Bild: Herstory AS
Wer sich spätestens nach ihrem Auftritt bei der Eröffnung der diesjährigen Wiener Festwochen fragte, wer oder was bitte Witch Club Satan eigentlich ist, dem wird nun geholfen: In der Dokumentation "Hex" wird der rasante Höhenflug der kontroversen, feministischen Black-Metal-Band beleuchtet.
Wer sich nicht ohnehin jeden Tag in einer Bubble zwischen Schweineblut, Corpsepaint und schludrigen Klängen, die einem Transistor-Radio entstammen könnten, bewegt, wird bei der Eröffnung der diesjährigen Wiener Festwochen wohl baß erstaunt gewesen sein: Inmitten der lieblichen Wohlgesänge des Schmusechors, inmitten des verträumten Blickes von Wunderheiler Braco, irgendwo zwischen den sonnendurchfluteten Cari Cari und der ikonischen Patti Smith stachen da auf der großen Bühne am Heldenplatz ein paar ganz besonders grauslich geschminkte und noch dazu halbnackte Frauen heraus - Witch Club Satan (zum Video). Das Boulevard-Papierchen oe24 hat leider verabsäumt, einen “skandalösen Schockmoment!!!” daher zu krakeelen, dass eine derartige Ferkelei vor einem (Halb)Millionenpublikum überhaupt passieren darf: Was kommt als nächstes? Im Namen der Kunst in ein Becken pinkeln?
Jedenfalls wurden so Witch Club Satan hierzulande einem breiten Publikum zugängig gemacht, denn hinter der - zugegeben - speziellen Fassade steckt doch ein hehrer Ansatz.
Hinter der rohen, blutigen und bisweilen verstörenden Fassade dieses norwegischen Kollektivs steckt nämlich weit mehr als die Lust an der Provokation - mit nackten Busen und Teufelsfratzen. Das beginnt schon beim Auftritt als “Hexen”: Über Jahrhunderte war sie eine Projektionsfläche für eine Gesellschaft, die Frauen bestrafte, wenn sie sich nicht in die vorgesehenen Rollen fügten - wenn sie laut, eigenständig, sexuell selbstbestimmt oder schlicht unbequem oder einfach vielleicht nur anders waren. Siehe zu diesem Thema auch [an dieser Stelle] mein Interview mit der Kulturwissenschaftlerin Sarah Held, die vergangenes Jahr unter dem Titel “Heimsuchung” einen Kunstfilm über Hexenverfolgungen und Femizide vorgelegt hat.
Witch Club Satan drehen diese Zuschreibung jedoch um, nehmen Begrifflichkeiten wie eben “witch”, “hysterical” oder “whore”, die Frauen kleinmachen oder gar objektifizieren sollten - und machen daraus emanzipierte Kampfbegriffe. Die Hexe wird bei Witch Club Satan weniger als eine esoterische Figur, denn als Symbol für all jene Frauen, deren Wut, Widerstand und Stimme zum Schweigen gebracht wurden - und werden - verstanden: Denn auch heute noch ist die Frau vielerorts dem “bestückten Pendant” untergeordnet. Dabei greifen Witch Club Satan als Fundament dieses Ansatzes auf die Geschichte zurück und recherchierten sogar historische Hexenprozesse in Norwegen; Eines ihrer Stücke, “Steilneset”, bezieht sich etwa auf das Memorial in Vardø, das an 91 wegen Hexerei angeklagte und hingerichtete Menschen erinnert. So verstehen die Norwegerinnen ihre Musik als eine Art Weitergabe der Stimmen, die dereinst mundtot gemacht wurden - und zwar über die Jahrhunderte hinweg.
Diese Perspektive erklärt auch, warum die Aggressivität von Witch Club Satan so zentral ist: Weibliche Wut gilt gesellschaftlich noch immer als etwas, das kontrolliert, erklärt oder pathologisiert werden soll - eine wütende Frau ist lediglich “hysterisch” oder “im Zyklus", eine selbstbewusste Frau ist ”schwierig", eine sexuell selbstbestimmte Frau “billig”. Witch Club Satan verweigern sich dieser immer noch grassierenden Herabwürdigung des weiblichen Geschlechts: In einem weiteren ihrer Stücke, “Hysteria”, wird die vermeintliche Beleidigung zur Selbstermächtigung, während Songs wie “Wild Whores” mit Bildern von Sexualität, Gewalt, Schuld und Freiheit die Widersprüche weiblicher Selbstbestimmung aufbrechen. Letztlich geht es darum, das gesellschaftlich erwartete Bild der “angepassten, stillen, freundlichen, schönen” Frau zu zerreißen.
