Bild: Nikotin
Die Disco-Phase und den ESC hat Nikotin hinter sich gelassen – und befindet sich gerade am Selbstfindungstrip. Seine neue Single “100x” erzählt davon, dass selbst wenn man zeitlebens hundertmal gestrauchelt ist, es am Ende doch alles gut wird.
Vor drei Jahren tauchte Nikotin mit seinen zwei Disco-Bangern “1010” und “Kaiser von Österreich” plötzlich und aus dem Nichts auf der Bildfläche auf – und war damit in aller Munde. Doch mit dieser Vergangenheit hat er schon lang gebrochen: Bereits auf seiner EP “Totenberg”, Ende Oktober vergangenen Jahres erschienen, hat er seine einstigen bacchantinischen Pfade, seinen Übermuts-Soundtrack verlassen und in Düsternis gehüllt dem kommerziellen Anspruch den Mittelfinger gezeigt.
Zu Jahresanfang dann die Single “Unsterblich”, sein Beitrag für den Vorentscheid des Eurovision Song Contest: Ein großer Song, der zwar nicht in diesen Kosmos gepasst hat, in seinem epochalen, energetischen Ansatz jedoch eine himmelhochjauchzende Zukunftsperspektive verinnerlicht hat: Nikotin ist nicht nur als Mensch, sondern auch als Künstler ein stetig Suchender.
Davon, sich hundertmal zu verlieren und neu zu erfinden, erzählt nun auch seine kommende Single “100x”, die am 4. September erscheint: Auf einen Höhenflug folgt immer ein Fall, die Kunst des (Über-)lebens, aber auch des künstlerischen Schaffens ist es, aus diesem Fall neue Energie zu schöpfen und sich erneut in luftige Höhen zu schwingen. “100x” ist ein Fürsprech dafür, sich stets aus der bequemen Komfortzone zu bewegen, seine eigenen Grenzen auszuloten, sich zu verändern: Denn letztlich ist es ein unglaubliches Freiheitsgefühl, nicht immer zu wissen, was sein wird. Manchmal ist tatsächlich der Weg das Ziel – und nicht das Licht am Ende des Tunnels.
Tatsächlich habe ich schon immens viele Anfragen von diversen Formaten gehabt (lacht). “Forsthaus Rampensau” könnte ich mir gut vorstellen, aber nur, wenn ich ein eigenes Schlafzimmer habe. Und wenn ich der Gamemaster sein kann. Wenn ich gefangen bin zwischen den Streitereien und den angesoffenen Leuten, die um mich herum schnarchen, dann vergeht’s mir. Ein guter Schlaf ist mir unglaublich wichtig, und ich habe auch meine Routinen – bei mir müssen sehr viele Abläufe immer gleich sein. Wenn’s dann mal nicht so läuft, wie ich es brauche, würde ich mir vermutlich die Kugel geben oder man könnte mich einliefern (lacht). “Paradise Island” hat auch schon bei mir angeklopft. Aber in Badehose herumzulaufen und Mädchen aufzureißen, das kann ich mir nun so gar nicht vorstellen.
Cool wäre hingegen eine Reality-Show, wo strange Leute zusammenkommen und man entweder gemeinsam Musik oder Kunst macht, und am Ende gibt’s dann ein Konzert oder eine Ausstellung. Ein positiver und nachhaltiger outcome wäre mir wichtig, einer, der nicht plakativ mit Geld rewarded ist. Bei klassischem Reality-TV geht’s ja immer um Schadenfreude, das schaut man nur, weil man drauf wartet, dass irgendein Drama passiert. Das finde ich voll falsch, das ist ein psychologischer Schaden.
