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Unter Wasser mit Billie Eilish

15.04.2025 von Hannes Kropik

Musik trifft unsere Ohren – und berührt unser Herz und unsere Seele. Doch der erste Kontakt läuft nicht selten über die Augen: Fotos formen unsere Wahrnehmung von Künstlerinnen und Künstlern, bevor der erste Ton erklingt. So wie die Arbeiten von William Drumm, der Billie Eilish für ihr aktuelles Album „Hit Me Hard And Soft“ in den Tiefen ihrer Gefühle versinken ließ. Wir haben mit dem amerikanischen Unterwasser-Fotografen darüber gesprochen, warum Bilder in der Popmusik so wirkmächtig sind.

Musik spricht unsere Sinne an. Wir hören sie, wir spüren sie. Aber wenn wir richtig in ihre Stimmung eintauchen, spielen auch unsere Augen eine wesentliche Rolle. Denn die visuelle Ebene, sei es in Form von Fotos, Videos oder Visuals auf der Bühne, hilft uns, das Gehörte (noch) besser zu verstehen. Musik als Teil unserer Popkultur schafft außerdem Identifikationsräume. Und das tut sie nicht nur über ihren Klang, sondern auch über das Image, mit dem sie transportiert wird. Oft verstehen Fans das Aussehen einer Band, ihre bildhaft transportierte Attitüde bereits, bevor sie überhaupt den ersten Ton gehört haben. Ja, wir erwarten von Taylor Swift auf den ersten Blick einen anderen Sound als von Rammstein.

Fotos generieren ein Image

Stilbildende Fotografinnen und Fotografen schaffen es seit mehreren Jahrzehnten, Musikschaffende nicht nur zu portraitieren, sondern über originelle Inszenierungen, Perspektiven, oder Lichtstimmungen einen besonderen Wiedererkennungswert zu geben. Die deutsche Fotografin Astrid Kirchherr hat das Image der jungen Beatles mit ihrer Idee der Pilzkopffrisur maßgeblich geformt. Ihr Kollege Gered Mankowitz unterfütterte mit seinen Portraits parallel dazu den Hype um die Rolling Stones (und später um Jimi Hendrix).

Herb Ritts wiederum verlieh Megastars wie Madonna, Prince und Tina Turner in den 1990ern glamourösen Sex-Appeal. Annie Leibovitz sorgt mit ihren Inszenierungen von Stars wie Beyoncé, Bruce Springsteen oder Mick Jagger für ein Gefühl emotionaler Offenheit. Ihr Bild des nackten John Lennon, der seine – bekleidete – Ehefrau Yoko Ono umklammert, gilt aber nicht nur deshalb als eines der berühmtesten der Musikgeschichte, weil es zufälligerweise am Tag seiner Ermordung entstanden ist …

Immer wieder gelingt es Fotografinnen und Fotografen, in einem einzigen Bild den Sound perfekt einzufangen – und das oft nicht nur einzelner Tonträger, sondern gleich einer ganzen Lebenswelt. Denken wir an Mick Rock, der Lou Reeds „Transformer“-Cover ebenso fotografiert hatte wie Queens „Queen II“ – und der mit seinen Portraits David Bowies Charakter Ziggy Stardust optisch geprägt hat. Oder denken wir an Pennie Smith, die im richtigen Moment abgedrückt hat, als Clash-Bassist Paul Simonon sein Arbeitsgerät auf den Bühnenboden drosch und uns damit das kultige Cover zu „London Calling“ schenkte. Und natürlich an Jim Marshall, der nicht nur die Stimmung in Woodstock perfekt für die Nachwelt eingefangen hat, sondern mit Johnny Cash‘ Stinkefinger in San Quentin eine der stärksten Rock’n’Roll-Posen aller Zeiten festhalten konnte.

Dunkelheit und Melancholie

David Bowie, abgelichtet von Anton Corbijn

Einer der einflussreichsten Künstler an der Schnittstelle von Ton und Bild ist der Niederländer Anton Corbijn. „Seit den 1970ern hat er mit seinen Bildern die Art, wie wir Popkultur wahrnehmen, entscheidend geprägt“, schreibt Kuratorin Lisa Ortner Kreil zu seiner Werksschau „Favorite Darkness“, die noch bis 29. Juni 2025 im Kunstforum Wien gezeigt wird. Und sie erklärt: „Typisch für seine oft unkonventionell komponierten Portraits ist die Körnigkeit und bewusste Unterbelichtung – eine gewählte Dunkelheit und Melancholie.“

Der Sohn eines evangelischen Pfarrers, der am 20. Mai seinen 70. Geburtstag feiert, begann seine Karriere als freier Fotograf, 1980 wurde er Cheffotograf beim englischen Musikmagazin New Musical Express (kurz NME) – nicht zuletzt dank eines fast schon prophetischen Fotos von Joy Division kurz vor dem Freitod von Sänger Ian Curtis.

