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Sucht & Süchtig: eine hochemotionale Gruppentherapie

30.04.2024 von Hannes Kropik

In ihrem preisgekrönten Podcast „Sucht & süchtig“ sprechen Hagen Decker und John Cook ohne Tabus über ihre Suchterkrankung und den harten Weg zurück in ein sauberes Leben. „Mensch sucht Gefühle“, das Live-Programm der beiden Berliner, wird zur hochemotionalen Gruppentherapie.

Hagen Decker, 41, zählte zur Elite der deutschen Werbe- und Musikvideo-Regisseure. Er drehte unter anderem Tim Bendzkos „Nur noch kurz die Welt retten“, aber auch Clips von Madsen, Jennifer Rostock und Juli („Süchtig“). Nach 15 Jahren Kokain-Abhängigkeit lernte er in einem Therapiezentrum den ebenfalls suchtkranken John Cook, 34, kennen. Aus der Zufallsbekanntschaft entstand eine enge Freundschaft – und ein außergewöhnlicher Podcast; 2023 wurde „Sucht & Süchtig“ als beste Independent-Produktion mit dem Deutschen Podcast-Preis ausgezeichnet. Am 26. Mai gastieren die beiden Berliner mit ihrem Live-Programm „Mensch sucht Gefühle“ live in der Wiener ((szene)).

Hagen, wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Podcast über eure Suchterkrankung zu produzieren?

Wenn man sich in eine Suchthilfeeinrichtung begibt, ist man am Tiefpunkt seines Lebens angekommen. John und ich haben uns ein Zimmer geteilt und uns von der ersten Minute genau so offen und ehrlich unterhalten, wie wir es jetzt am Mikrofon tun. Am dritten Tag hatte ich die Idee zu diesem Podcast, John war sofort dabei.

Eure wöchentlichen „Sucht & Süchtig“-Folgen wurden seit 2022 mehr als zwei Millionen Mal gestreamt. Überrascht dich das Interesse?

Von Anfang wollten wir nichts anderes, als Süchtigen helfen. Wir wären überglücklich gewesen, wenn ein einziger Mensch sein Leben geändert hätte. Aus den Rückmeldungen unserer Follower wissen wir aber, dass mittlerweile weit mehr als tausend Leute unseretwegen in Therapie gegangen sind. Der große Zuspruch macht uns stolz. Aber gleichzeitig auch sehr traurig.

Warum?

Es zeigt, wie weit verbreitet das Problem ist. Wir wissen, dass uns nicht nur Süchtige selbst zuhören, sondern oft auch deren Angehörige, die ja genauso betroffen sind. Mir wäre es lieber, wir hätten gar keine Zuhörerinnen und Zuhörer, denn das würde heißen, dass niemand suchtkrank wäre. Die Fakten sind andere: Drogen – und da gerade Kokain – sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Aber was wir medial wahrnehmen, ist ein Bild absoluter Verharmlosung. Tatsache ist: Von vielen Substanzen kannst du schon bei einmaligem Konsum sterben. Und, wie meine Therapeutin sagt: Sucht führt zum Tod. Wenn du keine Therapie machst und clean wirst, stirbst du früher oder später an den Drogen.

Dass euch so viele Leute zuhören, rückt euch in die Rolle von Vorbildern. Bedeutet diese Verantwortung nicht auch großen Druck?

Ja, und deshalb müssen wir uns abgrenzen: Wir können nur erzählen, was wir selbst erlebt haben. Wie viel Scheiße wir gebaut, wie wir gelogen und betrogen haben – und wie es uns heute mit der Scham über dieses Verhalten geht. Aber wir sind nicht dafür verantwortlich, was andere Menschen tun. Uns selbst hilft die Aufmerksamkeit aber, clean zu bleiben. Denn wir haben wieder eine Aufgabe im Leben: Wir zeigen anderen Suchtkranken, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, sondern Hilfe finden können.

Du sprichst – zu Recht – von der Sucht als Krankheit.

Das Thema muss gesellschaftlich enttabuisiert und entstigmatisiert werden: Sucht hat nichts mit Willensschwäche zu tun, sie ist eine irreversible, chronische Krankheit. In vielen Momenten schaltet die Sucht in deinem Hirn alle moralischen Richtsysteme aus und übernimmt das Kommando. Das ist aber keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung und natürlich musst du trotzdem die Verantwortung übernehmen für all den Mist, den du gemacht hast. Aber umso wichtiger ist die Therapie: Hol dir dein Leben, hol dir deine Menschlichkeit zurück!

Eure Erzählungen sind so eindringlich, weil ihr genau wisst, wovon ihr sprecht. Ihr wart beide 15 Jahre lang kokainsüchtig, habt beide schon Rückfälle erlitten und seid jetzt seit zwei Jahren clean.

Und wir verallgemeinern nicht, sondern sprechen immer nur über uns und unsere eigenen Erfahrungen, unsere Probleme, unsere Gefühle. Und wir beantworten alle Fragen, die uns per Mail oder über Instagram gestellt werden, selbst. Aber, und das ist ganz wichtig: Wir sind keine Experten, wir sind keine Suchtberater. Wir sind Betroffene, die der Suchtkrankheit eine Stimme geben. Beziehungsweise bei unseren Live-Auftritten auch ein Gesicht.

Ihr habt bisher gut 100 Stunden an Podcasts aufgenommen, das Thema „Sucht“ ist also ebenso umfassend wie tiefgreifend. Wie könnt ihr das in eine zweistündigen Live-Show verpacken?

Das Programm steht unter dem Motto „Mensch sucht Gefühle“. Das ist natürlich ein Wortspiel, denn es geht bei der Sucht nicht zuletzt um die Suche nach Gefühlen. Es geht um Angst, um Freude, um Selbstwert. Drogen nimmt man in erster Linie, um Gefühle zu verstärken oder um Gefühle zu eliminieren. Im ersten Teil der Show erzählen wir von unseren eigenen Gefühlen, nach der Pause gehe ich mit dem Mikro durchs Publikum, und wir sprechen mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Das wird sehr emotional, denn wir wissen, dass sich viele Menschen zum ersten Mal öffentlich eingestehen werden, dass sie ein Problem mit gewissen Substanzen haben.

In einer Podcast-Folge erzählt ihr, dass ihr die Gala des Deutschen Podcast-Preises rasch verlassen musstet, weil auf den Toiletten so viele Spuren von Kokain waren. Wie stellt ihr sicher, dass ihr auf Tour nicht in Versuchung geratet, rückfällig zu werden?

Wir bitten die lokalen Veranstalter, keinen Alkohol in unsere Garderobe zu stellen. Und weil wir unsere Show als Suchtgiftpräventionsveranstaltung im Geiste einer Selbsthilfegruppe verstehen, ersuchen wir darum, dass es in unserer Nähe auch keine anderen Drogen gibt. Vom legendären „Sex, Drugs & Rock’n’Roll“-Lifestyle sind wir also ziemlich weit entfernt. Aber wir sind auf dem richtigen Weg zu echten Gefühlen und dem wirklichen Leben.

Sucht & Süchtig: live

Sucht & Süchtig gastieren mit „Mensch sucht Gefühle” am 26. Mai in der ((szene)). Tickets gibt es bei oeticket.

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