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Warum sollten wir uns überhaupt für Politik interessieren?

26.02.2025 von Stefan Baumgartner

Auch wenn ich selbst kinderlos bin, so folge ich dennoch gerne der Kolumne im allwöchentlichen ZEIT-Magazin von Tillmann Prüfer. Der deutsche Journalist schreibt dort im wöchentlichen Wechsel über seine vier Töchter im Alter von 25, 19, 17 und 11 Jahren. Aus aktuellem Anlass war die Deutschlandwahl Thema seiner letzten Kolumne, die sich um seine älteste Tochter Luna drehte und mit “Wen soll ich wählen?” überschrieben war. Seine Tochter Luna hat, wie so viele Österreicher*innen bei unseren Wahlen wohl auch, den Wahl-O-Mat (das Pendant zum Wahlrechner) bedient und war frustriert: Die Partei Die Linke, 2007 aus der Verschmelzung der SPD-Abspaltung WASG und der Linkspartei PDS entstanden, würde am besten zu ihr passen, verriet ihr die Wahlentscheidungshilfe. Allerdings fürchtete Luna trotz ihrer inhaltlichen und programmatischen Zustimmung, dass ihre Stimme eine verlorene sein könnte, wenn es die Linken nicht ins Parlament schaffen. Ein Dilemma!

Die Wahl ist mittlerweile geschlagen, und während sich auf CDU/CSU und AfD etwas mehr als die eine Hälfte der Sitze im Bundestag aufteilen, teilen sich SPD, GRÜNE und Linke etwas weniger als die andere Hälfte. Verloren war Lunas Stimme also nicht, sofern sie tatsächlich die Linken gewählt hat.

Aber Luna hat noch ein ganz anderes Problem: Sie traut den Parteien nichts zu. Sie sieht lauter ältere Männer, die mit sich selbst sehr zufrieden sind. Und bei alldem, so erzählt ihr Vater Tillmann Prüfer, schwinge ein Gefühl mit: die Angst, dass alles ohnehin nur noch schlimmer wird. Luna fehlt vermutlich ein Grundvertrauen in die Demokratie - oder zumindest in ihre Akteure. Keine Wunder: Luna wächst in einer Generation auf, die in den vergangenen Jahren von einer endlosen Kette von Krisen begleitet war und so auch im Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät - während die Menschen, die eigentlich (langfristige!) Lösungen bieten sollten, nur blockieren und taktieren.

Politikverdrossenheit

Dieses Gefühl nennt man Politikverdrossenheit. Und damit steht Luna oder ihre deutschen Alterskolleg*innen nicht alleine da, die Politikverdrossenheit zieht sich um die Welt, durch alle sozialen und Altersschichten. Und, salopp gesagt, auch Österreich hat den Blues: Im Jahre 2022 erhoben die Universitäten Graz und Krems im Zuge ihres Demokratiemonitorings, dass 73 Prozent der 4.570 Befragten angaben, Österreich hätte sich in den letzten Jahren negativ entwickelt. 23 Prozent der unter-30-Jährigen sehen zudem die Demokratie mit ihren Problemen nicht als Idealmodell - im Schnitt 12 Prozent in sämtlichen Altersschichten (!) wünschen sich einen starken Mann als Alternative. 63 Prozent gaben an, das politische System in Österreich müsse "grundlegend umgebaut" werden - kein Wunder, überwiegt doch die Ansicht, dass Politiker*innen alles andere als klar und zukunftsorientiert, mit einer längerfristigen Perspektive, auf Probleme reagieren.

Ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung misstraut den zentralen Akteuren der Politik, zweifelt an der Leistungsfähigkeit der Politik, ist mit den Ergebnissen politischer Entscheidungen nicht einverstanden, empfindet Politik persönlich häufig als ungerecht. Das Ansehen der Parteien und die Glaubwürdigkeit der Politik sind also stark erodiert. Immer mehr werfen Politiker*innen vor, sie würden nur an sich und die eigene Karriere oder die Interessen der eigenen Parteien denken und ausschließlich auf den nächsten Wahltermin fixiert sein. Bürger*innennähe, Ehrlichkeit, Glaubwürdigkeit und Weitblick werden hingegen vermisst.

Die größte Krux an dieser Sache: Der Anteil derjenigen Bürger*innen, die KEINER Partei - egal ob links, rechts oder in der Mitte - die Lösung der wichtigsten Probleme im Lande zutraut, nimmt seit Jahren stetig zu. Und ich muss gestehen, auch wenn ich älter als Luna bin und ich mich durchaus rational einem politischen Lager zuordnen würde: Ich vertraue dem Koch meines Stammlokals, dass auf den Teller kommt, was auf der Karte steht - immerhin heißt mein Stammkoch nicht Konstantin Filippou. Ich vertraue dem Piloten, der mich von Wien nach Birmingham, zum allerletzten Konzert von Black Sabbath, fliegen wird. Und ich vertraue sogar meinem Bankbetreuer, dass er sich nicht meinen Kontostand in der Höhe von 12,37 Euro einstreift und auf die Caymaninseln verschwindet. Aber vertraue ich einem Christian Stocker, einem Herbert Kickl, einem Andreas Babler, einer Beate Meinl-Reisinger oder einem Werner Kogler? Nein. Ich vertraue vielleicht einzelnen Akteuren politischer Parteien, aber mein Vertrauen an die Lenker und Drahtzieher ist geringer als an den sprichwörtlich seidenen Faden.

