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Kabarett & Comedy

Sascha Grammel: Master of Puppets

19.12.2023 von Hannes Kropik

Sascha Grammel war ein erfolgreicher Zauberkünstler (im Trio DIE ZAUdERER) – bis er in einem Geschäft für Jonglierbedarf zufällig ein Buch über die Kunst des Bauchredens fand und sich diese uralte Kulturtechnik spaßhalber selbst beibrachte. Mittlerweile gilt der 49-jährige Berliner als einer der bekanntesten Bauchredner im deutschsprachigen Raum. 2024 gastiert er mit seinen beliebten Handpuppen wie der kindlich-naiven Schildkröte Josie und dem kratzbürstigen Adlerfasan Fredric Freiherr von Furchensumpf mit seinem neuen Programm „Wünsch dir was“ in Österreich.

In der Doppel-Conference ziehst du den liebevollen Spott deiner Puppen auf dich. Wieviel Selbstvertrauen muss man als Künstler haben, um so selbstironisch agieren zu können?

Abgesehen davon, dass es an sich ja schon seltsam ist, wenn man auf der Bühne eigentlich Selbstgespräche führt: Ich mag Menschen, die sich selbst nicht allzu wichtig nehmen. Menschen, die in sich selbst angekommen sind und vielleicht durch ihre Leistung oder ihr Charisma brillieren, aber nicht auf ihrem Erfolg oder Status herumreiten. Außerdem ist es aus dramaturgischen Gründen unbedingt notwendig, dass irgendwer durch den Kakao gezogen wird.

Warum?

Weil Comedy erst durch Konflikte, durch unterschiedliche Sichtweisen entsteht. Meine grundlegende Philosophie ist aber, dass ich niemandem weh tun möchte. Und wenn der Zuschauer in der ersten Reihe nicht der Leidtragende sein darf und keine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens zur Zielscheibe des Spotts werden soll, dann bleibt nur noch einer übrig – und das bin ich. Aber mir macht diese Rolle viel Freude.

Auffallend ist: Du verzichtest in deinen Programmen auf politische oder sozialkritische Aussagen.

Privat bin ich ein politischer Mensch mit klarer Meinung und Haltung. Und ich liebe das Kabarett. Aber wenn ich an so einem Abend über den dargestellten Zustand der Welt reflektiere, dann bleibt mir das Lachen eigentlich im Hals stecken. Mit meinen Shows möchte ich den Leuten einen lustigen Abend bereiten und zwei Stunden Auszeit von der Realität schenken. Und mir selbst auch.

Du gehst jetzt mit deinem neuen Programm „Wünsch dir was“ auf Tournee – worauf dürfen wir uns freuen?

Auf skurrile Albernheiten, lustige Dialoge und ein bisschen Zauberei. Josie, meine Schildkröte, verkleidet sich diesmal als Marienkäfer und erklärt uns aus ihrer liebenswerten und vielleicht ein bisschen naiven Sicht, was Glück wirklich bedeutet. Und mit Frederic, der sich diesmal als Schotte präsentiert und uns über die wahre Bedeutung des „Dudelsackens“ belehrt, werde ich wieder in freundschaftlichen Streit geraten und dann mit ihm gemeinsam in Therapie gehen. Zu viel möchte ich nicht verraten – aber meine Nasenhaare werden auch eine gewisse Rolle spielen …

Deine Puppen sind bei den Fans oft sogar beliebter als du selbst. Bist du manchmal ein bisschen eifersüchtig?

Im Gegenteil! Ich brauche bei jeder Puppe etwa drei Jahre, bis ich ihre Stimme finde und ihren Charakter entwickle. Wenn dann eine relativ neue Figur wie Professor Hacke, der gewisse Anleihen bei meinem großen Bruder Oliver, einem Biochemiker, nimmt, eine eigene Fangemeinde aufbaut, dann freut mich das. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein sprechender Burger so populär ist.

Was ist für dich als Bauchredner und Puppenspieler die größte Herausforderung?

Ich muss mich auf der Bühne immer wieder ermahnen, auf eine saubere Technik des Bauchredens zu achten: Dass ich die Lippen beim Sprechen nicht bewege ist der Grundpfeiler meiner Illusion. Eine durchgehende Herausforderung ist die Mechanik der Puppen – die teilweise wirkliche Meisterwerke sind. Achim Spironsik, mein neues Känguru, hat im Inneren fünf Hebel mit jeweils zwei Funktionen, weil ich mir gewünscht habe, dass er die Lippen, den Mund und die Augenbrauen bewegen und sogar schielen kann. Was ich dabei nicht bedacht habe: Die Aufgabe ist für mich so komplex wie Trompetenspielen. Und über all dem steht noch, dass ich ja allein auf der Bühne bin und mir den ganzen Text merken muss …

In einem früheren Programm sagte Frederic frech zu dir: „Du hast nicht nur ein Problem, du hast viele Probleme. Du bist 45 und spielst noch mit Puppen.“ Jetzt wirst du im Februar bereits 50 und spielst immer noch mit Puppen. Hast du je daran gedacht, erwachsen zu werden und dir einen „richtigen“ Beruf zu suchen?

Ganz ehrlich: nein! Ich habe eine sehr enge Beziehung zu meinen Figuren und behandle sie auf der Bühne wie echte Menschen. Für mich ist das keine Arbeit, sondern eine echte Leidenschaft.

Technische Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz machen vor der Unterhaltungsindustrie nicht halt. Hast du Angst, dass auch du als Bauchredner von einer Computeranimation ersetzt werden könntest?

Unsere Welt entwickelt sich weiter und durch diese neuen Techniken entstehen viele ungeahnte Möglichkeiten. Was Computerprogramme aber – zumindest jetzt noch nicht – in annähernd gleicher Qualität reproduzieren können, sind diese ganz besonderen Live-Momente. Wenn ein vorwitziger Zuschauer etwas in den Saal hineinruft und ich in der Rolle meiner Puppe reagiere, dann ist das unschlagbar. Ich glaube, dass die Menschen das verstehen und noch lange Zeit Freude an dieser Form von Spontanität und Kreativität haben.

Sascha Grammel: live

Sascha Grammels „Wünsch dir was“ gastiert zwischen Februar und Juli in Bregenz, Linz, Wien, Wiener Neustadt und Graz. Tickets gibt es bei oeticket.

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