Ingo Pertramer
Ja, Bücher hat Dirk Stermann (unser Lieblingsdeutscher) schon zahlreiche alleine geschrieben. Auf der Bühne und im Fernsehen (und dereinst im Radio) kennt man ihn jedoch eigentlich nur im Duo mit Christoph Grissemann. Dies ändert sich nun, denn wie auch im neuen Buch „Maksym“ beäugt Stermann in seinem Kabarettsolodebüt „Zusammenbraut” seine Vaterrolle. Allein.
Der Roman ist ein Lockdown-Produkt. Als dann langsam wieder Veranstaltungen anfingen, habe ich das Programm geschrieben. Ich wollte einen Roman und ein Kabarettstück, die etwas miteinander zu tun haben sollten – zwei eigenständige Sachen zum gleichen Thema. Das fand ich lustig. Ich weiß nicht mal, warum ich das gut fand, aber mir gefiel die Idee, dass es ein Kabarettprogramm zum Buch und ein Buch zum Kabarettprogramm gibt.
Na. Mir haben allerdings immer wieder Leute geraten: Wenn man im Duo oder in einer Band arbeitet, ist es sinnvoll, auch eigene Projekte zu haben. Sonst macht man immer das Gleiche und stirbt irgendwann. Am Ende denkt man sich: War eh okay. Aber vielleicht hätte es noch was Anderes gegeben.
Ich arbeite mit ihm gerne zusammen. Künstlerisch ist es wahrscheinlich sogar besser, weil man aus zwei Richtungen etwas entwickelt. Jetzt ist es vielleicht monohumoristischer, weil es nur ein Schädel macht. Aber alleine ist das Schreiben genussreicher.
Das wird tatsächlich eigenartig. Es gibt im Programm zwei, drei Stellen, wo ich auf der Bühne telefoniere. Das habe ich wohl reingeschrieben, damit ich jemand habe, mit dem ich sprechen kann.
Meine erwachsene Tochter heiratet und ich halte eine Hochzeitsrede. Das ist die Grundsituation. Aber die Tochter ist gar nicht da. Ich bin nicht eingeladen und halte die Hochzeitsrede nur für mich.
Der Stermann im Buch wird zur Vaterrolle hingeführt, sagen wir so. Der echte ist schon etwas weiter. Gestern hatte mein Sohn seinen ersten Schultag. Hat super funktioniert. Lustigerweise trafen wir am Schulweg an der Ampel Bildungsminister Polaschek. Ich sage zu meinem Sohn: Schau, an deinem ersten Schultag kommt schon der oberste Bildungstyp. Ihm war’s aber wurscht, er weiß noch nicht, was ein Minister ist.
Es ist natürlich ein bisschen eitel. Man geht davon aus, dass die mediale Figur Stermann bekannt ist und zeigt Facetten von ihr. Vor allem die negativen. Was ich am österreichischen Kabarett immer schon gut fand, ist: Im Gegensatz zu Deutschland, wo man sich über andere lustig macht, ist man sich hier selbst der größte Feind.
Ich glaube nicht, dass jeder Kabarettist ein Rabenvater ist. Aber es ist leichter ein Rabenvater zu sein, wenn du Kabarettist bist. Erfolgreiche Kabarettisten, die viel unterwegs sind, haben ein bizarres Leben. Da kann man nicht halbe-halbe mit der Partnerin aufteilen. In Wahrheit ist es aber auch bei vielen Vätern, die anwesend sind, nicht viel anders.
Vorsichtig ausgedrückt. Wir haben ein derartig konservatives Gesellschaftsbild. Männer verdienen mehr, Frauen gehen deshalb in Karenz. Das ist eine unsägliche Ungerechtigkeit. Ich habe einen schwedischen Cousin, er arbeitet bei einem deutschen Konzern. Die schwedischen Männer stehen um 15 Uhr mitten in der Sitzung auf und holen ihre Kinder ab. Die deutschen Kollegen sagen: Spinnt ihr?
Mein Sohn hatte das große Glück, in der Corona-Zeit Kleinkind zu sein. Ich war viel zu Hause. Insgesamt fällt mir auf: Bei meiner großen Tochter war ich noch wahnsinnig oft der einzige Vater am Spielplatz. Nur sonntags kamen Väter in hellen Hosen, die sauer waren, weil ihre Hosen schmutzig wurden. Wie geisteskrank kann man sein, in einem hellen Sommeranzug auf den Spielplatz zu gehen? Offensichtlich wussten die nicht, was dort passiert. Heute ist es schon normaler für Männer, sich auch zu kümmern – aber gegen gesellschaftliche und politische Widerstände.
Wir haben das vor vielen Jahren schon mal im Rabenhof gemacht. Damals hieß der Abend „Sex oder Fußball“. Im Saal haben ein paar Frauen über Sex geredet, im Foyer wir über Fußball. Es kamen immer mehr Leute zu uns raus. Darum lassen wir diesmal den Sex weg. Leider steht eine WM an, die man sich als Fußballfan eigentlich nicht anschauen kann. Aber man wird sich die Spiele wahrscheinlich unter großem Protest widerwillig doch heimlich anschauen.
Als junger, aufstrebender Solokabarettist Mitte 50 muss ich alleine trinken. Es gehört zur Dramaturgie des Abends. Im Finnland gibt es ein langes Wort dafür, sich alleine zu Hause in Unterhosen zu betrinken: Kalsarikännit. So ist auch das Programm aufgebaut. Ich werde zwar nicht in Unterhosen dort stehen, im übertragenen Sinne aber schon. ich finde, das ist ein Bild, das gut in die Zeit passt.
„Zusammenbraut” spielt es ab Oktober u. a. in Wien, Linz, Graz und Tulln. Der Talk zu WM mit Armin Thurnher findet am 20. November im Globe statt, über die österreichische Innenpolitik plaudern sie am 6. November im At the Park Hotel Baden. Loriots Werke lesen Stermann & Grissemann am 28. Oktober in der Burg Pechtoldsdorf, „Gags, Gags, Gags!” gibt es weiterhin ab Dezember wieder – und brandneu: Unter dem Titel „Österreichs Writing Stars” laden Stermann & Grissemann im Rabenhof Promis zum härtesten Literatur-Battle seit der Erfindung des Bachmann-Preises. Moderiert wird von Michael Ostrowski. Tickets für alle Veranstaltungen finden Sie auf oeticket.com.