wir setzen uns viel zu wenig mit der Politik auseinander. Deshalb unterschätzen wir, wie groß unsere Macht ist – wir müssen uns nur engagieren, jeden Tag ein bisschen. Wir können uns weiterbilden, achtsam umschauen, Gespräche führen. Aber wir müssen etwas tun. Denn von selbst ändert sich nichts.