Bild: Michael Palm
Serdar Somuncu, 55, erregte mit seiner szenischen Lesung aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ Mitte der Neunziger-Jahre erstmals die Gemüter. Auch in seinen weiteren Programmen setzte sich der GröHaZ, der „Größte Hassias aller Zeiten“ intensiv mit Themen wie Alltagsfaschismus und Hass auseinander. Sein aktuelles Programm „Das Vierte Reich“ schließt nicht nur einen großen Erzählbogen ab, es ist gleichzeitig das Ende seiner Karriere als Kabarettist, Podcaster und Radiomoderator.
Ich genieße die Zeit mit einer Mischung aus Vorfreude und Erleichterung. Ich freue mich auf die letzten Auftritte – ich freue mich aber auch, dass es danach vorbei ist.
Ich habe das Gefühl, genug gesagt zu haben. Ich möchte nichts mehr kommentieren, weder privat noch als Künstler. Deshalb beende ich auch all meine Podcasts. Ich habe gemerkt, dass ich mich inhaltlich wiederhole – und vor allem, dass es überhaupt nichts bringt, wenn ich etwas sage. Ich erlebe, dass mich die Leute, die mich missverstehen wollen, mich immer missverstehen werden. Und zwar unabhängig von dem, was ich sage oder tue.
Auf jeden Fall! In den vergangenen Jahren hat sich alles geändert. Es ist nicht mehr möglich, auf die Bühne zu gehen, ohne hinterher angegriffen zu werden. Als Sprachkünstler brauchst du das freie Wort aber, um schlagkräftig agieren zu können. Diese Entwicklung ist für viele Kolleginnen und Kollegen existenzbedrohend. Es geht nämlich nicht mehr darum, jemanden zu kritisieren – und schon gar nicht, sachlich und fundiert zu kritisieren. Sie wollen einen förmlich vernichten. Wenn du alle drei, vier Wochen im Mittelpunkt eines neuen Shitstorms stehst, wird es quälend und hinterlässt Spuren an dir – auch, wenn du diese „Kritik“ nicht an dich herankommen lassen willst.
Müssen wir wirklich wieder ganz von vorne anfangen und erklären, dass der Typ, der im „Tatort“ einen Mörder spielt, im wirklichen Leben kein Mörder ist? Ich sehe das so: Wenn der Künstler auf der Bühne steht, ist er schon von der Privatperson getrennt. Es gibt aber kein Gesetz, wie sich Künstler als Künstler zu benehmen haben. Dieser Versuch, Kunst zu reglementieren, hat etwas Ur-Diktatorisches.
Die Lesung aus Hitlers „Mein Kampf“ war 1996 die Initialzündung meiner kabarettistischen Arbeit. Die Programme danach waren inhaltlich nicht zuletzt über die generelle Frage verbunden, wie Propaganda heute funktioniert. Mit meinem letzten Programm, das am liturgischen Kalender angelehnt ist, schließt sich nun ein großer Erzählbogen: Meine Figur, der Hassias, kehrt zu Pfingsten als Heiliger Geist, also als körperloses Wesen, zurück. Weißt du übrigens, wer mich zu dieser Idee inspiriert hat?
Aktuell sind ja sehr viele „Seelenheiler“ im Umlauf, diese selbsternannten Gurus, die „Heilung“ versprechen. Besonders fasziniert mich Braco, der Mann mit dem „heilenden Blick“. Und dann gibt es einen Typen hier in Deutschland, der bietet Seelenheilung per Telekinese an; sein Standardpaket kostet 500 Euro und dafür schickt er dir einmal seine Energie, ohne, dass irgendetwas sichtbar oder greifbar wäre. Zahlbar mit allen gängigen Kreditkarten. Das große Paket kostet – und das ist kein Witz – 1,5 Millionen Euro. Dafür schickt er dir lebenslang per Telekinese jede Nacht um drei Uhr sein Energiepaket …
Es ist eine brillante Idee. Aber im Ernst: Ich weiß noch nicht, was ich machen möchte. Ich werde mich ein bisschen treiben lassen und schauen, was auf mich zukommt. Ich bin 55 und habe diesen Job jetzt mehr als 30 Jahre gemacht. Wenn alles gut läuft, habe ich vielleicht noch 30 Jahre vor mir und in dieser Zeit möchte ich mich auf etwas anderes konzentrieren als die Sprachkunst.
Im Grunde war alles scheiße. Das Einzige, was es gebracht hat, war: Ich konnte meine Theaterarbeit dadurch verkleiden und verkaufen, ich konnte meine Musik damit finanzieren und all die anderen Dinge ermöglichen, die mir wichtig waren. Kabarett ist für mich aber keine wirkliche Kunst. Kabarettisten sind einfach nur Menschen, die es nicht geschafft haben, auf eine Schauspielschule zu gehen. Ich selbst habe mich nie als Kabarettist gesehen, sondern als Schauspieler, der kabarettistisch gearbeitet hat. Das Schlimmste war die Anstrengung, immer alles kommentieren zu müssen. Und dieser ewige Konkurrenzkampf um die Aufmerksamkeit und dieser Geltungsdrang! Und ganz schlimm sind auch die Kollegen: Mit 90 Prozent dieser Leute willst du privat nichts zu tun haben. Die Momente auf der Bühne und die echten Begegnungen mit meinem Publikum waren jedoch das Allerschönste!
Serdar Somuncu gibt seine letzten Österreich-Termine am 3. November in der Kürnberghalle, am 4. im Globe Wien und am 5. im Grazer Orpheum. Tickets gibt es bei oeticket.