Bild: Jan Frankl
Kabarettist Michael Bauer im Interview über sein neues Programm, Beinahe-Erfolge im Alltag, das Überwinden von Ängsten und wieso er froh ist, erst mit 40 Jahren mit Kabarett begonnen zu haben.
Viele kennen ihn auf Social Media unter dem Namen „Heidelbeerhugo“. Manche sagen auch Ribiseldjango zu ihm. Hollunderheinzi hört man zwischendurch auch. Und im Pressetext ist ebenso von Brombeerbertl, Gurkengustl und Paprikapeppi zu lesen. Auf der Bühne kennt man ihn aber unter seinem echten Namen: Michael Bauer. Und eins ist klar: Egal, wie man ihn nun nennen und rufen mag – Michael Bauer ist wie Du und Ich.
Das wird schon in den ersten Sekunden unseres Gesprächs mit ihm klar. Wie ein alter Freund erzählt er von der Seele weg von seiner derzeitigen Verkühlung, von seinen alten Jobs im Marketing-Bereich großer Firmen, von seiner über alles geliebten Familie, von seinem derzeitigen Abnehmen-Projekt (bereits 25 Kilo seit Februar dieses Jahres!), von Ängsten, von großen und kleinen Hoppalas im Leben. Seine tiefe Stimme (perfekt für einen Podcast – den er auch bis vor kurzem noch veröffentlichte; „Am Boden geblieben“ hat er geheißen und gibt’s immer noch zum Nachhören und -schauen auf YouTube) ist ebenso beruhigend wie seine Ausstrahlung. Man darf’s sagen: Michael Bauer ist wie ein großer kuscheliger Teddybär, den man auch dann nicht mehr hergeben möchte, wenn er schon in die Jahre gekommen ist.
Nicht, dass Michael Bauer und sein Kabarett bereits in die Jahre gekommen seien. Im Gegenteil: Sein Debütprogramm „Was frag ich auch so blöd?“ feierte erst im Spätsommer 2023 Premiere, da war Bauer bereits 40 Jahre alt. Im besten Alter, doch vergleichsweise spät für einen Kabarett-Rookie. Der geborene Wiener ist aber froh darüber, erzählt er uns, so wie er allgemein sehr froh über sein derzeitiges Leben zu sein scheint. Hier spricht und kalauert eindeutig jemand, der seine Mitte gefunden hat, dank Familie und Kabarett. Dieser Mix aus Seelenfrieden, Warmherzigkeit und ein klein wenig naiver Tollpatschigkeit ist es auch, der Bauers Programme so authentisch macht.
Glaubwürdig wie nur wenige seiner Humor-Kollegen erzählt er vom Alltag, von den (scheinbaren) Nichtigkeiten des Lebens, die jede*r von uns nur allzu kennt (aber nur selten zugibt). Bauer wird dabei zur Projektionsfläche einer Gesellschaft, die sich danach sehnt, gesehen zu werden. Er bietet – dann doch ungewöhnlich komplex – eine Art von Eskapismus, die tief verwurzelt im Alltag ist. Eine Regel gibt’s dann aber doch: Gelacht wird stets nur miteinander, nicht übereinander. Weil Liebe und Verständnis beim Winnie Puuh der österreichischen Kabarettszene ganz tief verankert sind.
Und auch, wenn Bauer gerne vom Zehen-Anhauen am Nachtkastl oder von scheußlichen Blähungen seiner Frau erzählt, die sogar die Ur-Oma aus dem Grab holen, so wird’s doch nie (nur) profan bei seinen Reisen ins Alltägliche. In seinem neuen Programm „10-Meter-Turm“ etwa geht’s um Beinahe-Erfolge im Leben und wie man damit umgeht. Egal, ob’s am Ende ein Köpfler, eine Arschbombe oder ein Bauchfleck wird: Gelernt hat man am Ende immer etwas. Und wenn nicht, hat man zumindest gelacht. Dafür steht Michael Bauer mit seinen vielen Namen.
Der Titel lautet „10-Meter-Turm“, weil ich grundsätzlich von Haus aus ein Schisser bin, ein Angsthase, und ich oft im Leben dieses Gefühl hatte, überfordert zu sein. Soll ich mich trauen? Soll ich mich nicht trauen? Ich habe Angst!