Anton Corbijn portraitierte in der Folge zahllose Musikerinnen und Musiker, oft in vermeintlich privaten Momenten. Mit Acts wie U2, Metallica und Herbert Grönemeyer kooperierte er immer wieder. Mit einer Band verbindet ihn aber (seit 1981) eine besondere Beziehung und Freundschaft, die weit über das künstlerische hinausgeht: Seit Mitte der 1980er-Jahre fungiert der Fotograf als Artdirektor von Depeche Mode. Anton Corbijn konzipiert und realisiert die visuelle Ebene der britischen Superstars – egal, ob Plattencover, Bühnenbilder oder Musikvideos. „Der mystische, dunkle Klang der Band und die archaische, schlichte Bildsprache – Musik und Bild finden hier perfekt zusammen“, urteilt Kuratorin Lisa Ortner Kreil.

(Und, ja, an dieser Stelle könnten wir uns in den Arbeiten des Regisseurs Anton Corbijn verlieren, der unter anderem folgende Musikvideos gedreht hat: „One“ von U2, Nirvanas „Heart Shaped Box“, „Have You Ever Really Loved A Woman“ von Bryan Adams, Metallicas „Hero Of The Day“, „Mensch“ von Herbert Grönemeyer, Coldplays „Viva La Vida“, „All These Things That I’ve Done“ von The Killers oder Arcade Fires „Reflektor“. Aber das, geneigte Leserin, geneigter Leser wäre tatsächlich eine andere Geschichte …)

zur Corbijn-Ausstellung

Unter Wasser mit Billie Eilish

Eines der auffälligsten Albencover der jüngeren Vergangenheit fotografierte der amerikanische Unterwasser-Spezialist William Drumm. Er tauchte 2024 mit Billie Eilish ab, um sie für ihr drittes Album „Hit Me Hard And Soft“ abzulichten. Grund genug für uns, ihn zum ausführlichen Talk zu bitten.

William, warum ist die optische Ebene aus deiner Sicht so wichtig für die Musik?

Ich denke, dass die Leute eine visuelle Vorstellung von den Gefühlen brauchen, die sie vom Album bekommen werden. Ich meine, es gibt so viele ikonische Cover, bei denen man sofort die Musik im Kopf hat, wenn man an sie denkt. Bei Unterwasserfotos denke ich natürlich an Nirvana und ihr „Nevermind“-Album. Die Optik ist ein tief verwurzelter Bestandteil der Musik – und wenn sie nicht wirklich zum Sound passt, dann schadet das dem ganzen Erlebnis. Daher ist es aus meiner Sicht lebenswichtig, den kreativen Ausdruck der Musik auch visuell durch die Fotografie darzustellen.

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Billie Eilish gekommen?

Ich arbeite schon sehr lange als Unterwasserfotograf. Mich fasziniert es, wie Licht aufs Wasser trifft und wie Strahlen nach unten fallen, wie sie zerlegt und von verschiedenen Objekten oder Lebewesen im Wasser reflektiert werden. Ich liebe diese tiefen Schatten, diese unvergleichliche Stimmung. Und ich habe erkannt, wie viel Kraft diese Bilder haben – gerade, wenn es darum geht, unsere Umwelt zu dokumentieren und damit sogar ein Bewusstsein für die Notwendigkeit des Naturschutzes zu schaffen. Was ich aber eigentlich sagen wollte: Irgendjemand aus Billies Team hat meine Bilder auf Instagram gesehen und mich kontaktiert (lacht).

Deine Bilder mit Walen, Delfinen, Merlinen – und hin und wieder einem menschlichen Model daneben – sind tatsächlich beeindruckend. Aber die Arbeit mit Tieren unterscheidet sich doch sicherlich von einem Shoot mit einem menschlichen Superstar?

Natürlich! Anfangs wusste ich nicht, wen ich fotografieren sollte. Ich wusste nur, dass ihnen besonders diese Bilder von den Walen sehr gefallen haben, neben denen ein Mensch in der riesigen, dunklen Tiefe so unglaublich klein erscheint. Erst nachdem ich zugesagt hatte, habe ich erfahren, wen ich da eigentlich fotografieren sollte. Und ich dachte mir: „Oh, mein Gott! Billie Eilish! Da muss wirklich alles perfekt sein!“

Warst du nervöser als normal?

Ich wusste, dass ich es schaffen würde. Ich wusste aber auch, dass ich ein perfektes Set-up schaffen müsste. Normalerweise fotografiere ich im offenen Meer. Wilden Tieren ist es im Grunde egal, was du tust, im besten Fall schwimmen sie interessiert auf dich zu. Deine Aufgabe als Unterwasserfotograf ist vor allem, dich möglichst richtig zu positionieren, sodass das Licht passt – und dann basiert sehr viel auf Glück und Zufall. Bei Billie war das natürlich anders. Wir haben einen Tank in Hollywood angemietet und sehr viel Zeit in die richtige Beleuchtung investiert. Letztendlich haben wir das Sonnenlicht mithilfe einer sieben mal sieben Meter großen Softbox, also einer epischen, wunderschön weichen Lichtquelle simuliert.

(Bilder: William Drumm)

Was unterscheidet das Fotografieren unter Wasser sonst noch vom Fotografieren an Land?