Politikverdrossenheit bedeutet nicht Desinteresse

Aber machen wir nicht den Fehler und setzen Politikverdrossenheit mit einem generellen Desinteresse an politischen Themen gleich, das greift zu kurz. Viele derjenigen, die sich selbst als politikverdrossen bezeichnen, sind nicht uninteressiert an politischen und gesellschaftspolitischen Fragen, sondern lediglich frustriert über das System und/oder die Akteure, die sie als eben wenig transparent, korruptionsanfällig oder ineffektiv empfinden. Sie lehnen nicht die Politik als solche ab, sondern vielmehr die Art und Weise, wie sie betrieben wird. Daraus resultiert oft eine höhere Affinität zu Protestbewegungen - ich denke da etwa an die Letzte Generation - und auch eine neue Form des politischen Engagements: Menschen, die traditionelle politische Strukturen ablehnen, beteiligen sich dennoch an gesellschaftlichen Debatten, vielleicht sogar intensiver als Menschen, die der Politik weiterhin ihr Vertrauen schenken und meinen, mit dem Kreuz in der Wahlkabine sei die staatsbürgerliche Pflicht ohnehin abgefrühstückt.

Politikverdrossenheit, das ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit, sondern eine legitime Reaktion auf die Wahrnehmung eines Systems, das als entkoppelt von den Interessen der Bürger*innen empfunden wird. Wenn man aber nun kein*e Mitläufer*in ist, ein*e Stammwähler*in einer Partei, sondern ein aktivistischer, weiß- oder wechselwählender Mensch, dann ist es natürlich unabdingbar auch zu wissen, wovon man spricht. Nichts ist schlimmer, als ohne Wissen eine Meinung zu haben. Aber: Woher das Wissen ziehen? Es haben nicht alle Menschen den Beruf und die Zeit eines Falter-Chefredakteurs, der in der Früh einmal gemütlich mit fünf, sechs Tageszeitungen in den Tag startet.

Die Meinungsbildner

Nicht nur die Welt selbst, sondern auch die Informationsbeschaffung wird immer komplexer: Was früher zwei oder drei Tageszeitungen, Radio und Fernsehen leisteten, serviert heute ein Pluralismus an Kanälen auf dem Silbertablett. Gerade junge Menschen nutzen eine Vielzahl von (mehr oder weniger vertrauenswürdigen) Quellen, um sich über politische Themen zu informieren - laut dem Bericht “Junge Menschen & Demokratie 2024” 66 Prozent der 16- bis 26-Jährigen zumindest einmal pro Woche, dafür aber gleich 96 Prozent über mehr als nur einen Informationskanal. Gerade TikTok (32 Prozent) und Instagram (59 Prozent) spielen bei den Jungen für politische Informationen eine bedeutende Rolle - und bilden so für die traditionellen Kanäle Fernsehen (50 Prozent) und Tageszeitungen (57 Prozent) eine Klammerstellung.

Wenn politische Informationsbeschaffung nicht über traditionelle, regulierte und überwachte Kanäle erfolgt, birgt dies freilich Risiken, aber auch Chancen - zumal traditionellen Medien ohnehin eine Lenkung und Gewichtung nachgesagt wird: Ja, die Gefahr von Verbreitung von manipulierender Desinformation ist (auch aufgrund fehlender Quellenangabe) ebenso vorhanden, wie das Risiko eines Entstehens von Echokammern; Algorithmen sozialer Medien verstärken bestehende Meinungen, indem sie Nutzer*innen vor allem mit Inhalten konfrontieren, die ihre Sichtweise bestätigen. Aber dafür wird durch diesen Kanalpluralismus die Berichterstattung demokratisiert: Auch Stimmen, die in klassischen Medien wenig Gehör finden, können sich dieses verschaffen und neue Perspektiven einbringen - oft auch im direkten Austausch. Und selbstverständlich: Die Unabhängigkeit dieser Kanäle von etablierten Medienhäusern, etwa vom ORF, ist nicht zu verachten - so kann (zumindest in der rosaroten Traumvorstellung) kritische Berichterstattung stattfinden, ohne wirtschaftlichen oder politischen Zwängen zu unterliegen.