Und die Metapher dafür ist eben der 10- Meter-Turm, weil ich glaube, dass das ganz viele Leute nachvollziehen können. Ich erzähle sehr viele Geschichten aus meinem Leben, aus meiner Kindheit mit meiner serbischen Mutter, die auf dieses Angsthaben eingehen. Also zum Beispiel erzähle ich, dass ich als Kind zu einem Freund gefahren bin und da musste ich auf den Liftknopf drücken, wo drunter gestanden ist: „Alleinfahrt für Kinder unter 12 Jahren verboten.“ Ich war damals elf und ich habe mir vorgestellt, dass ich jetzt ins Kindergefängnis muss und bis ich dann wieder draußen bin, bin ich 14, meine halbe Jugend ist dann vorbei und so weiter.
Ich möchte das Publikum auf diese Reise mitnehmen. Ich versuche auch, live im Publikum solch einen 10-Meter-Turm-Moment zu erschaffen.
Naja, es ist eine Überraschung, aber ein kleiner Tipp: Ich bin ein alter Kuppler. Aber es ist für niemanden unangenehm. Ich freue mich immer, wenn die Leute mitmachen. Es ist noch nie irgendetwas Schlimmes passiert. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass man ganz tolle Menschen kennenlernt, und dass man vielleicht einen noch schöneren Abend hat, als man ihn sowieso schon hat.
Ich habe schon befürchtet, dass du mir diese Frage stellst. Da kommt wieder ein bisschen der Schisser ins Spiel. Also ich habe schon öfters darüber nachgedacht, von einem echten Zehn-Meter-Turm zu springen, aber ich habe es tatsächlich noch nie getan. Meine Managerin hat vorgeschlagen, dass es ja total cool wäre, wenn wir für das Programm ein Foto ganz oben am Turm machen oder dass ich gefilmt werde, wie ich tatsächlich von einem Zehn-Meter-Turm springe. Doch LEIDER habe ich bis jetzt noch nicht die Zeit dazu gefunden!
Vielleicht hängt es auch mit der Angst vor dem Sterben zusammen. Ein Fünf-Meter-Turm war bisher das Höchste für mich und auch da war ich, glaube ich, nicht wirklich bei Bewusstsein. Also kurz vorher habe ich das Bewusstsein verloren und dann bin ich irgendwie runtergekippt. Insofern würde ich sagen, dass ich auch noch nicht einmal von einem Fünf-Meter-Turm gesprungen bin. Gefallen, ja, aber gesprungen nicht.
Ja, ich war ein sehr ängstliches Kind, weil ich relativ viel alleine war und sehr viele Dinge alleine auf die harte Tour rausfinden habe müssen. Ich hatte einen recht großen Freundeskreis. Ich bin in Alterlaa aufgewachsen – da lernst du zwangsweise Leute kennen, die du lieber nicht kennen würdest und da musst du dich irgendwie rauswinden aus den Situationen. Zum Beispiel musste ich mal als Elfjähriger Zigaretten kaufen gehen. Da hab ich dann so auf Erwachsener getan und versucht, auf Augenhöhe mit dem 60-jährigen Trafikanten zu agieren. An solchen Situationen wächst man. Ganz oft scheitert man aber auch.
Heute habe ich das große Glück, dass ich eine ganz liebe Familie, einen tollen Sohn und eine tolle Frau habe, die mir sehr oft die Angst nehmen. Weil ich bin nach wie vor sehr vorsichtig, sagen wir es mal so. Ich gehe kalkulierte Risiken ein, aber ich kein Draufgänger. Ich bin kein Indiana-Jones-Typ, schlage mich mit keiner Machete durch den Dschungel. Ich bin kein Abenteurer.
Sehr mutig von dir, das zuzugeben.
Nein, zumindest in meinem Umfeld nicht. Auch in der Generation meines Sohnes – er ist jetzt 19 – beobachte ich das ebenfalls nicht. Diese Generation finde ich sensationell toll, sowohl die Burschen als auch die Mädels. Ich sage immer: mein Sohn ist das Update von mir, die verbesserte Version. Die jungen Leute reden viel offener über Dinge, als wir es früher getan haben. Und es stimmt zum Beispiel auch nicht, dass sie nichts arbeiten wollen. Das Gegenteil ist der Fall, sie sind sehr fleißig und gescheiter, als ich es beispielsweise bin und je war.
Als ich jung war, hatte man schon noch bisschen Angst davor, zuzugeben, wenn man Angst hatte. Oder zu zeigen, wenn man weint. Das hat man mit Schwäche gleichgesetzt. Die jungen Menschen heute – beide Geschlechter – sind diesbezüglich schon viel weiter. Das ist eine sehr schöne Entwicklung.
