Bild: UlrichSeidlFilmproduktion Heimatfilm
Dass Anja Plaschg eine talentierte und vielseitige Künstlerin ist, hat sie in den letzten 15 Jahren eindrucksvoll bewiesen. Mit ihrem Auftritt im ebenso faszinierenden wie verstörenden Film „Des Teufels Bad” meistert sie nicht eine, sondern gleich zwei Aufgaben höchst eindrucksvoll: Für „Des Teufels Bad“ hat Anja Plaschg nicht nur eine der Hauptrollen übernommen, sondern auch den Soundtrack verfasst. Im Zentrum steht nicht nur ihr „Marienlied”, außerdem hat Plaschg auf eine historische Flöte aus Armenien namens Duduk und eine Drehleier zurückgegriffen. Der Soundtrack ist bereits erschienen und im gut sortierten Fachhandel erhältlich.
Sie könnte es sich wahrlich einfacher machen, die Ausnahmekünstlerin aus der tiefsten Steiermark. Ihrem musikalischen Alter Ego Soap&Skin fliegen die Herzen von Publikum und Kritikern – zu Recht – gleichermaßen zu, ebenso hat sie vor der Kamera („Stillleben”, „Die Geträumten”, „Axolotl Overkill”) und am Theater („Nico – Sphinx aus Eis”) schon Mut und Gespür für Schauspiel bewiesen. Selbst am Schnittpunkt der beiden Kunstformen, der Film- und Theatermusik (darunter für „Antigone” 2015 an der Burg und für alle drei Staffeln von „Dark” auf Netflix), konnte sie schon international reüssieren. Könnte also ganz einfach sein: regelmäßig ein Album, dazu Livekonzerte und hier und da ein wenig Soundtrack: ein einträgliches und erfüllendes Leben für eine österreichische Künstlerin und Mutter in den besten Jahren. Nicht.
Denn eine kreative Urgewalt wie Plaschg sucht die Herausforderung, scheut nicht vor Grenzgängen zurück und sucht polarisierende Aufgaben. So wie in der aktuellen Seidl Film Produktion „Des Teufels Bad” unter der Regie von Veronika Franz und Severin Fiala, die sich ein besonders bedrückendes Kapitel der Auswirkungen von Katholizismus vornimmt. Für den Film, der in Oberösterreich des 18. Jahrhunderts spielt, hat Anja Plaschg nicht nur die stimmungsvolle Filmmusik beigetragen, sondern auch gleich die Hauptrolle übernommen. Sie spielt die junge Agnes, die heiratsbedingt aus dem heimatlichen Umfeld gerissen wird und trotz liebendem, wenn auch simplen Ehemann Wolf (ebenfalls brillant: Kabarettist David „Dave” Scheid) im neuen Umfeld keinen Halt findet. Die harschen Lebensbedingungen, gepaart mit der wenig empathischen Aufdringlichkeit der Schwiegermutter (grandios: Maria Hofstätter), setzen der entwurzelten Agnes zu. Nicht genug damit, bleibt der innige Kinderwunsch unerfüllt, und so schlittert die junge Frau, zwischen Heimweh, Aberglauben, heidnischen Ritualen und christlichen Zwängen irrlichternd, in einen depressiven Irrsinn, aus dem es für sie nur noch einen tragischen Ausweg gibt (den wir an dieser Stelle jedoch nicht spoilern wollen).
In der die Umstände perfekt reflektierenden, spartanischen Inszenierung, die noch dazu mit sehr wenig Dialog der authentisch wortkargen weil geplagten Bewohner der unwirtlichen Umgebung auskommt, schultert Plaschg in der tragischen Titelrolle die bei weitem größte Aufgabe. Und die meistert sie bravourös. Sei es als zunächst pflichtbewusste Jungvermählte und später völlig entrückte, von traumatischen Eindrücken und grausamen Halluzinationen geplagte Seele: Plaschg liefert mutig ab.
Dabei unterstreicht ihr musikalischer Beitrag stets perfekt die Stimmung: allein leise vor sich hinsingend oder begleitet von wuchtigen, düsteren Klängen, findet sie immer die richtigen Töne, nicht nur akustisch, sondern auch im mal nuancierten, mal kraftvollen Schauspiel. Nichts davon wirkt dabei gekünstelt oder gar mittels Method Acting erzwungen. Der Zuseher gewinnt einen glaubhaften Eindruck davon, wie die junge Frau, völlig auf sich allein gestellt, mit ihren düsteren Visionen und seelischen Qualen allein gelassen wird, bis es zu spät ist und die ungeschickten Rettungsversuche von Wolf auch nicht mehr greifen. In dieser Rolle übrigens, ungewohnt ernst und schweigsam, gibt David Scheid im Gegensatz zur ORF-Mockumentary „Dave” eine überraschend ruhige Facette seines Talents vor der Kamera ab und manifestiert perfekt die vom Zuseher empfundene Hilflosigkeit gegenüber Agnes’ geistigem Verfall.
Plaschg zeigt in der Rolle der Agnes keine Zurückhaltung: Nacktheit, vollen Körpereinsatz und Mut zur Hässlichkeit bringt sie ebenso in den auf einer wahren Person basierenden Leinwandcharakter ein, wie mädchenhafte, verspielte Feminität. Parallel dazu ist auch das Arrangement und die Auswahl der Instrumente zu den unterschiedlichen Musikstücken immer mit Bedacht gewählt. Dissonante Klavierklänge, sphärische Synthie-Teppiche, aber auch Streicher, historische Instrumente wie die Drehleier und letztlich auch die eigene Stimme passen immer exakt zur Szenerie, die auch vom übrigen Sounddesign kompetent begleitet wird. Detto Kamera und Licht; nicht umsonst konnte der Film schon bei der Viennale Preise für Sounddesign, Drehbuch und Kamera einheimsen, sondern wurde auch beim Österreichischen Filmpreis in satten elf Kategorien nominiert.
„Des Teufels Bad” ist ein wichtiges, bedrückendes und auf internationalem Niveau überzeugendes Filmwerk, das vor allem durch die intensive, überzeugende Arbeit von Anja Plaschg vor der Kamera und im Studio einem dunklen Kapitel der Geschichte erhebliches Gewicht verleiht. Ein modernes Meisterwerk, nicht nur für Filmgeeks.
Im Volksmund des 18. Jahrhundert sagte man über melancholische Menschen, dass sie im Bad des Teufels gefangen seien. „Des Teufels Bad“ bezeichnete ein Phänomen, das auch heute noch ein großes gesellschaftliches Tabu und Problem darstellt: die Depression. Der Film fußt auf dem Buch „Defiled Trades and Social Outcasts: Ritual Pollution in early modern Germany” von Kathy Stuart und hat das historische Phänomen des „mittelbaren Selbstmords” zum Thema: Selbstmord galt zu dieser Zeit strenger katholischer und protestantischer Gläubigkeit als schlimmste aller Sünden, auch, weil man es nicht mehr bereuen konnte. Und so begangen zumeist Frauen, die an Depression litten, rituelle Mordtaten insbesondere an Kindern, damit sie verurteilt und hingerichtet werden konnten.
Geboren am 5. April 1990 in Gnas in der Südoststeiermark und aufgewachsen auf einer Schweinefarm, begann Anja Plaschg bereits als Teenagerin mit dem Schreiben und Aufführen von Musik am Klavier und galt schnell als „Wunderkind“. Kein Wunder, dass sie dieser Leidenschaft auch später folgte und schließlich an der Akademie der bildenden Künste in Wien studierte. Im zarten Alter von 18 Jahren veröffentlichte sie erstmals unter dem Pseudonym SOAP&SKIN, schlug dabei nicht nur national, sondern auch international insbesondere in Frankreich und Belgien Wellen, es wurden Parallelen zu Cat Power, Kate Bush oder Björk gezogen. In ihrer nach „Stillleben” (2012) ersten großen Rolle in „Des Teufels Bad” impersoniert sie die Bauerstochter Agnes, die im Film eine besondere Beziehung zu Schmetterlingen hat. Plaschg selbst sammelt tote Insekten. Über "Des Teufels Bad" sagt sie: "Für mich füllt 'Des Teufels Bad' ein Loch, weil er vom inneren Krieg, den Frauen erleben, erzählt."
Anja Plaschg alias SOAP&SKIN gastiert am letzten Tag des viertägigen LIDO SOUNDS, somit am 30. Juni, am Urfahrmarkt in Linz. Tickets gibt es bei oeticket.