Bild: Aleksandra Kawka
Ich entstamme einer Familie, die das Bildungsbürgertum großschrieb: Fremdsprachen, die bildenden und darstellenden Künste, Literatur und Musik begleiteten mich von früh an, meine ersten kindlichen Erinnerungen müssen wohl „Das Phantom der Oper“ im Theater an der Wien Ende der Achtziger gewesen sein, sowie die „Laokoon“-Statue im Kunsthistorischen Museum. Über die Jahre und Jahrzehnte hinweg habe ich mich immer mehr von diesem streng gesetzten, immer auf Erhabenheit bedachten Kunstbegriff entfernt und finde mich heute in einem Wechselbad aus dem Düsteren, Apokalyptischen, Verqueren, Absurden, Schauerlichen wieder – sowohl in den Künsten, der Literatur und der Musik. Vermutlich könnte man mein heutiges Kunstverständnis als Gegenentwurf – und da sind wir wieder bei der „Laokoon“-Statue – zu Winckelmanns berühmter Formel „Edle Einfalt, stille Größe“ sehen. Aber: Was bedeutet das für die Musik im Speziellen?
Winckelmanns Ideal setzt auf eine harmonische Klarheit, auf Reduktion – Musik, die mich fasziniert, hat Brüche, Dissonanzen, unstrukturierte, unordentliche Klänge und überbordende Soundlandschaften. Während Winckelmann kontrollierte, idealisierte Emotionen bevorzugt, setzt meine bevorzugte Musik auf rohe, ungeschönte Expressivität, statt kontemplativer Ruhe geht es um Überforderung, Aggression und chaotische Energie. Für Winckelmann reinigt die Kunst die Seele durch Harmonie, für mich entsteht eine Katharsis durch eine extreme emotionale Entladung. Bei mir sind es Konzepte wie das Sublime, die Dekonstruktion oder das Dionysische, die das wahre Ideal sind.
Im besten Falle ist Musik für mich nicht nur ein beiläufiges Gedudel, sondern erweckt tiefschürfende Emotionen – irgendwo zwischen Erregung und Spannung nistet sich hier das Lustempfinden ein, als Resultat sind nicht selten Gänsehaut, Tränen, Flattern in der Magengegend oder Herzrasen zu vermelden. Ja, Musik ist tatsächlich eine universelle Sprache, Töne dringen weit in die Tiefen der menschlichen Seele vor. Gerade laute oder gar schrille Klänge, überraschende Wechsel oder dissonant aufheulende Melodien, eine überragende Geschwindigkeit von Tonabfolgen, oder eine bleiern erdrückende Langsamkeit derer erhöhen in ihrer Bedrohlichkeit den Herzschlag, noch bevor wir bewusst darüber nachdenken – und ziehen hinein in einen spannungsgeladenen Mahlstrom, der ähnlich wie ein Kirchengang oder Meditation transzendente Gefühle erwecken kann.
Und so passt auch der Klaviervirtuose Lubomyr Melnyk in mein ureigenes tonales Gebräu – und das, obwohl mich mit dem Klavier üblicherweise nur eine oberflächliche Emotion eint. Aber gut: Melnyk versteht sein Instrument auch nicht als ein solches, sondern viel mehr als „auf seltsame Weise lebendiges Wesen“, das mit dem Musiker in eine symbiotische Wechselbeziehung tritt.
Melnyk wurde 1948 in München als Sohn ukrainischer Eltern geboren. Später studierte er in Kanada Latein und Philosophie, hierauf war er in Paris als Pianist für Tanztheatergruppen tätig. Bereits früh begann er aber auch, eigene Werke (vor allem für Klavier solo, aber auch Ensemble) zu schaffen – mittlerweile über 120 Stück, die er als „continuous music“ bezeichnet. Aber was bedeutet das genau, was macht das in unseren Ohren?
Melnyks Klaviertechnik erzeugt durch rasend schnelle, eben: kontinuierliche Tonrepetitionen eine übermächtige, dabei aber nicht bedrohlich wirkende Klangwand. Oder, wie Melnyk einst in einem Spiegel-Interview über die „Jupiter-Sinfonie“ von W.A. Mozart urteilte: „Es klingt, als enthülle sich das ganze Universum.“ Die schiere Dichte an Tönen, die er aus einem – manchmal auch zwei – Klavieren stößt, entfalten eine hypnotische, fast tranceartige Wirkung – als würde man völlig losgelöst durch den Kosmos schweben. Durch sein hochvirtuoses, fast unmenschlich schnelles und ausdauerndes Spiel entsteht so im Ohr, im Kopf eine Überforderung, die mit dieser Urgewalt ein Sichbefreien von psychischen Konflikten und inneren Spannungen anstößt – eine Katharsis eben.
Dabei bewegt sich Melnyk aber meist innerhalb eines harmonischen, tonalen Rahmens – seine Musik ist repetitiv und fließend, aber nicht zerstörerisch, chaotisch oder atonal. Und dadurch ist seiner Musik auch keine schockhafte Energie anheim, sondern vielmehr eine meditative, fast spirituelle Qualität, sie führt zu einer Bewusstseinserweiterung über die plötzliche, initiative Katharsis hinaus. Es ist die Überwältigung und Extremerfahrung, die Melnyk solo am Klavier anregt, die in ihrer maximalen Reizdichte den Geist nicht nur reinigt, sondern ihn darüber hinaus zu einer transzendenten Erfahrung führt, die einem spirituellen Erlebnis gleichkommt: Und nach jenem suchen wir generationenübergreifend in diesem technologisierten Zeitalter ja alle.
Vielleicht muss man Melnyks Klavierspiel auch nicht groß analysieren, sondern ihm einfach nur lauschen und darin eintauchen, funktioniert es (obwohl sich seine geneigten Zuhörer*innen selten auf Matten befinden oder bei der Rezeption gar verrenken) nicht unähnlich wie Vinyasa-Yoga.
Im New-Age-Sprech könnte man seine Musik vielleicht gar als logische Fortführung der „Katharsis des Lärms“, als eine „Katharsis des Flusses“ begreifen: Seine Continuous Music wirkt wie eine organische Bewegung, seine dichten Klangteppiche wie ein musikalisches Ein- und Ausatmen, und wie auch im Yoga zielt die Wiederholung und Konzentration seiner Musik auf einen meditativen Zustand ab, ist dabei nicht nur physisch, sondern auch psychisch fordernd, dabei aber unglaublich entspannend. Vielleicht erleben wir also am 15. April im Wiener Stadtsaal ein musikalisches Pranayama?