Das Wasser ist nicht der natürliche Lebensraum des Menschen. Wir können unter Wasser nicht atmen, und das bedeutet, dass Models unter Wasser ihre Posen nur sehr schwer halten können, sie können ihr Gesicht kaum bewusst zu bestimmten Ausdrücken verziehen – und es ist praktisch unmöglich, keine Luftblasen zu produzieren. Die Aufgabe ist wesentlich komplexer als an Land, weil es so viele unberechenbare Variablen gibt. Und deshalb hat der Shoot mit Billie Eilish auch gute sechs Stunden gedauert.

Wie war die Zusammenarbeit mit Billie Eilish aus deiner Sicht? In einem Interview bei Stephen Colbert hat sie erzählt, es wäre – direkt am Tag nach den Grammy-Awards 2024 – eine ihrer brutalsten und schmerzhaftesten Erfahrungen gewesen …

Es hat enorm geholfen, dass es ihre eigene Idee war, unter Wasser zu fotografieren. Sie wollte unbedingt dieses Gefühl von Traurigkeit und von Sehnsucht einfangen, vom Durchleben schwieriger Momente und vom Wieder-Herauskommen. Und sie wollte, dass es wirkt, als würde sie im Ozean versinken. Ich weiß nicht, ob sie sonst so lange durchgehalten hätte. Aber sie war wirklich enorm interessiert am gesamten Projekt. Und sie hat immer die Übersicht bewahrt und Kontrolle über den gesamten Entstehungsprozess gehabt. Nach jedem Tauchgang hat sie die Bilder ganz genau angeschaut und detailliert nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht. Zum Beispiel: „Schau mal, mein Fuß sieht komisch aus, den muss ich ein bisschen anders halten.“

Kannst du uns noch ein bisschen in die Stimmung am Set eintauchen lassen?

Wir waren sehr fokussiert. Es war ein etwa 20-köpfiges Team. Wir hatten einen Monitor im Wasser und zwei weitere an Land, auf denen wir unsere Fotos sofort anschauen konnten. Mit mir und Billie waren immer mindestens drei Sicherheitstaucher im Wasser: Einer unter ihr, einer rechts, einer links. Sie haben sie sanft in die richtige Position gezogen, sind dann aus dem Bild geschwommen – und ich habe abgedrückt. Wir haben an diesem Tag mehrere tausend Aufnahmen gemacht.

Wer hat dann entschieden, welches der sogenannte „money shot“ ist? Also das Bild, das ausgewählt und am Albumcover zu sehen sein wird?

Das war ein langer Prozess. Nach einer schnellen Durchsicht sind ein paar hundert Bilder übriggeblieben, dann habe ich mit meinem Team und Billie mit ihrem Team eine genauere Auswahl unserer Favoriten getroffen. Interessanterweise waren unsere Auswahlen recht ähnlich, und so haben wir uns auf 100 Bilder geeinigt, dann gab es weitere Meetings und am Ende haben wir uns auf die 20 besten Motive geeinigt und die alle nachbearbeitet. Ich weiß nicht mehr, wer tatsächlich die Entscheidung getroffen hat. Aber Billie hat eine sehr spezifische Vorstellung davon, was sie will …

„Hit Me Hard And Soft“ hat sich mittlerweile mehr als drei Millionen Mal verkauft, das Album war Nummer 1 in Österreich, Deutschland und England, in den USA war es zumindest auf Platz 2. Wie hat sich der Hype auf dein eigenes Leben ausgewirkt?

Massiv! Nachdem mich Billie auf Instagram getaggt hat, hatte ich binnen kürzester Zeit 100.000 neue Follower. Und ich habe mehrere Folgeaufträge bekommen. Was mir sehr viel bedeutet hat, war das Feedback von Billie und ihrem Team: Sie haben mich nämlich nicht nur als Fotografen wahrgenommen, sondern als Regisseur. Denn immerhin habe ich ja nicht nur fotografiert, sondern tatsächlich dieses große Team reibungslos koordiniert.

Anton Corbijn ist übers Fotografieren ja tatsächlich zum Regisseur geworden. Wäre dieser Weg für dich vorstellbar?

Ja, absolut. Ich habe schon damit begonnen, Videos für meinen eigenen YouTube-Kanal zu produzieren und würde gern Musikvideos drehen. Aber ich weiß auch, dass dieses Bild von Billie Eilish ikonisch ist. Ich möchte mehr solcher Bilder produzieren und damit unvergessliche Momente schaffen. Videos sind heutzutage sehr schnelllebig geworden. Einzelne Bilder haben oft viel mehr Kraft. Ein gutes Foto kann für immer bleiben.

Der “Hit Me Hard And Soft”-Tourstopp von Billie Eilish am 6. Juni in der Wiener Stadthalle D ist leider bereits restlos ausverkauft, aber dafür kommt ihr Bruder Finneas gut einen Monat später, am 16. Juli, in die Raiffeisen Halle im Gasometer!

Mehr Konzertempfehlungen für die Raiffeisen Halle im Gasometer findet ihr [an dieser Stelle].


Live-Termine


Finneas - "For Cryin' Out Loud!"

16. Juli 2025 | Wien, Raiffeisen Halle im Gasometer


Infos auf dem Stand vom 15.04.2025  

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