Bild: Stefan Joham Bild: Stefan Joham
Made in Austria

Wer sind die besten Kabarettist*innen Österreichs?

13.11.2024 von Stefan Baumgartner

Kabarett und Satire sind Teil der österreichischen Identität, und so ist es nur naheliegend, dass sie auch entsprechend gewürdigt werden: Seit 1999 wird der Österreichische Kabarettpreis verliehen, am 12. November 2024 somit bereits zum (wegen einer Covid-bedingten Pause) 24. Mal. Die Preisverleihung fand wie schon in den letzten Jahren im GLOBE Wien statt, einem der Häuser von Michael Niavarani und der Agentur Hoanzl. Nach seinem Debüt 2023 wurde der Abend erneut von Clemens Maria Schreiner moderiert - und mit den Österreichischen Lotterien ein neuer Hauptsponsor gefunden:

Die große Kunst der Kabarettszene ist es, aktuelle und kritische Themen humorvoll zu betrachten und Probleme, die unsere Gesellschaft bewegen, mit einem Lachen und Glücksmomenten aufzuladen. Unsere Vision als Unternehmen ist es, Glücksmomente zu schaffen.

(Erwin van Lambaart, Generaldirekter der Österreichischen Lotterien)

Vergeben wird ein Förderpreis, ein Programmpreis, ein Hauptpreis, ein Sonderpreis und ein Onlinepreis nebst einem undotierten Fernsehpreis. Zur Wahl für die dotierten Kategorien stehen alle Künstler*innen, die im aktuellen Beobachtungszeitraum mit einem neuen Kabarett- oder Kleinkunst-Programm Premiere auf einer österreichischen Bühne hatten.

Mit dem Förderpreis würdigt die Jury Nachwuchskünstler*innen, die mit der Premiere ihres aktuellen Programms Aufmerksamkeit erregt und Vorfreude auf zukünftige Produktionen geweckt haben. Mit dem Programmpreis zeichnet die Jury darüber hinaus herausragende oder außergewöhnliche Kabarett- oder Kleinkunstprogramme oder satirisch-literarische Produktionen aus. Mit dem Hauptpreis würdigt die Jury das kontinuierliche und nachhaltige künstlerische Wirken von Kabarettist*innen, deren hervorragende Qualitäten sich im ausgezeichneten Programm widerspiegeln. Der Sonderpreis wird an Menschen verliehen, die sich auf besondere Weise um die Satire im deutschsprachigen Raum verdient gemacht haben. Den Sonderpreis gibt es seit 2011. Mit dem Onlinepreis würdigt das Publikum die beliebtesten Content-Creator*innen im deutschssprachigen Raum. Der/die Sieger*in wird durch ein öffentliches Voting ermittelt und steht danach drei Jahre nicht zur Wahl. Mit dem Fernsehpreis zeichnet das Publikum die beliebteste Satire-/Comedy-/Kabarettshow im deutschsprachigen TV aus. Eingeschlossen sind hier sowohl TV- als auch Streamingformate, -serien und -shows. Der oder die Sieger*in wird durch ein öffentliches Voting ermittelt und steht danach drei Jahre nicht zur Wahl, deswegen fallen dieses Jahr etwa "Gute Nacht Österreich" und "Science Busters" raus. Der Preis wird seit 2016 verliehen.

Aber nun die wichtigste Frage: Wer sind denn nun die besten Kabarettist*innen des Landes?

 

Förderpreis: Christina Kiesler "Nachspielzeit"

Bild: Andrea Hausmann

Der Förderpreis wird dieses Jahr an Christina Kiesler verliehen. Die Fachjury erklärt: „Wenn es einer gelingt, das Patriarchat von der Bühne aus zu zerschmettern, wird das Christina Kiesler sein.“ Für ihr erstes Solo-Kabarett namens „Nachspielzeit“ transportiert die Fußballerin (Verein Dynama Donau) den Zeitrahmen von zwei Halbzeiten mit 15 Minuten Pause auf die Bühne. Auf der Ersatzbank wartet sie darauf, von dem – natürlich männlichen – Trainer ihren Einsatz zu bekommen. Das Setting gibt Raum, um mit dem Publikum ihr Leben und unsere Gesellschaft zu besprechen.

Da hat sich einiges angestaut bei der katholisch geprägten, lesbischen Niederösterreicherin, die Schauspiel studiert hat, im Burgtheater Kinder begeistert und 2024 den Protestsong-Contest gewonnen hat. Mit viel Spielwitz, Fantasie, Flachwitzen und hoch geschossenen Wuchteln läuft Kieslers „Nachspielzeit“ rasant und mitreißend ab. Gutes Kabarett hat stets inhaltliches Anliegen, bei Christina Kiesler geht es um Gleichberechtigung, Patriarchat, Kapitalismus und mehr. Als Halbzeit-Showact tritt der personifizierte Klimawandel auf. Der Rockstar bedankt sich ganz besonders bei all denen, die nicht an ihn geglaubt haben: „Ihr habt mich erst zu dem gemacht, was ich heute bin!“

TICKETS

Programmpreis: Christoph Fritz, Sonja Pikart & Berni Wagner "GHÖST"

Bild: Christopher Glanzl

Der Programmpreis wird Christoph Fritz, Sonja Pikart und Berni Wagner, Sonja Pikart für ihr Programm „GHÖST – Eine Halloween-Show“ verliehen. Die Fachjury zeichnet damit eine – als Sicherheitsvortrag getarnte – Geisterkomödie aus, gespielt von der vielleicht spannendsten Kabarett-Elitetruppe seit „Schlabarett“.

Wer sich im kleinen Alpenland Österreich wundert, was alles möglich ist, bekommt dafür endlich eine Erklärung. In Erinnerung an die schaurigen Corona-Pressekonferenzen wollen Wagner, Pikart und Fritz, dass wir uns fürchten, damit sie uns sagen können, dass wir uns nicht fürchten müssen. Als „Geheim-Hauptmannschaft Österreich“ zeigen sie auf, was in Österreich nicht normal ist: Vom Krampus, der Touristenfalle bis zum Watschenbaum.

Kann es ein Kabarettprogramm über Geister und paranormale Phänomene überhaupt geben? In Österreich schon! Wagner, Pikart und Fritz haben weder Angst vor radikalem Klamauk, vor einer Kostüm- und Materialschlacht, noch vor Mitmach-Elementen wie in der Rocky-Horror-PictureShow. Sie schaffen damit einen Abend mit Kultpotenzial - für mutiges Publikum!

(Nebenbei sei erwähnt, dass Christoph Fritz, Sonja Pikart und Berni Wagner auch mit ihren Soloprogrammen mehr als empfehlenswert sind! Mehr Informationen zu Fritz gibt es hier, zu Pikart hier und zu Wagner hier.)

TICKETS

Hauptpreis: Sonja Pikart "Halb Mensch"

Bild: Stefan Joham

Sonja Pikart ist in der heimischen Kabarettszene seit Jahren eine wichtige Protagonistin und gewissenhafte sowie schlaue Beobachterin gesellschaftspolitischer Schieflagen und Entwicklungen. Auch in ihrem bereits vierten Soloprogramm seziert sie unser Dasein bis ins schmerzhafte Detail und legt sich dabei selbst unters Messer.

In „Halb Mensch“ entführt sie uns in eine dystopische Bunker-Kulisse, ja da draußen wüten die Maschinen, die wir erschaffen haben. In Pikarts Kopf ringen derweil die großen Themen Feminismus und Patriarchat, Klimaschutz und Hedonismus, Veganismus und Humanismus miteinander. Dabei zieht Sonja Pikart absurde Vergleiche, die bei weiterem Nachdenken gar nicht mehr so grotesk sind. Leben wir schon den apokalyptischen Alptraum, vor dem wir uns alle gefürchtet haben, oder ist eh alles wie immer? Wann verwischen die Grenzen zwischen Menschsein und Nicht-Menschsein und was kann uns noch verbinden, wenn wir uns ohnehin egal sind? „Halb Mensch“ ist eine U- und Dystopie, ein brillantes und irrwitziges Programm, das einige reale Knackwatschen in petto hat. Ja Mensch, so ist das Leben!

TICKETS

Sonderpreis: Wir Staatskünstler

Bild: Ingo Pertramer

Der Sonderpreis wird an „Wir Staatskünstler“ verliehen. Das seit 2011 bestehende Ensemble bündelt die Qualitäten von drei der profiliertesten Kabarettisten Österreich: Florian Scheuba steht dabei für den investigativ-journalistischen Unterbau, Thomas Maurer für eher hedonistische Zivilisationskritik und Robert Palfrader für schauspielerische Grandezza. Als Fernseh-Format entstanden, das sich viele filmische Elemente bewahrt hat, sprengen ihre Auftritte die klassische Bühnenform.

So auch das aktuelle Programm „Alte Hunde – Neue Tricks“, das dem Ausdruck „auf den Hund gekommen“ mit der durchgespielten Gründung einer populistischen „Hundepartei“ eine völlig neue Bedeutung verleiht. Samt Musikvideos, Werbespots, Kollegen-Einspielern und multimedial präsentierten, grandios selbstentlarvenden Fundstücken wie der Broschüre „Russland. Los geht’s“ der Wirtschaftskammer Österreich ergibt sich hier ebenso komisches wie schlagkräftiges politisches Kabarett. Und einer der konsequentesten, wichtigsten Aufklärungsbeiträge zum Jahr 2024.

TICKETS

Fernsehpreis und Onlinepreis

Nominiert für den Fernsehpreis waren u. a. "Dave", "Die Tafelrunde" und "Pratersterne" - ausgezeichnet wurde jedoch  - bereits zum dritten Mal! - die beliebte ORF-Show "Was gibt es Neues?" ausgezeichnet: Hierin lädt Oliver Baier regelmäßig seit Herbst 2004 jeweils fünf Gäste der österreichischen Comedy- und Kabarettbranche ein, um sie mit seltsamen Begriffen, kuriosen Geschichten und unerklärlichen Gebrauchsdingen zu konfrontieren. Ob Politik, Mode, Chronik, Kino oder Sport - nicht das Fachwissen, sondern der Wortwitz, die Spontaneität und die Kreativität der Gäste sind gefragt und werden auf eine harte Probe gestellt.

Für die Onlinepreisträgerin Toxische Pommes hielt der Vorjahrespreisträger Jonny Balchin aka The Austrian Kiwi eine Laudatio: "Deine Fähigkeit wichtige politische und soziale Themen auf humorvolle Art und Weise anzusprechen, bringt die Leute nicht nur zum Lachen, sondern gibt ihnen auch das Gefühl gehört zu werden." Toxische Pommes: “Ich freue mich irrsinnig über den Onlinepreis, nicht zuletzt deshalb, weil er als Publikumspreis gestaltet ist und somit eine direkte Auszeichnung durch meine Zuseher*innen darstellt. Ihnen gebührt mein Dank für all die tollen Möglichkeiten, die sich in den letzten Jahren für mich ergeben haben.”

TICKETS

 

Übrigens: Als besondere Überraschung schickte Bundespräsident Alexander Van der Bellen am gestrigen Abend eine Videobotschaft an die Staatskünstler, die ebenfalls mit gutem Witz glänzen konnte.

Ich freue mich wirklich jedes Mal, wenn ihr ein neues Programm vorstellt. Bei den Parteien kann ich das nicht immer behaupten.

Auch oeticket gratuliert sämtlichen Preisträger*innen herzlich!

Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren