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10 Gründe, warum Udo Jürgens fehlt

02.11.2023 von Sebastian Fasthuber

Seine Lieder sind unsterblich. Und trotzdem: Udo Jürgens hat eine gewaltige Lücke hinterlassen. Er war ein Entertainer, der sich nicht falsch anbiederte, sondern das Gute aus seinem Publikum herausholte. 2024 kommt zu seinem 90. Geburtstag eine große Show in die Wiener Stadthalle – mit seinem langjährigen Begleiter Pepe Lienhard. Tusch: Auch Udo himself wird mit von der Partie sein. 

1. Die Persönlichkeit

Er war gewiss nicht der allerbeste Sänger, den die Welt je gesehen hat. Aber seine eigene Stimme transportierte seine zutiefst humanistischen Lieder, in denen so viel von seiner Persönlichkeit steckte, am besten. Entsprechend selten haben sich Kollegen an Coverversionen versucht. Nach seinem Tod baute Roland Kaiser einen würdigen Tribut-Block in seine Konzerte ein. Aber das Original blieb unerreicht. Insofern ist es keine schnöde Geschäftemacherei oder gar Leichenfledderei, sondern ergibt durchaus Sinn, wenn Udo Jürgens selbst 2024 auf die Bühne zurückkehrt – zumindest via Leinwand-Einspielung.

2. Er bewegt

So hat es bei vielen Udo-Fans begonnen: Spätnachts auf einer Feier, wenn die Hemmungen fallen und alle ihre coole Fassade ablegen, lag man sich bei „Griechischer Wein“ oder „Ich war noch niemals in New York“ in den Armen. Seine Melodien erzeugen auf eine Art Sehnsucht, Euphorie oder Rührung, wie es nur ganz wenigen Komponisten gelingt. Er war einer, dessen Musik etwas in den Menschen öffnete. Nach wie vor: Auf Hochzeiten bitten neuerdings sogar Teenager darum, Udo-Songs zu spielen.

3. Mehr als "Griechischer Wein"

Auf mein erstes und leider einziges Udo-Jürgens-Konzert – 2012 in der Linzer Tips Arena – war ich nicht vorbereitet. In den ersten eineinhalb Stunden der Show war mir kaum ein Lied bekannt. Das war auch völlig egal, denn obwohl nicht alles, was er spielte, zu seinen besten Stücken gehörte, so erfüllte jedes Lied einen Qualitätsanspruch und zeugte davon, dass hier ein wacher Zeitgenosse am Werk war, der sich über sich, seinen Platz in der Welt und das Leben Gedanken machte. Udo Jürgens verließ sich nicht auf seine Hits. Im Gegenteil: Er spielte sie gegen Ende des Konzerts nur kurz an. Das Publikum war auch so glücklich und ihm blieb mehr Zeit für andere Lieder aus seiner tausend Stücke umfassenden Diskografie, die ihm wichtiger waren.

4. Der heimische Sinatra

Das Intro des Abends werde ich nicht vergessen. Noch von hinter der Bühne sang er die ersten Strophen seines Auftrittslieds „Noch drei Minuten“, das von Aufregung und Lampenfieber erzählt. Und auf einmal war er da und steppte zu der Nummer, die sich in dem Moment von einer Ballade in ein Swing-Stück verwandelte, lässig über die Bühne. Wenn ein deutschsprachiger Sänger versucht, wie Sammy Davis jr. oder Frank Sinatra zu agieren, wirkt das schnell lächerlich. Nicht bei ihm, er schien ein bisschen zu schweben.

5. Reach for the Stars

Ein Schlagersänger, wie er manchmal tituliert wurde, war Jürgens nie. In seinen frühen Jahren musste er bei Revues allerdings den Pausenclown für gerade angesagte Schlagerstars geben. Er hasste es und konnte nur mit Alkohol auf die Bühne gehen. Hätte er so weitergemacht, wäre er womöglich wie nicht wenige Interpreten dieses Genres zwischen verordnetem Frohsinn und Selbsthass frühzeitig vor die Hunde gegangen. Zum Glück feierte er dann als Songschreiber erste Erfolge. Mit „Reach for the Stars“ hatte Shirley Bassey 1963 in England einen Nummer-1-Hit.

6. Der Bademantel

Mit „Merci, Chérie“ gelang ihm der Durchbruch und er durfte auf seine erste große Solotournee gehen. Damals traten in der Regel mehrere Sänger gemeinsam bei bunten Abenden auf. Udo Jürgens machte sich sein damals schon großes Repertoire zu Nutze und spielte nicht weniger als drei Stunden. Weil das Publikum auch dann nicht aufhörte, nach Zugaben zu verlangen, schickte sein Manager ihn nach dem Duschen nochmal raus. Im Bademantel. Niemand trug das Wellnessutensil mit so viel Würde wie er.

