Bild: Michael Palm Bild: Michael Palm
Kabarett & Comedy

Urban Priol: weiser alter Mann

27.03.2024 von Hannes Kropik

In seinem Programm „Im Fluss“ führt Urban Priol das scharfe Schwert der Satire. Privat erträgt der 62-jährige Bayer das Attribut des Boomers mit dem Gefühl lächelnder Altersmilde. Wichtig ist ja nur, dass die Generationen miteinander im Gespräch bleiben.

Urban Priol gilt seit Jahrzehnten als einer der populärsten Kabarettisten Deutschlands; 1997 wurde er mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet, 2002 mit dem Deutschen Kabarettpreis; 2007 gewann der Mann mit der auffälligen Starkstromfrisur (gemeinsam mit seinem Kollegen Georg Schramm) für die ZDF-Sendung „Neues aus der Anstalt“ den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Comedy“. Aktuell ist der Satiriker, der sich politisch selbst als linksliberal verortet, mit seinem Programm „Im Fluss“, das kurz vor Corona premierte, auf Tournee.

Du bist für deine scharfzüngigen Kommentare zum Tagesgeschehen bekannt. Wie gelingt das mit einem Programm, das bereits mehr als vier Jahre alt ist?

„Im Fluss“ war von Anfang an als fließende Baustelle konzipiert. Ich schreibe jeden Tag neue Blöcke, in denen ich auf aktuelle Entwicklungen reagiere. Dafür fliegen Teile hinaus, die nicht mehr relevant sind. Das hält meine eigene Spannung hoch und hilft mir auch, geistig frisch zu bleiben.

Adaptierst du das Programm für Österreich-Auftritte?

Klar! Mein Onkel hat in Strebersdorf am Wiener Stadtrand gewohnt, als Kind war ich in den Sommerferien oft bei ihm. Deshalb habe ich früh eine Affinität zu Wien und Österreich entwickelt. Als Bayer bekomme ich außerdem genau mit, was bei euch los ist. Österreichische Themen wie die Rolle Ischgls am Beginn der Pandemie oder aktuell die Signa-Pleite wirken sich zudem stark auf Deutschland aus.

Du hast deine Karriere bereits 1982 begonnen. Diese Zeit ist mit heute nicht mehr zu vergleichen, oder?

Wir befanden uns damals mitten im Kalten Krieg und mussten jeden Moment damit rechnen, dass ein Atomkrieg ausbricht oder ein Atomkraftwerk in die Luft fliegt. Außerdem dachten wir, dass die Robben aussterben und sich das Ozonloch nie mehr schließen wird. Aber was war das für eine beschauliche Zeit, so ganz ohne die Empörung und Aufregung in den Online-Foren.

Angetreten bist du – wie du in deinem jüngsten Buch „Was reg ich mich auf?!“ schreibst – mit der Vision, den damals frisch gewählten Bundeskanzler Helmut Kohl „mit dem scharfen Schwert des Spottes“ möglichst rasch aus dem Amt zu entfernen. Kohl war dennoch 16 Jahre lang Kanzler – schmerzt es zu akzeptieren, dass die Macht des Kabarettisten nicht weit über die eines Hofnarren hinausgeht?

Die Rolle des Hofnarren gefällt mir, er darf den Mächtigen immer die Wahrheit entgegenschleudern. Ich war damals in Folge riesiger Abrüstungs- und Friedensdemos unheimlich motiviert, selbst das Wort zu ergreifen und die Welt zu retten. Ich war von diesem jugendlichen Sturm und Drang beseelt, den man als 20-Jähriger einfach haben muss. Aber mit der Zeit reift die Erkenntnis, dass das Leben nicht so einfach ist. Und dass es gar nicht Aufgabe der Satire ist, Regierungen zu stürzen.

Was dann?

Wenn mich persönlich etwas aufregt, kann ich das als Kabarettist verarbeiten und meinem Publikum das Gefühl geben, dass sie mit ihrer eigenen Unzufriedenheit, ihrem Zorn nicht allein sind. Wir bestärken uns gegenseitig. Natürlich staunt man, dass gewisse Themen im Lauf der Jahre immer wieder auftauchen. Nazis scheinen zum Beispiel ein stetig nachwachsender Rohstoff zu sein. Umso mehr motiviert mich zu sehen, dass sich die Zivilgesellschaft stärker als je zuvor gegen rechtsextreme Entwicklungen auflehnt. Es geht eben doch etwas weiter!

Du bist 62 und spielst genussvoll mit dem Image des saturierten Boomers. Aber wie geht es dir privat mit dem Etikett des „weißen alten Mannes“?

Ich spüre eine gewisse Altersgelassenheit und nehme viele Dinge nicht mehr so richtig ernst. Andererseits schaue ich mir junge Vertreter des politisch konservativen Spektrums an und denke mir: So vergreist, wie die im Hirn schon sind, war ich nie und werde ich hoffentlich nie sein. Aber generell bewundere ich die jungen Leute und gönne ihnen ihre Möglichkeiten. Ich gehöre nicht zu denen, die über die Gen Z motzen, weil sie sich nicht mehr kaputtarbeiten will. Sie haben doch nur aus den Fehlern ihrer Eltern und Großeltern gelernt. Wichtig ist, dass wir einander zuhören und voneinander lernen.

Deine Tochter ist 29 und lebt in Kanada. Was kannst du von ihr lernen?

Es ist spannend zu sehen, was sie und ihre Generation bewegt, vieles davon verändert auch meinen eigenen Blickwinkel. Wenn auch nicht alles. Das Gendern beispielsweise ist für sie ein unglaublich wichtiges Thema, während ich mir denke: Das kann doch jeder halten, wie er will. Allgemein bin ich aber der Meinung, dass beide Generationen viel voneinander lernen können.

Hast du das Gefühl, dass nachfolgende Generationen noch interessiert, was du zu sagen hast?

Dieses achselzuckende „OK, Boomer“ kommt natürlich hin und wieder vor. Aber ich werde auch immer wieder von jungen KollegInnen um Tipps gebeten, worauf sie gerade am Beginn ihrer Karriere achten sollen.

Was rätst du ihnen?

Wäre ich heute Anfang 20, würde ich wieder unbedingt Kabarettist werden wollen. Und ich würde, wie so viele der jungen Garde, mit TikTok- oder YouTube-Videos starten. Wichtig ist aber zu verstehen, dass ein paar viral gegangene Clips noch nicht für ein abendfüllendes Programm reichen. Ich vergleiche das gern mit Silvesterraketen: Sie steigen rasend schnell auf, explodieren spektakulär, aber dann stürzen sie ab und verglühen. Wenn du in der Unterhaltungsbranche langfristig erfolgreich sein willst, brauchst du viel Geduld und Ausdauer.

Und ein Markenzeichen wie deine Frisur. Gib uns zum Schluss doch bitte einen Beauty-Tipp: Wie stylst du deine Haare?

Ganz schnell: Frotteehandtuch, statische Aufladung, Haarspray. Fertig!

Urban Priol: live

Urban Priol gastiert mit „Im Fluss“ zwischen 4. und 6. April in Linz, Tulln und Graz. Tickets gibt es bei oeticket.

TICKETS
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren