Bild: Frank Eidel
Als „sportlicher Physiker“ ist Vince Ebert, 55, ohnehin eine Ausnahmeerscheinung. Addiert man sein humoristisches Talent, erhält man, wie der frühere Beachvolleyballer selbst sagt, „eine grelle Kombination, aus der ich irgendwie ein Geschäftsmodell formen konnte“. Und zwar ein sehr erfolgreiches: Sein jüngstes Buch „Lichtblick statt Blackout“ (2022), in dem sich der Naturwissenschaftler mit dem Zeitgeist auseinandersetzt, stand mehr als ein Jahr lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. In seinem neuem Kabarettprogramm „Vince of Change“ zieht der Wahl-Wiener eine Bilanz der vergangenen 25 Jahre – Spoiler-Alarm: Unsere Gesellschaft hat sich nicht unbedingt zum Besseren entwickelt.
Man darf natürlich alles sagen. Aber die Konsequenzen, die man tragen muss, sind teilweise immens. Wenn du etwas sagst, das – rechts wie links – außerhalb des Meinungskorridors liegt, steht in deinem Wikipedia-Eintrag sofort „umstrittener Kabarettist“. Gerade, wenn du, so wie ich, viele Firmenevents spielst, kann das große finanzielle Auswirkungen haben. Denn Firmen achten ganz genau darauf, wen sie einladen.
Als ich angefangen habe, sind Comedians wie ich immer wieder übers Ziel hinausgeschossen. Und dann fanden dich vielleicht ein paar Zuschauer geschmacklos oder doof – mehr nicht. Heute werden solche Aussagen via Social Media enorm verstärkt und du wirst rasch in eine Ecke gestellt, in die ich als klassisch liberaler Mensch gar nicht gehöre. Ich will mich aber gar nicht zum Opfer stilisieren. Und ich werde sicher nicht den Kopf einziehen, im Gegenteil: Als Künstler will ich auf der Bühne etwas riskieren und das Publikum irritieren. Sie sollen sich ruhig reiben an dem, was ich sage. Ich will keinen Gesinnungsapplaus.
Die Welt hat sich verändert. Als ich mit meiner Form des Wissenschaftskabaretts begonnen habe, waren die Leute noch viel offener als sie es heute sind. Im neuen Programm mache ich mir deshalb darüber Gedanken, was Satire ist und ob die Menschen Satire heute überhaupt noch verstehen können. Oder wollen. Und ich denke darüber nach, ob wir uns vom Gedanken der Aufklärung wieder wegentwickeln. Ich will den Leuten vermitteln, dass ja gerade das die Basis unserer abendländischen Kultur ist: Es gibt keine absoluten Wahrheiten. Wir können uns widersprüchliche Meinungen um die Ohren fetzen und dann einen Kompromiss finden. Wir können auch auseinander gehen und sagen: „Gut, wir sind uns nicht einig geworden. Aber trotzdem trinken wir jetzt ein Glaserl Wein miteinander.“
Keine Frage, der Klimawandel findet statt. Und die Klimaforschung ist ja eine objektive Wissenschaft, doch die Entscheidungen trifft die Politik – und die ist unscharf, subjektiv und verhandelbar. Aber ich bin relativ optimistisch, was den Zustand des Planeten angeht: Kein Forscher kann heute schon sagen, welche Innovationen wir in Zukunft zur Verfügung haben werden, um mit den Folgen des Klimawandels umzugehen. Ich bin überzeugt, dass diese technischen Innovationen kommen werden.
Ich spreche über Themen, die mich selbst beschäftigen. Wissenschaftliche Fragen haben eine große gesellschaftspolitische Relevanz; die Wissenschaft kann in komplexen Systemen Anhaltspunkte geben. Wenn aber Fakten und irrationale Maßnahmen aufeinandertreffen, dann erkenne ich darin Humorpotenzial. Etwa beim Thema Risikobewertung: Die Chance, im Lotto einen Hauptpreis zu gewinnen, liegt bei 1 zu 140 Millionen und die Menschen spielen, weil sie daran glauben, dass es sie treffen kann. Die Chance, vom Rauchen Lungenkrebs zu bekommen, liegt bei 1 zu 1.000 und die Leute sind sich sicher, dass es sie nicht treffen wird …
Wir waren davor schon regelmäßig in Wien und es hat mir immer sehr gut gefallen. Ursprünglich habe ich gedacht, dass sich die deutsche und die österreichische Kultur ähnlich sind. Doch je länger ich hier lebe, umso klarer werden mir die Unterschiede in der Mentalität: Wenn sich der Deutsche etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er das ohne Rücksicht auf Verluste durch. Das ist gut, wenn es zum Beispiel um die Entwicklung von Duscharmaturen geht. Aber wir machen das auch bei politischen Ideen und Ideologien und neigen deshalb dazu, immer wieder ein bisschen gegen die Wand zu rennen. Österreicher sind entspannter und lockerer, das gefällt mir. Ich bin bekennender Österreich-Fan; mit mir kannst du besser als mit jedem anderen über „die Piefke“ lachen.
„Vince of Change“ premiert in Österreich am 2. März im Wiener Stadtsaal sowie am 24. Mai in der ARGEkultur. Tickets gibt es bei oeticket.