7. Unterhaltung mit Haltung

„Den Rechten war ich zu links, den Linken nicht links genug“, schrieb er in seinem Familienroman „Der Mann mit dem Fagott“, „und sowieso unglaubwürdig, weil ich selbst gern gut lebte und natürlich auch kein ,Protestsänger‘ oder ,Revolutionär‘ war oder sein wollte.“ Aber er war ein politisch denkender Mensch. Davon zeugen Stücke wie „Bruder, warum bist du nicht mehr mein Bruder“ – sein Lied über das geteilte Deutschland – oder das kirchenkritische „Gehet hin und vermehret euch“.

8. Untypisch österreichisch

Als Künstler war er ein unermüdlicher Arbeiter. Er gab sich nie mit dem Erreichten zufrieden. Österreichische Genies von Oskar Werner bis Falco hatten immer einen Hang zur Selbstzerstörung. Nicht so Udo: Ihn hat das bereits Erreichte dazu angespornt, noch ein bisschen mehr zu wagen.

9. Orgasmusgarantie

Jetzt wird es kurios. 1971 schrieb der Sexualwissenschaftler Günther Hunold: „Die Melodien von Udo Jürgens sind spannungsmäßig dem Verlauf der weiblichen Orgasmuskurve angeglichen. Wenn man sich nun klarmacht, dass die wenigsten Frauen und Mädchen einen Partner haben, der dieser Spannungskurve folgt, dann wird verständlich, warum Udo Jürgens vor allem beim weiblichen Geschlecht so große Erfolge hat.“

10. Über Generationen hinaus

Bei seinen ersten Tourneen waren viele Teenager im Publikum. Sie brachten ihre Mütter mit. Die waren begeistert und überredeten beim nächsten Mal ihre Männer. Am Ende kam es nicht selten vor, dass drei Generationen einer Familie zusammen in seine Konzerte gingen.

Zum Abschluss: meine heimlichen Udo-Jürgens-Favoriten

„Ich weiß, was ich will”:
Freiheit pur: Udos großer Disco-Moment.

„Hautnah”:
Noch ein funky Tanzbodenfeger.

„Schenk mir noch eine Stunde”:
Melancholie und pure Lebensfreude in einem.

„Ein ehrenwertes Haus”:
Gilt heute noch, denn die Spießer sterben nicht aus.

„Lebe wohl, mein halbes
Lieben”: Mal was Anderes – ein heiteres Abschiedslied.

„Im Kühlschrank brennt noch Licht”:
Einsam in der Nacht? Küchengerät birgt Hoffnung in sich.

„Ich würd es wieder tun”:
Sturheit ist eine Stärke, dieser Song beweist es.

„Vielen Dank für die Blumen”:
Macht in jeder Lebenssituation gute Laune.

„Gib mir deine Angst”:
Die Beste seiner pathetischen Hoffnungsballaden.

„Ich war noch niemals In New York”:
Schöner wurde Sehnsucht nie besungen.

„Abends”:
Irre! Bereits 1985 arbeitete Udo mit Vocoder!

„Am Tag davor”:
Atomkrieg, Apokalypse: Noch besser als „5 Minuten vor 12“.

„Peace Now”:
Hippie-Udo mit einem Beat-Kracher – auf Englisch!

„Lieb Vaterland”:
Eine kritische Hymne auf die Heimat.

„Gehet hin und vermehret euch”:
Weltverbesserer Udo legt sich mit dem Vatikan an.

„Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient”:
Angeblich inspiriert von Thomas Musters Comeback.

„Liebe ohne Leiden”:
Hach, Udo und Jenny!

„Warum nur, warum”:
Seine erste ESC-Nummer ist vielleicht die schönste.

„Der gekaufte Drachen”:
Geld ist nicht alles. Immer wieder berührend.

„Ich bin dafür”:
Seine Hymne für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

„Paris – Einfach so nur zum Spaß”:
Udos „Pina Colada“-Song.

„Na und…?!”:
Text von Thomas „EAV“ Spitzer. Hat was von „Ding Dong“.

„In Lüneburg war Volksfest”:.
Ein Beispiel für die textliche Subtilität seiner Lieder.

„Siebzehn Jahr, blondes Jahr”:
Muss sein!

„Wien”:
Was für eine Hymne! Spielte er live nur in Wien.

Udo Jürgens: das Da Capo

Am 26. November 2024 (!) ist „Da Capo Udo Jürgens – Die Original-Show“ in der Wiener Stadthalle zu Gast. Der Abend ist ein Best-of und eine Zeitreise durch sein Werk. Die Originalaufnahmen der letzten Udo-Jürgens-Konzerte wurden dafür digital aufgearbeitet. Man hört und sieht Udo auf einer großen LED-Wand agieren und sein Original-Orchester unter der Leitung von Pepe Lienhard, der ihn mehr als 30 Jahre lang mit seiner Big Band begleitet hat, spielt dazu live auf der Bühne. Tickets gibt es bei oeticket.

Ebenfalls interessieren könnte dich die "Udo Jürgens Story" zwischen Februar und August 2024, die Hommage an Udo Jürgens am 17. Dezember im Vindobona, sowie mit "Merci Cherie" die ultimative Udo-Jürgens-Show am 12. Jänner in Payerbach. Auch hierfür sind die Tickets bei oeticket erhältlich.

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