Apropos: Der Österreichische Rundfunk (ORF) ist, und das ist in den gesetzlichen Rahmenbedingungen festgehalten, ein “unabhängiges öffentlich-rechtliches Medienunternehmen”. Seine Aufgabe ist eine “objektive und unparteiliche Berichterstattung, unter Berücksichtigung der Meinungsvielfalt”. Dennoch wird dem ORF seit Jahrzehnten vorgeworfen, unter dem Einfluss politischer Parteien zu stehen - die Zusammensetzung des ORF-Stiftungsrats, in dem Vertreter der Regierung und der Landesregierungen dominieren, nährt Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit des Senders.

Der ORF-Anchorman und der ORF-Dauergast

Ich zahle so gern den ORF-Beitrag, wie viele andere auch: Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2023 befürworten nur etwas über die Hälfte der Österreicher*innen die Gebühr. Nutzungstechnisch wäre bei mir wohl tatsächlich nur ein Bruchteil gerechtfertigt: Lineares Fernsehen findet in meinem Haushalt kaum mehr statt, und großer Fan österreichischer Krimi-Produktionen bin ich auch nicht. Allerdings begründen in meinen Augen schon zwei kluge Köpfe meinen Obolus: ZiB 2-Moderator Armin Wolf einerseits, sein Dauergast und Politikwissenschaftler Peter Filzmaier andererseits.

Armin Wolf, Jahrgang 1966, ist für seine penibel vorbereiteten, messerscharfen Live-Interviews mit Politikern landesbekannt. Für seinen Stil wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, gerade vom rechten Spektrum aber auch vielfach kritisiert. Sein Wissen und Können hat er sich unter anderem im Politikwissenschafts-Studium angeeignet - als Student von Peter Filzmaier, Jahrgang 1967. Kaum ein anderer versteht es wie er, Analysen so klar und pointiert zu verfassen, und selbst schwerverdauliches politisches Schauspiel kann er mundgerecht zerlegen. 2019 wurde Filzmaier für den österreichischen Fernsehpreis Romy in der Kategorie “Information” nominiert und erhielt die Auszeichnung “Kommunikator des Jahres” - sein ehemaliger Student Wolf lobte in seiner Laudatio seine “präzisen, punktgenauen, unparteiischen und oft amüsanten Analysen”. Es gebe, so Wolf weiter, “kaum jemanden, der öffentlich so gut kommuniziert wie Filzmaier”. Tatsächlich haben Filzmaiers Analysen von Wahlen nicht selten mehr Zuschauer als die Diskussion der Parteichefs selbst. Warum? “Filzmaier redet Klartext”, erklärte ZiB 2-Redaktionsleiter Christoph Varga. Wir sehen also - und dabei muss man nicht immer ihrer Meinung sein oder ihren Einschätzungen zwingend folgen - dass Wolf und Filzmaier wie Pech und Schwefel sind.

Gerade im direkten Zusammenspiel schaffen sie es, der verwirrenden und verworrenen Welt der Politik etwas Ordnung zu verpassen und gerade mit ihren Hintergrundanalysen Zusammenhänge auch für Otto und Ottilie Normal verstehbar zu machen. Deutlich wird dies nicht nur im TV-Studio, sondern auch bei ihrem gemeinsamen Podcast “Der Professor und der Wolf”, der in mittlerweile 14 Episoden das 1x1 der (nicht nur) österreichischen Politik erklärt. In der lockeren Atmosphäre des FM4 Studios nehmen sie sich mehr Zeit als sonst, um ganz grundsätzlich über Politik zu reden - weg von tagesaktuellen Schlagzeilen erklären sie die Basis dessen, worauf unser Zusammenleben in Österreich basiert. Und beantworten eben auch die Frage, wieso man sich überhaupt für Politik interessieren sollte. Auf diesem Podcast fußt auch das im Brandstätter-Verlag erschienene Buch “Der Professor und der Wolf”, in dem wir auf knapp 200 Seiten vom Bundespräsidenten über die Regierung, das Parlament, die Parteien und die Bundesländer bis hin zur Neutralität, der EU, sowie zu Themen wie der Demokratie und dem Zusammenhang zwischen Politik und Medien reisen: Basiswissen für ein Basisverständnis, wie die Welt in Österreich tickt - und all dies in einem lockeren Plauderton zwischen Filzmaier und Wolf.

Plaudern werden die beiden Koryphäen schließlich auch auf der Bühne, und zwar im Wiener Globe, sowie im Theater im Park - fast nur über Politik, aber auch über Sport. Obwohl Armin Wolf sich dafür recht wenig interessiert - außer für Curling. Aber das verachtet Peter Filzmaier. In dem Sinne: Geht wählen, und zwar Karten für “Der Professor und der Wolf”!


Live-Termine


Peter Filzmaier & Armin Wolf

29. März 2025 | Wien, Globe (um 15:30 Uhr und 19:30 Uhr)
22. Juni 2025 | Wien, Theater im Park
14. September 2025 | Wien, Theater im Park


Infos auf dem Stand vom 26.02.2025  

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