Dass sie sich dabei ausgerechnet des Black Metal bedienen, ist folgerichtig: Ein Genre, das traditionell von männlicher Aggression und Grenzüberschreitung geprägt ist, wird von ihnen mit einer weiblichen Perspektive besetzt. Ihre Botschaft lautet damit nicht einfach “Frauen können auch laut und böse sein” - denn das beweist unter anderem Onielar von Darkened Nocturn Slaughtercult ohnehin schon. Sondern: Warum ist eine vernehmbar schallende Grenzverschiebung nur Männern gestattet, bei Frauen jedoch als problematisch aufgefasst?
Und genau darin liegt der gesellschaftlich relevante Kern dieser scheinbar maximalen, aber zumindest ausufernden Radikalität: Witch Club Satan wollen nicht einfach eine weibliche Variante des Black Metal sein - sie hinterfragen, wem Wut, Gewalt, Sexualität, Macht und Vehemenz überhaupt zugestanden werden. Ihre Musik ist deshalb weniger ein fertiges politisches Programm als ein Weckruf: nicht wegzusehen, wenn Ungerechtigkeit passiert, nicht automatisch zu akzeptieren, was als “normal” gilt, und vor allem nicht länger jene Stimmen zu überhören, die unbequem werden, sobald sie sich nicht mehr anpassen. Dass die Band ihre Musik ausdrücklich politisch versteht und scheinbar nebenbei auch noch Themen wie Umweltzerstörung, Krieg und Menschenrechte aufgreift, erweitert diesen Ansatz über Feminismus hinaus. Die Hexe wird bei Witch Club Satan also zum Sinnbild für den Menschen, der sich der herrschenden (und man muss es wohl sagen: kaum zukunftsorientierten) Ordnung widersetzt - treffend, dass Witch Club Satan ein halbes Jahr vor ihrem Auftritt bei den Festwochen bei der ersten Ausgabe des Loud & Proud Festivals ihr Wien-Debüt feierten: Ein Festival, das die Diversität feierte.
Freilich schmeckt dieser sozialphilosophische Ansatz nicht allen: Black-Metal-Puristen mokieren natürlich, dass das kein wahrer Black Metal ist. Und gerade konservative Geister steigen wahrscheinlich schon in den grundzüglichen Gedankengängen aus. Aber all jene, für die sich - etwa bei den Festwochen - das Tor in die Welt von Witch Club Satan geöffnet hat, sei die Dokumentation “Hex” empfohlen, die zu Jahresanfang bei zahlreichen Filmfestivals - darunter auch beim österreichischen Crossing Europe - Premiere feierte und wohl demnächst auch im regluären Programm der Kinos und/oder der Streaming-Portale zu finden sein wird.
“Hex” ist, man ahnt es, mehr als ein klassischer Musikfilm. Regisseurin Maja Holand erzählt über anderthalb Stunden hinweg die Geschichte eben dieser noch vergleichsweise jungen - Witch Club Satan wurden 2022 gegründet - norwegischen Black-Metal-Band, die im Gegensatz zu ihren musikalischen Vorstreitern von Mayhem bis Darkthrone nicht nur musikalisch provozieren will, sondern eine ganze Szene, ja: die ganze Menschheit herausfordert. Im Zentrum stehen natürlich Nikoline, Victoria und Johanna, die drei Haupt-Köpfe hinter dem Kollektiv, die zwar allesamt aus der “Kunstwelt” kommen, aber vor erst vier Jahren und ohne große instrumentale Vorerfahrung beschlossen, sich einen Platz in einer traditionell männlich dominierten Kultur zu erkämpfen. Dafür begleitete Maja Holand die Musikerinnen über mehrere Jahre hinweg und zeigt dabei insbesondere auf, wie sie sich männlich verstandene Attribute aneignen, ohne ihnen deren Energie oder Härte zu glätten, zu “verweiblichen”, wie böse Zungen unken mögen.
Aus Proben, Auftritten und Selbstinszenierung entsteht dabei ein Porträt, das weniger erklärt als vielmehr erfahrbar macht - ein dichter Film, der die befreiende Kraft von Aneignung und künstlerischer Selbstermächtigung spürbar werden lässt und damit vielleicht auch andere Frauen motiviert, politisch aktiv und selbstbestimmter zu werden: Im Alltag kann man ja das Spucken von Blut ja durchaus auch mal weglassen. Eine unbeugsame Haltung lässt sich auch mit Worten verdeutlichen.