Bild: Rabenhof Theater Bild: Rabenhof Theater
Kabarett & Comedy

Die Tagespresse: ein satirischer Streifzug durch die Geschichte

08.02.2023 von Stefan Baumgartner

Udo Landbauer (FPÖ) zählt zu den großen Gewinnern der vergangenen Niederösterreich-Wahl, 97.836 Vorzugsstimmen konnte er einheimsen. Während der ÖVP im Vergleich zur letzten Wahl 2018 grob 10 % an Wählerstimmen flöten gingen, stockte die FPÖ um dieselbe Summe auf. Im Direktvergleich zur Konkurrentin Johanna Mikl-Leitner, die in der Vergangenheit etwa mit ihrem "Gsindl"-Sager oder ihrem harten Asyl-Kurs negativ auffiel, konnte Landbauer also punkten. Vergessen scheint die Affäre, die ihm bei der letzten Wahl noch das Genick brach: Das Liederbuch der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, in der Landbauer als stellvertretender Vorsitzender fungierte, enthielt Texte mit antisemitischen, rassistischen und im Verdacht der Wiederbetätigung nach dem Verbotsgesetz stehende Inhalte. Was die Geschichte jedoch lehrt: Wenn ein Fehltritt der FPÖ ins Vergessen gerät, ist sie äußerst gut darin, im Stechschritt schon für den nächsten zu sorgen. Und so erzürnte sich der halbpersische Vollzeitrechtsaußen Landbauer erst gestern auf Social Media über die Hilfe für die Erdbebenopfer in der Türkei - und schlägt damit in eine ähnliche Kerbe wie sein FPÖ-Kollege Gottfried Waldhäusl, der am 31. Jänner in "Pro und Contra" von Puls 4 live auf Sendung eine Wiener Schülerin mit Migrationshintergrund schroff attackierte und zu verstehen gab, dass ohne sie und ihren KlassenkollegInnen "Wien noch Wien" wäre. Wie reagiert die österreichische Satireplattform Die Tagespresse? Sie titelt "'Dann wäre Landbauer noch im Iran': Waldhäusl wäre ohne Migration Parteichef" und - mit Bild von Landbauer: "Nach Wahl-Beben in NÖ: Dieses Opfer bekommt 13.126 Euro Steuergeld pro Monat".

Eine weitere Meldung, die in den letzten Tagen durch die (seriöse) Medienlandschaft geisterte, war das überraschende Aus der Willkommen-Österreich-Hofband Russkaja, die gerade erst ihr neues Album samt umfassender Tour vorgestellt hatte. Ja, es gab eine retardierte Minderheit an Netzberserkern, die Russkaja ex aequo mit dem größenwahnsinnigen Diktator Putin setzten - es ist dies jedoch ausgemachter Humbug, spielt die Band (die übrigens auch einen Ukrainer in ihren Reihen hat) seit ihrer Gründung 2005 zwar mit russischen Klischees, baut dabei aber auf Verbrüderung. Russkaja waren nicht mehr - aber auch nicht weniger - als die musikalische Weiterdichtung von Kaminers Besteller "Russendisko". Dass sich Bandkopf Georgij Makazaria weniger dem Druck von außen, sondern viel mehr seinem innersten Bedürfnis beugt, muss man hinnehmen - die Tagespresse, vif wie sie ist, weiß jedenfalls ob der Russland-Nähe der FPÖ und titelt: "Auf Wunsch von Kickl: John Otti Band übernimmt Namen 'Russkaja'". Fraglich ist nur, ob Makazaria so käuflich ist wie ein Gros der Politelite - und den Bandnamen tatsächlich an den Meistbietenden verschachert.

Doch nicht nur die "Partei des kleinen Mannes" (und damit ist nicht Kickl selbst gemeint) bekommt bei der Tagespresse ihr Fett weg: So nominiert sie kurzerhand die komplette heimische Filmbranche für den Oscar, weil die "Überraschung über Teichtmeister perfekt gespielt" war. Außerdem erzählen sie vom 21-jährigen Volksschüler Peter S., der seit 15 Jahren auf seine Bim wartet - bekanntlich haben die Wiener Linien aktuell nicht nur mit ihrer miserablen App, die 2020 völlig sinnbefreit qando ersetzte, zu kämpfen, sondern auch mit horrenden Intervallen, die auf eine unvorhersehbare Pensionierungswelle fußen. Und auch über die steigenden Energiekosten präsentiert die Tagespresse einen Lokalaugenschein: Eine leidgeprüfte Ehefrau aus Birkfeld kann sich den Betrieb ihres Vibrators nicht mehr leisten und steigt nun wieder auf ihren Ehemann um.

Tagespresse History

Die Tagespresse zeigt also, wie anhand der genannten Beispiele deutlich wird, Tagespolitik satirisch verdreht - und das bereits seit einem Jahrzehnt, mit stetig steigender Bekanntheit, dabei überraschend wenigen Kreativ-Ausfällen. Ja, sie sind dabei oft so nah am Wahnsinn der Realität dran, dass Tagespresse-Headlines bereits für bare Münze genommen wurden: So musste 2013 das österreichische Außenministerium etwa dementieren, dass NSA-Aufdecker Edward Snowden in Wien Asyl gefunden hätte. Und erst im September 2021 brachte die Austria Presse Agentur (!) eine Meldung über eine angebliche Kandidatur von Frank Stronach bei der Bundespräsidentenwahl 2022, die unter anderem von ORF.at (!!) übernommen wurde - hätte man nur vor der Berichterstattung ins Impressum von teamstronach.at geblickt ...

Und nun zeigt man ab Mitte Februar im Wiener Rabenhof Theater nach "Die Tagespresse Show" (2016) und "Schwarz-Blau unzensuriert" (2019) ihr drittes Bühnenstück, das sich "Tagespresse History" nennt. Das Ziel: Das Genre der "kontrafaktischen Geschichte" zu bedienen, also historische Wahrheiten bewusst gegen den Strich zu bürsten. Und anscheinend hatte überall Österreich seine Finger im Spiel: Wussten Sie, dass ein österreichischer Politiker Schuld am Super-GAU von Tschernobyl hatte? Wer waren die schrecklichen Piraten, die hierzulande Kärntens Gewässer unsicher machten? Wie hat Servus TV im Mittelalter eigentlich über die Pestepidemie berichtet? Und wie versext die Jungfrau Maria war, lesen Sie exklusiv bei Wolfgang Fellners Oe24. Und apropos Jesus – kannten Sie schon Herbert aus Wels, den bisher lang verschwiegenen 13. Apostel?

Warum von der Tagesaktualität zum Blick zurück? Tagespresse-Gründer Fritz Jergitsch erklärt dies in der aktuellen Falter-Ausgabe wie folgt: "Irgendwann hat man auch genug, jeden Tag die Zeitung zu öffnen und einen Witz herauszudestillieren. Wir haben die Idee gemeinsam mit dem Rabenhof entwickelt. Unser letztes Kabarett-Programm wurde ja von Ibizia abgeschossen. Es handelte von der türkis-blauen Regierung, ab Mai 2019 war diese aber passé und damit auch das Programm. Deshalb wollten wir nun etwas Zeitloses machen."

Ich halte es mit dem großen Karl Farkas: "Schau'n Sie sich das an!"

"Die Tagespresse History" spielt es am 10. Februar in der Wiener Kulturgarage, ab 15. Februar im Rabenhof Theater. Für viele Veranstaltungen sind nur mehr Restkarten vorhanden, Tickets gibt es bei oeticket.com.

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