Sehr, sehr offen. Wir sind alle sehr kuschelig miteinander, sitzen zusammen, reden oder schauen einen Film – und weinen dann auch, zum Beispiel bei „König der Löwen“! Bei diesem Film weine ich schon beim Intro! (lacht)
Die habe ich bereits überwunden. Bevor ich Kabarettist geworden bin, hatte ich sehr große Angst, mein Leben zu verschenken und zu vergeuden. Etwas zu machen, das keinen interessiert, das kein einziges Leben von jemandem eine Sekunde lang verbessert. Dass ich in der Belanglosigkeit irgendwo versumpere. Eine damals enge Freundin war in der Sterbebegleitung tätig und erzählte mir, dass jene Menschen, die Sachen ausprobiert haben, egal ob sie dabei erfolgreich waren oder nicht, friedlicher und beruhigter eingeschlafen sind als jene, die immer nur das Leben für andere gelebt haben und die sich nie überwunden haben oder ein Risiko eingegangen sind. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.
Bei einem Spaziergang am Zentralfriedhof habe ich dann entschlossen, meinen alten Job aufzugeben und Kabarettist zu werden. Am Ende des Tages, wenn wir feucht unter der Erde liegen, weiß niemand mehr, ob wir Angst hatten oder ein Abenteurer waren. Es geht eigentlich nur darum, dass man jetzt für sich selbst weiß, dass man Risiken und Wagnisse eingegangen ist. Und dabei vielleicht auch eine Gaudi gehabt und das Leben von Menschen besser gemacht hat. Gerade letzteres bestätigen mir oft Leute, nachdem sie mein Programm gesehen haben: zum Beispiel konnten sie endlich wieder lachen, seitdem ein Angehöriger von ihnen gestorben ist. Das bedeutet mir viel. Ich denke, Kabarettist ist eine Art von Sozialberuf.
Viel, viel glücklicher. Ich musste mich schon recht anstrengen und überwinden, brav ins Büro zu gehen. Das Arbeiten kam mir schwerfällig vor, weil ich keinen Sinn in meinem Tun gesehen habe [Michael Bauer war im Marketing-Bereich großer Firmen tätig; Anm.]. Eine Excel-Tabelle nach der anderen ausfüllen hat mich absolut nicht erfüllt und hat meine Motivation kaum hochgeschraubt. Ich bin jeden Tag ins Büro gegangen und habe mir gedacht: Wieso eigentlich mache ich das? Ob ich die Arbeit mache oder ein trainierter Schimpanse, macht keinen Unterschied.
Aber: Ich wusste, ich bin der Lustige im Büro. Wenn es um die Weihnachts- oder sonstige Betriebsfeiern ging, war ich immer sehr engagiert. Ich war der Unterhalter. Das war der Bereich, wo ich glänzen konnte. Es hat aber 20 Jahre gedauert – von meinem 20. bis zum 40. Lebensjahr –, bis ich so weit war, um es aushalten zu können, wenn mir jemand sagt, ich sei unlustig und blöd. Das ist nämlich der andere Teil des Kabarettist-Seins: Man exponiert sich sehr.
Wenn ich zum Beispiel an einen Justin Bieber denke, der schon mit 14 Jahren in dieses Entertainment-Business, in dieses Haifischbecken, reingestoßen wurde, da merkt man halt, dass das für die mentale Gesundheit nicht das Beste ist. Weil man ja noch mittendrin in der Entwicklung ist. Dass ich erst später Entertainer wurde, ist also einer meiner großen Glücksfälle. Jetzt kann ich mit Kritik umgehen, wobei ich Gott sei Dank noch nie wirklich schlimme Kritik bekommen habe. Es ist natürlich leichter, von „75318-Wurtsalat“ im Internet kritisiert zu werden als von jemandem, der wirklich Ahnung von der Materie hat.
Es hat auf jeden Fall eine Entwicklung gebraucht. Wobei ich auch mit 20 Jahren schon lustig war und vielleicht hätte ich auch Kabarettist sein können, hätte ich mein heutiges Umfeld bereits gehabt. Aber ich glaube, ich habe die ersten 20 Jahre in meinem Leben einfach den Leidensdruck aufbauen müssen: Ich musste genug von meinem Job genervt sein, um wirklich etwas zu ändern. Das ist ein bisschen wie mit dem Abnehmen, was ich ja gerade mache. Ich habe auch erst dick genug sein müssen, bevor ich etwas dagegen unternommen habe. Das ist immer so bei mir. Ich bin ja bequem. Wenn es mir noch nicht schlecht genug geht, mache ich noch 15 Jahre so weiter.
