Foto: Kiepenheuer & Witsch
Das Jahresende: Die Tageszeitungen überschlagen sich mit Jahresrückblicken, erzählen uns über mehrere Seiten hinweg, welche Personen das aktuelle Jahr – in positiver wie negativer Sicht – geprägt haben, welche Krisen auf uns einprasselten und welche großen Köpfe von uns gegangen sind. Spotify kredenzt eine Rückschau über das in den vergangenen Monaten Gehörte, mannigfaltig aufbereitet. Musik-Aficionados durchblättern ihre Plattenschränke und teilen auf Social Media ihre „Alben des Jahres“, so wie es auch zahlreiche Musikmagazine mit von der Redaktion oder den Lesern kuratierten Listen tun, listen eventuell auch die „Konzerte des Jahres“ auf, musikalische Momente, die so richtig intensiv waren.
Besonders Ambitionierte haben bereits vor Jahreswechsel ihr Kalendarium für 2023 zurechtgelegt, mit den ersten Konzert-Highlights des Neuen Jahres – so freilich auch der Autor dieser Zeilen, der etwa den Konzerten von Shortparis im WUK, der Jim-Jarmusch-Band Sqürl in Kopenhagen, Weyes Blood in Brüssel, Henry Rollins im Gartenbau Kino oder auch Weird Al Yankovic im Gasometer harrt, um nur wenige frühe Glanzmomente zu nennen. Andere wiederum greifen dankend auf die Listen zahlreicher Zeitungen zurück, die verraten, welche Fenstertage mit möglichst wenig zu verbrauchenden Urlaubstagen möglichst viel Urlaub versprechen und reichen bei der Personalabteilung rasch, nur rasch ihre Abwesenheiten ein – möglichst vor der Kollegschaft.
Und schließlich: Der große Bang! Silvester, der Jahreswechsel ist da – endlich wieder ein Grund, um sich nur noch einmal im alten Jahr hemmungslos von den lukullischen Genüssen treiben zu lassen, da werden unter dem hellen Schein von Feuerwerken Austern geschlürft, Schweinsrüssel aufgeschnitten, Sektkorken geknallt. Dann ist er da, der 1. Jänner, auf den man so lange gegiert hat, in der Hoffnung, im Neuen Jahr werde alles anders – man lebt selbst gesünder, besser und die Widrigkeiten nehmen endlich ab, Krankheiten lösen sich in Luft auf, die politische Führung wandelt sich plötzlich in hehre Leitbilder, Geld, Liebe, Glück. Die Erfahrung zeigt: Wenn am 31. Dezember die Uhr Mitternacht schlägt und die Jahreszahl um ein Stück voranrückt, ändert sich selten Weltbewegendes, das neue Jahr startet, wie das alte angefangen hat – nicht immer ist man seines eigenen Glückes – oder Pechs – Schmied. Da tut es gut, wenn diese gewohnte, aber doch stets überraschende Ernüchterung einsetzt, dass man sich für jeden Tag im neuen Jahr zumindest einen kleinen Lichtblick vorbereitet, einen, der nicht bereits bei Weckerläuten Trübsal blasen lässt.
So einen Lichtblick kredenzt die 75-jährige Punk-Ikone Patti Smith mit ihrem neuesten Werk „Buch der Tage“, schnörkellos betitelt, aber mit bildgewaltigem Inhalt. Smith, geboren 1946 in Chicago, ist eigentlich ein Kind des haptischen, analogen Zeitalters: Ihre erste Poesie veröffentlichte sie in Zeitschriften wie Rock und Cream, nicht auf Wordpress-Blogs. Ihre erste eigene Platte „Horses“ erschien 1975 auf Vinyl, und wurde – noch ohne Spotify-Listen – zum bahnbrechenden Erfolg, wenngleich ihr Schritt in die Welt der Musik ein zufälliger war: Zuvor verfasste sie Texte für etwa Blue Öyster Cult und verstand auch ihren Gesang in erster Linie als Möglichkeit, ihre Gedichte vorzutragen – bis heute sieht sie sich zuvörderst als Lyrikerin und schreibt täglich diszipliniert.
2018 postete Smith, die eigentlich altersadäquat dafür bekannt ist, mit einer alten Polaroidkamera zu fotografieren, ihr erstes Foto auf Instagram: Sie begann nun, Handyfotos von ihren Kindern, einem schlichten Heizkörper, ihren Stiefeln oder von ihrer Abessinierkatze Cairo zu posten. Ihre Fans fühlten sich sofort angesprochen von diesen Miniaturfenstern in Pattis Welt – freilich mag dies nicht verwundern, umweht sie wie etwa auch die Zeitbegleiter Iggy Pop, David Bowie oder Nick Cave ein Hauch des Kultischen, den ihre Jünger nur zu gern gierig aufschnappen. Zu Jahresende 2022 folgen @thisispattismith 1,1 Millionen Menschen aus aller Herren Länder und tauchen über 1.763 Beiträge ein in eine unikale Bildästhetik, die Smiths Obsessionen, Leben, aber auch Launen dokumentieren. Nun erscheint im renommierten Kiepenheuer & Witsch Verlag – der neben der überaus empfehlenswerten „Musikbibliothek“ etwa auch die deutschen Ausgaben von „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ (ein umfangreiches Gespräch zwischen Nick Cave und Seán O’Hagan), „Bowies Bücher“, Leonard Cohens Vermächtnis „Die Flamme“ und Neil Youngs „Hippe-Traum“ etwa auch Gorkows „Die Kinder hören Pink Floyd“ und Bolz‘ „Nullerjahre“ kredenzte – mit „Buch der Tage“ gewissermaßen die haptische Übersetzung ihres Instagram-Auftritts.
Für jeden Tag des Jahres – Schaltjahre mitbedacht! – findet man hier Fotos, die Patti Smith zusammengetragen, geschenkt bekommen und vor allem auch selbst gemacht hat. Bisweilen launige, manchmal sachliche, immer aber poetisch-leidenschaftliche Kurztexte begleiten die Bilder. Sie durchmessen Smiths künstlerisches und aktivistisches Universum, bieten jedoch auch alltäglichen Kleinigkeiten den Platz – wie es etwa Gerhard Stöger auf den Punkt bringt. Ohne allzu viele Spoiler zu verraten: Wir begegnen in Tokio Ultraman, gratulieren Kurt Cobain und Franz Kafka zum Geburtstag, träumen im Pariser Hotel Pavillon de la Reine unter einem originalgetreuen Faksimile von Rimbaud, erinnern uns an das rauchige Chaos von 9/11, wenn Patti den Freedom Tower in eine Wolkendecke stoßen lässt, oder sehen „kosmische Abfälle“ im kalifornischen Big Sur.
Gelungen ist Smith ein zeitloses Porträt – und um ihre Unterschrift vom 23. Dezember, an dem ein Bild von den Ruinen Hadrians umfangreicher Bibliothek gezeigt wird, weiterzuspinnen: Wie wunderbar die Welten, die wir durch die Bilder anderer betreten.
Patti Smiths "Buch der Tage" ist in der deutschen Übersetzung bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.
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