Meine bildnerische und fotografische Kunst mache ich zum Ausgleich, und auch, um immer wieder neue Kreativität zu schöpfen und um nicht in den Trott des blinden Musikers zu verfallen. Das möchte ich vorerst noch für mich bewahren. Ich habe aber jetzt angefangen, Reels für Insta zu machen, wo man auch meine Bilder sieht und durchaus Lust, sie zu präsentieren: Aber wenn, dann will ich das gescheit aufziehen, und nicht nur meine Bilder, sondern auch meine Skulpturen der Öffentlichkeit zeigen. Aber dazu brauche ich erst einmal einen roten Faden. Vielleicht ist das dann ein Projekt für nächstes Jahr, wenn dann meine Platte draußen ist?
Ich tu mir auf Tour generell schwer, weil ich einige Bedürfnisse habe: Ich mache Yoga und Sport, ich muss Atemübungen machen, mich dehnen – und ich muss mich immer wieder erden. Ich habe an schlechten Tagen sogar Probleme, in den Supermarkt zu gehen, weil es mir da zu laut ist und ich das Gefühl habe, dass es ständig in den Ohren dröhnt. Auf Tour versuche ich, nach dem Gig möglichst schnell ins Hotel zu verschwinden, schlafen zu gehen und mit mir selbst klarzukommen. Ich habe es manchmal nicht so leicht mit mir, in meinem eigenen Wesen. Lange Zeit bin ich mit mir selbst nicht gut umgegangen, aber jetzt versuche ich, das zu drehen. Auch vor dem Gig brauche ich meine Ruhephasen, da will ich mit niemandem Smalltalk führen. Aber natürlich gibt es gute und schlechtere Tage, Tage, wo es mir leichter oder schwerer fällt.
Nein, auf der Bühne zu sein liebe ich, ich liebe es, Shows zu spielen. Nur das Drumherum stört mich, wenn ich aber einen Rückzugsort, wo ich mich abschotten kann, habe, dann geht das schon. Aber: Das alles ist eben Rock’n’Roll (lacht).
Gute Frage, darüber habe ich tatsächlich noch gar nicht so viel nachgedacht. Die beiden Singles direkt nach dem Vorentscheid, “Adrenalin” und “Kugelsicher”, hatte ich schon in petto und gleich veröffentlicht, bevor sie wieder in meiner Schublade verschwinden – was bei mir immer passieren kann, weil ich immer weiterarbeite (lacht). Dann kam “Kein Talent” aus der Motivation heraus, weil mir zu Ohren getragen wurde, dass man meint, dass ich ja “nur” singe und sonst nichts zu meiner Musik beitrage. Das hat mich irrsinnig aufgeregt.
“100x” ist dann recht schnell passiert, ich habe das ganz bewusst roh gelassen, mit lauten Gitarren, weil ich den Disco-Scheiß hinter mir lassen will und mich gerade selbst an einem Punkt befinde, wo Musik auch weh tun darf. Aber natürlich habe ich als Künstler immer wieder das Gefühl, dass ich hochfliege – und dann abstürze. Ich kratze immer wieder an der Kante vom Durchbruch, und ich habe früher tatsächlich danach gejagt, nach Hits, Hits, Hits. Jetzt mache ich einfach Musik – ganz gleich, wie das ankommt. Am Ende des Tages mache ich Musik, weil es mir selbst sonst nicht gut geht, weil ich sonst depressiv werde.
Definitiv nicht. Wobei ich schon sagen muss: Ich finde “Unsterblich” ist eine coole Nummer und der ORF hatte kein Problem damit, dass ich auch Ecken und Kanten zeige. Natürlich war ich das “schwarze Schaf” in der Bubble, aber es hat sich okay für mich angefühlt. Andererseits ist mir durchaus klar, was ich ändern hätte müssen, um aus der Nummer eine zu machen, die wirklich zum ESC passt: Da wäre ich dann nicht mit Band auf der Bühne gestanden, sondern mit drei Nonnen, die eine Choreografie tanzen, damit das wie ein Musical wirkt. Aber das bin nicht ich.