Dass viel mehr geht, als man sich eigentlich zutraut. Eine mütterliche Freundin hatte mich vor zehn Jahren gefragt: Wovor hast du Angst, wenn es darum geht, Kabarettist zu werden? Und ich meinte: „Was ist, wenn keiner lacht?“ Und sie antwortete: „Was, wenn doch?“ Dieser kleine Satz hat in mir drin sehr viel verändert. Ich habe mich auf das schöne Gefühl, Leute zum Lachen zu bringen, konzentriert. Wenn dich 60 Prozent in Österreich lustig finden, dann sind das bereits an die vier Millionen Menschen – das ist doch wunderbar! Da kann man schon ein wenig Glück in die Welt hinaustragen und ein schönes, erfülltes Leben führen.
Aber nochmal: Meine Familie hält mir so weit den Kopf frei, damit ich mich überhaupt um die Nichtigkeiten des Lebens kümmern kann. Wie redet jemand? Was wäre das stärkste Tier auf der Welt, wenn alle Tiere so groß wären wie eine Ziege? So etwas geht mir den ganzen Tag im Schädel herum.
Ich nehme mich nicht sehr ernst. Ich glaube, das ist auch Teil meiner Persönlichkeit und Teil meines Erfolges. Wenn ich auf der Bühne stehe, bin ich eingebettet in eine Hülle aus Liebe und Zuneigung – das rede ich mir zumindest ein. Was soll also schon passieren? Wenn ich einen Texthänger habe, dann sage ich das auch ganz offen und frage das Publikum, ob es weiß, wie es weitergeht – was wiederum für Lacher sorgt.
Es gibt ganz vieles, über das ich nie Witze machen würde. Ich bin zwar politisch interessiert, aber dieses Thema kommt in meinen Programmen nicht vor. Ich möchte nicht den 700. Kickl-Witz bringen. Es ist immer leicht, sich selbst zu erhöhen, bestimmte Gruppen klein zu machen und auf sie draufzuhauen. Vielmehr lache ich mit meinem Publikum über meine eigenen Unzulänglichkeiten. Ich bin der Depp den ganzen Abend. Wichtig ist: Du musst das Gefühl haben, dass du mir nicht weh tust, wenn du lachst. Wir beide finden es lustig, wie deppert ich bin. Sobald diese Baseline da ist, ist alles gut.
Viele Leute sind bereits zu mir gekommen und haben sich dafür bedankt, dass ich ihnen nicht erkläre, wie sie das Leben zu leben haben. Oder wen sie wählen sollen. Ich bin nicht belehrend. Ich brauche das nicht. Egal wie du lebst, es ist für mich in Ordnung. Mein Ziel ist es, dass die Unterschiedlichkeiten, die man mit dem Sitznachbarn hat, während meines Kabarettabends unwichtig werden. Danach kann man sich ja wieder uneinig sein.
Weil die Leute diese Dinge kennen. Die kleinen Dinge sind außerdem jene, die den Alltag emotionalisieren. Viel öfter passieren im Alltag Kleinigkeiten anstatt Großes. Und wie reagiert man darauf? Was sind die Eigenheiten des anderen? Wieso frisst meine Familie an einem Tag ein Kilo Bananen und am nächsten Tag, wenn ich deshalb mit drei Kilo Bananen heimkomme, sagen sie mir: „Wir mögen ja gar keine Bananen!“ Solche Dinge finde ich lustig, auch wenn ich sie natürlich etwas überspitzt darstelle. Und ich habe Gott sei Dank das große Glück, wenn ich etwas lustig finde, dann finden es auch andere lustig.
Ich sage außerdem Dinge, die man sich oftmals nicht auszusprechen traut. Zum Beispiel, wenn die Frau neben dir im Bett so stark furzt, dass man danach glaubt, man muss sterben und man sieht schon die tote Ur-Oma vor einem stehen.
Im Alltag habe ich ganz viele Beinahe-Erfolge. Zum Beispiel, wenn ich Spaghetti esse und mein weißes T-Shirt verschont bleibt – und dann patze ich mich in der letzten Sekunde doch an. Dasselbe, wenn ich Milch aus dem Packerl trinke – heimlich übrigens, denn meine Frau hat es mir eigentlich verboten. Auch hier geht es also wieder um die kleinen anstatt großen Dinge des Alltags.
Definitiv letzteres. Das ist ja so wie Videospielen: Wenn man alle Cheats besitzt, wird das Spiel fad und uninteressant. Mit dem Leben verhält es sich gleich. Wo bleiben die Herausforderungen, wenn man alle Träume bereits verwirklicht hat?