Bild: Sumner Dilworth
Fünf Jahre haben TV On The Radio pausiert, nun feiert die vielleicht beste Art Rock-Band der frühen Nullerjahre gleich doppeltes Comeback: Das 20-jährige Jubiläum ihres Debütalbums “Desperate Youth, Bloodthirsty Babes” wird im Juni auch in der Raiffeisen Halle im Gasometer zelebriert, zudem veröffentlicht Sänger Tunde Adebimpe bereits am 18. April sein Debüt-Solo “Thee Black Boltz” - ein flirrendes, äußerst persönliches Werk zwischen Dystopie und Hoffnung.
Art Rock aus den frühen Nullerjahren – das war eine Phase, in der sich Indie-Rock mit Experimentierfreude, elektronischen Texturen, Soul-Einflüssen und einem gewissen intellektuellen Anspruch verband. Wir denken da etwa an die progressiv-psychedelischen The Mars Volta, an die mit kühler Dringlichkeit aufgeladene Tanzbarkeit von Bloc Party oder auch an den kunstvollen Garage Rock der Yeah Yeah Yeahs mit Stilikone Karen O. Und nicht zuletzt denken wir da auch an TV On The Radio aus Brooklyn, New York - unter den benannten Bands die vielleicht kühnsten, artifiziellsten. Es sind dies allesamt Bands, die nicht nur die Lieblinge der Popintellektuellen waren und bis heute sind, sondern mit ihren experimentellen, dabei aber nicht zu verkopften Klangwelten auch die breite Masse in Verzückung zu bringen verstehen - und ohne die es Bands wie Algiers, Young Fathers, Squid oder Black Country, New Road heute in der Form, mit ihrem radikalen, dabei aber einnehmenden Genreverständnis, so nicht geben könnte.
Die 2001 gegründeten TV On The Radio haben seit ihrem Debüt “Desperate Youth, Bloodthirsty Babes” (2004) vier Alben veröffentlicht, zuletzt “Seeds” 2014. Dabei haben sie stets das Geschick bewiesen, ihren Sound über die Jahre hinweg zu entwickeln, frisch zu bleiben, sich gleichermaßen aber auch treu zu bleiben - sie waren auf jedem ihrer Alben sehr gut darin, intellektuelle Musik körperlich klingen zu lassen, und umgekehrt.
Mit ihrem allweil tanzbaren, mal lauterem, mal leiserem Potpourri aus einem Stück Ami-Rock, einem Tupfer Elektronik, ein paar Jazz-Fäden, einem Klecks Hip-Hop und eine Prise Punk waren sie schon immer schwer in nur eine Schublade zu stecken, sondern umspannen ein Publikum, das sich trotz divergierender Zugänge im Hirn, Herzen und der Hüfte im rhythmisch Fluiden eint. TV On The Radio klingen gleichzeitig sperrig, aber doch einnehmend; der durchdringende, an einen in Verzückung geratenen Peter Gabriel gemahnende Gesang verleiht ihnen zusätzliche Dringlichkeit. Es ist insbesondere die Kombination aus dem flauschigen, dabei aber voluminösen Gesang von Tunde Adebimpe und dem lauten Gitarrengeschrammel, den euphorisierenden Rhythmen und den phänomenalen Avantgarde-Anleihen, die sie so einzigartig macht - so einzigartig, dass sich sogar David Bowie als glühender Fan der Band outete und für den Song “Province” auf dem 2006er-Album “Return to Cookie Mountain” seine Stimme lieh.
Geprägt hat diesen Sound vorwiegend David Sitek, der in der Band das Keyboard bedient, aber sich auch als Produzent der Yeah Yeah Yeahs einen Namen gemacht hat. Und auch Hollywood-Star Scarlett Johannson nahm ihr Debütalbum “Anywhere I Lay My Head”, auf dem sie Tom Waits covert, mit ihm auf. Sein Geschick ist es, stets juveniler Soundforscher geblieben zu sein: Unentwegt sorgen kleine Entfremdungseffekte für Spannung, jede Millisekunde ist kalkuliert, wirkt dabei aber nicht gekünstelt, sondern lebendig.
Während TV On The Radio nach fünfjähriger Pause zum 20-jährigen Jubiläum ihres Einstandes “Desperate Youth, Bloodthirsty Babes” nun ihre Rückkehr auf die Konzertbühnen feiern, wird jedoch Sitek live nicht dabei sein - auch nicht am 25. Juni bei ihrem Gastspiel in der Raiffeisen Halle im Gasometer. Ein Wermutstropfen, der vielleicht mit einem Gustostückerl abgefedert werden kann: Denn möglicherweise schwelgen wir nicht nur im Œuvre von TV On The Radio, sondern kommen auch in den Hochgenuss, das eine oder andere Lied von Sänger Adebimpes erster Soloplatte “Thee Black Boltz”, die bereits am 18. April erscheint, zu hören.
“Thee Black Boltz” entstand während der Pause von TV On The Radio, als Resultat eines Notizbuches mit Wörtern, Illustrationen und Gedanken, das Adebimpe als “Mixtape der Emotionen, eine Art Gefühlskarte” bezeichnet - klanglich unterstützt von Multiinstrumentalist Wilder Zoby (Run The Jewels). “Thee Black Boltz” ist kein TV On The Radio-Album, auch wenn natürlich aufgrund der prägnanten Stimme Ähnlichkeiten vorhanden sind, Adebimpe aber gelöster seinem kreativen Trieb freien Lauf gewähren kann. So gerät das Album zur Vertonung seines verzweifelten Festhaltens an kleinen Momenten der Freude inmitten der Dissonanz und Traurigkeit, die die heutige Welt ausmachen: Ein Album, das klingt wie Funken der Hoffnung inmitten von Depression.