Es ist ein Prozess. Künstler zu sein, das ist für mich ein stetiger Diskurs mit sich selbst. Als Künstler steht man sich selbst eher pessimistisch gegenüber, hadert mit sich selbst. Man versteht sich auch nicht zu hundert Prozent, aber durch die Kunst wächst man. Wenn man mir sagt, ich soll doch wieder eine Nummer wie “1010” schreiben, mich also selbst wiederholen, dann denke ich mir: “Fuck, no.” Ich will mich nicht prostituieren. Sicherlich gibt es einen klitzekleinen Prozentanteil in mir, wo man sich wünscht, dass meine Musik mehr Leute abfeiern. Aber dafür will ich keinen Rückschritt in meiner eigenen Discografie machen.
Genau. Eine Copycat von mir selbst will ich nicht sein. Es gibt natürlich Acts, die hundertmal den gleichen Song veröffentlichen – und ihr Publikum schluckt es. Ich befinde mich aber gerade auf einem Selbstfindungstrip, in mir drin schreit es zum Beispiel grad ständig nach Nine Inch Nails. Aber ich weiß, dass es keiner checken würde, wenn ich jetzt auf Avantgarde aus den Neunzigern mache. Ich frage mich, ob es irgendwo diesen Cut gibt, wo sich mein Anspruch und eine gewisse Breitenwirksamkeit auch vereinen lässt.
Beide Wege sind richtig, es gibt kein falsch. Meinen Weg habe ich noch nicht ganz herausgefunden. Ich weiß nur: Mittlerweile beschämt mich mein “Kaiser von Österreich” (lacht). Zwanzig Songs später kann ich mich damit überhaupt nicht mehr identifizieren.
Vielleicht. Mein Ansatz jetzt ist jedenfalls: Ja nicht die Gitarren verstecken! Die müssen laut sein.
Ich glaube, ein Publikum lebt von Energie. Wenn ich und meine Band die nicht delivern kann, dann wäre das wertlos. Bevor ich ohne Liebe “Kaiser von Österreich” spiele, dann lieber Hände weg davon.
Ich glaube, die Musik, die Malerei, die Fotografie, die Poesie reflektiert meinen Ist-Zustand, unterbewusst und so weit drinnen, wo ich gar nicht selbst darauf zugreifen kann. Das ist gewissermaßen eine Psychotherapie. Aber: Je mehr Schläge ich ins Gesicht bekomme, desto mehr kann ich wachsen und reflektieren. Erfolg hat mich noch nie besser werden lassen, im Gegenteil. Es ist immer das Scheitern, das mich aus meiner Komfortzone herauslockt.
Ich hoffe. Ich wünsche es mir, aber ich weiß es nicht.
Wir werden so hart, so laut und so erbarmungslos spielen, wie es nur irgendwie geht!
Beim Album stehe ich noch auf null, keine der letzten Singles wird am Album zu hören sein – das wird ein kompletter Neustart. Darauf möchte ich dann einiges aufarbeiten, mich gewissen Themen künstlerisch wie auch menschlich stellen. Vielleicht lege ich dann auch meine Sonnenbrille ab: Das war jetzt drei Jahre lang stringent mein Markenzeichen, das ich durchgezogen habe. Aber nein, das Album wird nicht mein “sad boy summer” (lacht).
Eine Brille ist vielleicht eine kleine Maske, ja. Das hat viel mit meiner eigenen Selbstwahrnehmung zu tun. So blöd das klingt, ich gefalle mir mit Brille selbst besser. Es gibt Tage, Wochen, Monate, wo ich mein Spiegelbild anders wahrnehme, als ich tatsächlich bin. Die Brille ist ein Stück weit Branding, und ich stehe jetzt vor der Fragestellung: Schaffe ich es, so sehr mit mir im Reinen zu sein, dass ich sie nicht mehr brauche? Das mit mir selbst auszumachen, da bin ich gerade dabei.
“Alles wird gut.”