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Kabarett & Comedy

Moritz Neumeier: Lachen bis zum Kollaps

01.02.2023 von Hannes Kropik

Moritz Neumeier begann seine Karriere 2008 mit Auftritten bei Poetry Slams, 2015 folgte sein Kabarett-Debüt „Kein scheiß Regenbogen“. Bekanntheit erlangte der mittlerweile 35-jährige Norddeutsche mit seinem wöchentlichen Videoblog „Auf einen Kaffee mit Moritz Neumeier“, in dem sich der dreifache Vater intensiv mit Themen wie Fremdenhass und Sexismus befasste. 2021 wurde Moritz Neumeier, der sich explizit als „politisch linker Künstler“ verortet, mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Mit seinem neuen Programm „Kollaps“ gastiert er am 31. März im Wiener Stadtsaal.

Du hast die Clips, mit denen du speziell während der Corona-Lockdowns auf diversen Social-Media-Plattformen regelmäßig viral gegangen bist, mit satirischem Augenzwinkern selbst als „gesellschaftlich relevante, moralische Zeigefinger-Videos“ bezeichnet. Warum verzichtest du mittlerweile auf dieses erfolgreiche Format?

Weil mich deprimiert hat, dass ich bei aller Reichweite überhaupt nichts ändern kann. Ja, ich war im Internet eine Zeitlang erfolgreich – aber wodurch? All diese Plattformen funktionieren nur durch Wut, Angst und Empörung. Du kannst einzelnen Menschen das Gefühl geben, verstanden zu werden. Aber du kannst Missstände nicht beheben.

Aber sind Instagram, TikTok & Co nicht gerade für einen Comedian wertvolle Plattformen, um sich ein Publikum zu erspielen, das dich dann auch auf der Kabarettbühne sehen will?

Es stimmt, dass du heute nicht mehr auf das Wohlwollen von Redakteuren angewiesen bist, klassische Medien sind keine „Königsmacher“ mehr. Andererseits konkurrierst du im Internet mit allem, was es auf der Welt gibt – und mit etwas Glück werde ich als Künstler lieber gemocht als irgendeine anonyme Katze. Aber wenn du – wie ich – Videos mit politisch linken Inhalten machst, bekommst du sehr viel Druck von rechts. Das ist ganz schön anstrengend.

2021 bist du mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet worden. Hast du also ein Level erreicht, wo du dir mühsame Diskussionen im Internet ersparen kannst?

Im Internet musst du dich gewissen Algorithmen unterwerfen und Content nach bestimmten Regeln, etwa in regelmäßigen Abständen, abliefern. Darauf verzichte ich – und damit auf größere Bekanntheit. Aber das ist okay für mich. Ich habe mich bewusst in eine Komfortzone begeben: Zu meinen Auftritten kommen nicht so viele Zuschauer wie zu manchen meiner KollegInnen – aber immer noch genug, um super davon leben zu können. Dafür werde ich auf der Straße nicht mehr so oft angesprochen. Das kann ganz schön spooky sein, wenn du mit deinen Kindern nur in Ruhe auf den Spielplatz gehen willst.

Jetzt bist du mit deinem neuen Programm „Kollaps“ auf Tournee. Worum geht es?

Um mich. Und in der zweiten Hälfte auch ein bisschen um Politik und ein paar linksradikale Themen. Aber es geht vor allem darum, dass wir immer wieder das Gefühl haben, unzureichend zu sein: Wir sind nicht cool genug, nicht erfolgreich genug, nicht verliebt genug. Die Leute glauben oft, dass wir Künstler eine Ausnahme sind, weil wir immer die richtigen Worte finden. Aber das stimmt natürlich nicht. Meine Bühnenfigur ist vielleicht perfekt, aber ich privat bin es nicht. Im Gegenteil.

Was ist der Unterschied zwischen dem privaten Moritz Neumeier und der gleichnamigen Bühnenfigur, die auch gerne in Kleidern auftritt?

Die Kunstfigur darf das ausleben, was der private Moritz niemals tun würde – und genau deshalb vermisst. Der private Moritz ist extrem introvertiert und hatte ursprünglich überhaupt kein Selbstwertgefühl. Er hatte Depressionen und das Gefühl, dass er überhaupt keinen Platz im Leben hat. Ich habe diese selbstsichere Kunstfigur, diesen Schutzpanzer erschaffen, um ein bisschen Pause von meinen Gefühlen zu haben.

Und du kannst so einfach in die Rolle der Kunstfigur schlüpfen, wenn du auf die Bühne gehst?

Eine Zeitlang habe ich nicht mehr zwischen mir und dieser Kunstfigur unterscheiden können und ich dachte, ich wäre wirklich so selbstbewusst. Doch dann kamen die Zusammenbrüche und Panikattacken. Tatsächlich ist „Kollaps“ dadurch entstanden, dass ich diesen Schalter nicht mehr nach Belieben umlegen konnte. Auf der vorletzten Tour habe ich gemerkt, dass ich nicht so einfach vom introvertierten zum extrovertierten Moritz wechseln konnte. Ich bin dann trotzdem auf die Bühne gegangen, habe den Leuten aber ehrlich erzählt, wie es mir gerade geht. Ich habe improvisiert – und sie fanden das nett, sympathisch und lustig.

Du bist in einer Patchwork-Familie aufgewachsen. Inwiefern hat dich das auf deine Karriere vorbereitet? Warst du das vorlaute Kind, das alle anderen zum Lachen bringen wollte?

Als ältestes von acht Kindern habe ich vor allem gelernt, mich zurückzunehmen. Ich hatte das Gefühl, dass alle anderen so viel Raum brauchen, und habe mich deshalb quasi ausradiert. Die Großfamilie hat mich also nicht besonders gut im Umgang mit Menschen geschult – aber sie hat mir so viele psychische Knackse verpasst, dass ich heute auf der Bühne genug zu erzählen habe (lacht).

Auf der Bühne präsentierst du dich als Gutmensch, der sich intensiv mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt – und brichst deine ernsthaften Monologe gern durch Pointen, die politisch überraschend unkorrekt sind.

Sicherheitshalber warne ich die ZuseherInnen gleich zu Beginn jeder Vorstellung: „Es besteht die Gefahr, dass du heute Abend persönlich verletzt wirst. Wenn du ein Trauma hast und über bestimmte Themen keine Witze hören kann, dann ist das hier nicht deine Show.“ Auf der Bühne kann alles passieren. Unter dem Deckmantel der Satire bin ich in dem, was ich sage, völlig unkontrollierbar.

Moritz Neumeier feiert mit "Kollaps" Österreichpremiere am 31. März im Wiener Stadtsaal. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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